Stellt euch vor: Es ist Spätsommer, September. Die Tage werden kürzer. Zeit, Kartoffeln zu ernten. Die "Erdäpfel", wie wir sie in Franken nennen, kommen zu Oma. Dort werden sie in der Scheune gelagert. Sonntags, nach der Kirche, gibt es Klöße mit Braten. Die Kinder toben in den Wäldern. Die Welt scheint in Ordnung, in diesem 80-Seelen Dorf in Oberfranken. Es war die beste Kindheit, die ich mir hätte wünschen können.

Viele Jahre später bin ich die Erste in meiner Familie, die an die Uni geht; unter anderem nach Oxford, um Diplomatie zu studieren. Beim Abendessen drehen sich die Gespräche um Neoliberalismus und feministische Außenpolitik. Der Habitus der Leute, die mich plötzlich umgeben, ist mir fremd.

Inzwischen fliege ich für den Job mit dem Außenminister nach Brasilien, Mexiko und Kolumbien. Ich habe Zugang zu exklusiven und elitären Netzwerken und bin Direktorin meiner eigenen Organisation. Empfänge sind im Bundeskanzlerinnenamt oder auf der Dachterrasse des Auswärtigen Amtes.

Kristina Lunz ist Mitgründerin des Centre for Feminist Foreign Policy mit Sitz in London und Berlin. Sie studierte in London, Oxford und Stanford Psychologie, internationale Politik und Diplomatie. © privat

Es gibt kaum Berührungspunkte zwischen diesen beschriebenen Welten. Ich kenne beide. In der einen aufgewachsen, in die andere hineingewachsen. Man könnte sagen: Ich habe es geschafft, und könnte mich darüber freuen. Aber mich beunruhigt, wie wenig diese Welten miteinander interagieren und wie wenige Menschen beide kennen. Dass die Arbeiterklasse unter sich bleibt, sich nach außen abgrenzt. Dass politische und wirtschaftliche Eliten oft wenig Bewusstsein für andere Lebensrealitäten haben, die sie mit ihren Entscheidungen maßgeblich beeinflussen. Letztes Jahr sagte ein Minister, Hartz IV bedeute keine Armut, während er selbst das Zigfache verdient. Wie kommt er zu so einer Aussage?

"In unserer Gesellschaft sind nicht die Intelligentesten und Kreativsten am erfolgreichsten. Sondern diejenigen, die Privilegien genießen"
Kristina Lunz

Soziale Mobilität ist ein Mythos. "Ein sozialer Aufstieg über Bildung ist de facto nicht mehr möglich in Deutschland. Ausschlaggebend sind die soziale Herkunft und die finanziellen Kapazitäten der Eltern", so die Wissenschaftlerin Meltem Kulaçatan. Die Statistik gibt ihr Recht: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 79 ein Hochschulstudium. Bei Nicht-Akademikerfamilien sind es 27. Ein Auslandsjahr in der Oberstufe oder nach dem Abitur machten bei uns zu Hause nur die Kinder von Lehrern und Ärztinnen.

In unserer Gesellschaft sind nicht die Intelligentesten und Kreativsten am erfolgreichsten. Sondern diejenigen, die Privilegien genießen, wie Zugang zu Geld, Kultur, Bildung und Informationen. Die Menschen aus den unterschiedlichen Welten unterscheiden sich nicht in ihren Fähigkeiten, sondern darin, ob sie an oder sogar vor der Startlinie antreten. Oder viele Meter weiter hinten, mit Gewicht an den Beinen, unwissend wie die Strecke verläuft. Unser Anspruch als Gesellschaft muss es sein, allen dieselben Start- und Laufbedingungen zu geben. Wenn wir darin versagen, driften wir immer weiter auseinander.

"Ohne sozialen Kontext sagt eine Aufreihung an Stipendien, Auslandsaufenthalten und Elite-Unis viel mehr über den Hintergrund der Eltern als über die Fähigkeiten der Bewerberinnen"
Kristina Lunz

Klar, die großen Weichen für Umverteilung und Chancengleichheit müssen durch Politik gestellt werden. Doch die gute Nachricht ist: Wir alle können etwas tun. Das geht ganz konkret: Wenn wir zum Beispiel in die Position kommen, andere einzustellen, dann lasst uns genau hinschauen, ob dafür nicht vielleicht ein Arbeiterkind infrage kommt. Polierte Lebensläufe mögen beeindrucken. Aber ohne sozialen Kontext sagt eine Aufreihung an Stipendien, Auslandsaufenthalten und Elite-Unis viel mehr über den Hintergrund der Eltern als über die Fähigkeiten der Bewerberinnen selbst.