"Co-Working ist tot", sagt Nico Gramenz, der CEO der Factory Berlin kurz nachdem er die Leitung im Januar 2019 übernommen hat. Die Factory, das ist neben einem Community-Space in Berlin-Mitte ein imposantes Backsteingebäude am Rande des Görlitzer Parks in Kreuzberg: mit fünf Etagen, 14.000 Quadratmetern, Platz für mehr als 1.000 Schreibtische – aber um die gehe es gar nicht mehr.

Mit seinem Satz will Gramenz natürlich provozieren. Denn eigentlich ist Co-Working gerade überall. Vom Gemeinschaftsbüro für Freelancer, die auf der Suche nach günstigen Mieten und Gesellschaft fürs Mittagessen und das Feierabendbier sind, hat sich das Co-Working zur attraktiven Büroalternative für Start-ups und ganze Abteilungen von Großunternehmen entwickelt. Der größte Co-Working-Anbieter WeWork eröffnet seine Filialen schneller als er Kundinnen gewinnen kann, acht Büros gibt es zurzeit allein in Berlin, 836 auf der ganzen Welt.

Doch das Beispiel WeWork zeigt auch: Der Markt für Co-Working-Anbieter ist härter geworden. Weil unklar ist, ob WeWork in naher Zukunft profitabel werden wird, wurde das Unternehmen kurz vor dem geplanten Börsengang schlechter bewertet als zuvor angenommen, nur 20 statt 47 Milliarden Dollar soll es aktuell wert sein. Seinen Börsengang verschob das Unternehmen daraufhin und auch der Vorstandsvorsitzende Adam Neumann trat zurück. WeWork und die Konkurrenten Regus, Design Office oder Mindspace müssen sich etwas einfallen lassen, um Kunden davon zu überzeugen, ihren Laptop gerade in ihren Räumen aufzuklappen. Einige Anbieter setzen deshalb auf Nischen: Inzwischen gibt es Co-Working nur für Frauen, für Hundebesitzer oder mit integrierter Kita, für Eltern.

Die Einrichtung: Standard hip

Blickt man sich in der Factory um, unterscheidet sie sich kaum von anderen Co-Working-Spaces: Rohe Wände, Glühbirnen ohne Lampenschirme, Sofas, die man glaubt aus Starbucks-Filialen zu kennen. Um die 3.000 Mitglieder arbeiten zurzeit in der Factory, an zwei Standorten in Berlin, in gläsernen Bürozellen, auf Sofas, an langen Holztischen, mal im Bällebad. Die Mehrheit der Mitglieder seien Gründer, Freelancer und kleinere Start-ups. Aber auch hier sitzen kleine Teams von großen Unternehmen wie Google, Siemens, Audi oder Deutsche Bank. Sie wollen von den Start-ups lernen, "Gründer-Spirit" in die oft schwerfälligen Traditionsunternehmen bringen und Kontakte zu kreativen, hochmotivierten Leuten knüpfen. So weit, so bekannt ist dieses Konzept aus anderen Co-Working-Büros.

Seit Ende Anfang vergangenen Jahres hat sich eine Sache verändert, die einen in Zeiten eines Überangebots erst mal den Kopf schütteln lässt. Die Factory ist teurer geworden. Bis vor Kurzem zahlten sogenannte Voll-Mitglieder für Schreibtisch und Zugang zu Angeboten, Workshops und Veranstaltungen nur 50 Euro im Monat. Seit November 2018 sind es 119 Euro. Eine Preissteigerung von über 100 Prozent.

„Wer einfach nur einen Schreibtisch sucht, ist hier falsch."
Nico Gramenz, CEO der Factory

Auch ist es für neue Kundinnen und Kunden schwierig, der Factory beizutreten. Neue Mitglieder können nicht einfach einen Vertrag unterschreiben, sie müssen sich bewerben. "Wer einfach nur einen Schreibtisch sucht, ist hier falsch", macht Factory-Chef Nico Gramenz, 40 Jahre alt, schwarze Berlin-Uniform mit weißen Sneakers, klar, und auch das klingt nach marketingfähiger Provokation. Statt Schreibtische zu vermieten, suche die Factory Talente, die etwas zur Gemeinschaft der Kreativen beitragen können. Die Factory will nicht mehr nur Community sein, wie sich auch andere Anbieter nennen, sondern Innovationsgemeinschaft, community of innovators. Statt einfach nur nebeneinanderher zu arbeiten und zusammen Mittagessen zu gehen, sollen die Mitglieder der Factory zusammenarbeiten, denken, entwickeln, kreieren und letztlich gründen. Gramenz würde sagen: "Innovation schaffen".

Dass Innovation nicht von allein kommt, weiß er nur zu gut. Bevor Gramenz CEO wurde, war er selbst Factory-Mitglied. Damals arbeitete er als Strategiechef bei Siemens Mobility, eine Sparte des Konzerns, die sich mit Bahntechnik beschäftigt. Er und seine Kollegen hatten sich in der Factory eingemietet, um "sich von der Kreativität der anderen inspirieren zu lassen". Passiert sei dann aber erst mal gar nichts. Heute sagt er, er habe es damals falsch angegangen. "Ich habe genauso gearbeitet wie zuvor bei Siemens, habe Mails geschrieben und Anrufe und Termine hinter verschlossener Tür gemacht", sagt Gramenz. Auch deshalb gibt es in der Berliner Factory sogenannte Community Manager, die beim Türöffnen helfen sollen. Schon bei der Anmeldung fragen sie die neuen Mitglieder nach ihren Zielen: Wo wollt ihr hin? Was wollt ihr in zwölf Monaten erreicht haben? Welche Kontakte sucht ihr? Dann bringen die Community Manager Freelancer, auf der Suche nach Aufträgen, und Start-ups oder Unternehmen, auf der Suche nach Talenten, zusammen.