Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt, warum so viele Apps und Computerprogramme rote Signale verwenden, wenn eine neue Nachricht oder eine neue Aufgabe eintrudelt? Na klar: Rot ist Signalfarbe, wir sind geradezu biologisch darauf getrimmt, hinzusehen und draufzuklicken! Und schon ist die Aufmerksamkeit wieder unterbrochen, der gedankliche Faden zerrissen. Am Computer oder auf dem Handy ist jede Ablenkung nur einen Klick weit weg, es wird einem leicht gemacht, an der Oberfläche zu bleiben, statt in die Tiefe zu gehen – der Begriff "Surfen" beschreibt das, vielleicht unbeabsichtigt, mit. 

Das führt zu Sorgen, dass weniger Bücher gelesen werden, aber auch, dass zu viel digitaler Stress am Arbeitsplatz konzentriertes Arbeiten unmöglich macht, während gleichzeitig die ständige Erreichbarkeit ein komplettes Abschalten erschwert und die Arbeitenden dann nicht erholt genug sind, wenn sie aus Wochenende oder Urlaub zurückkommen. Die meisten Firmen, so scheint es, würden ihren Kuchen am liebsten aufessen und behalten: Sie wollen ständig erreichbare und erholte, hochkonzentrierte Mitarbeiter. 

"Die Verantwortung wird dem einzelnen Individuum zugeschoben."
Lisa Herzog, Philosophin

Und natürlich mangelt es auch nicht an Vorschlägen, wie mit dem digitalen Aufmerksamkeitsproblem umzugehen sei. Sie reichen vom Tipp, den Smartphone-Bildschirm auf Graustufen umzustellen (dann wird keine Rot-Reaktion ausgelöst) über Kerzen und Zimttee (statt Handy!) vor dem Schlafengehen bis hin zu den täglichen 15 Minuten "auf den eigenen Atem hören". Nichts gegen diese Vorschläge, aber auffällig ist doch: Die Verantwortung wird dem einzelnen Individuum zugeschoben. Wer heute sein Humankapital optimal vermarkten will, hat eben auch die eigene Aufmerksamkeit und Erholung selbst zu managen! 

Aufmerksamkeit – und damit auch ihre digitalen Feinde – sind aber keine rein individuelle Angelegenheit, sondern eine gesellschaftliche, und, in gewissem Rahmen, auch eine politische. Schon im Jahr 1998 prägte Georg Franck den Begriff der "Ökonomie der Aufmerksamkeit". Doch Google, Facebook, Instagram, WhatsApp und wie sie alle heißen führen den Kampf um unsere Aufmerksamkeit mit noch viel raffinierteren Mitteln, als dies damals vorstellbar war – selbst einige ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Firmen haben das inzwischen eingesehen. Internetfirmen wollen maximale Interaktionszeit, damit die Chance maximiert wird, auf Werbung zu klicken. Und wie könnte dies besser gelingen als dadurch, dass man uns ständig neue, immer noch aufregendere Links vorführt, noch mehr aufpoppende Fenster mit neuen Nachrichten hat?  

Das war immer das Ziel der Werbeindustrie, wie Tim Wu in seinem Buch The Attention Merchants schreibt. Was er aber auch zeigt: Es gab immer wieder Gegenbewegungen; der Unwille der Konsumenten, immer mehr Bereiche ihres Lebens der Werbung zu überlassen, führte in der Vergangenheit zu verschiedenen gesetzlichen Regulierungen zur Eindämmung von Werbung, um die Hoheit über die Aufmerksamkeit neu zu definieren. Auch der Philosoph und Motorradmechaniker Matthew B. Crawford, der mit seinen Überlegungen zur seelenbildenden Wirkung handwerklichen Arbeitens berühmt wurde, sorgt sich in seinem jüngsten Buch über das Ausmaß, in dem wir als Gesellschaften die Aufmerksamkeit dem Kommerz überlassen. Dadurch werde es schwerer, als Individuum einen genuin eigenen Lebensentwurf zu finden – und außerdem etwas zu erhalten, was er attentional commons nennt. Also gemeinsame Räume der Aufmerksamkeit, die nicht von Werbung, laufenden Fernsehern und anderen Ablenkungsmaschinen beherrscht werden, und in denen Träumereien und spontane Begegnungen mit anderen Menschen stattfinden können.

"Würde der Staat ein Gesetz erlassen, dass am Wochenende keine E-Mails für den Job geschrieben werden dürfen, würde auch das vermutlich munter umgangen."

Wer jetzt nach dem Staat ruft, liegt allerdings nur halb richtig. Sicherlich, es gäbe die eine oder andere sinnvolle gesetzliche Maßnahme, aber viele Dimensionen von Aufmerksamkeit betreffen so intime Entscheidungen im Leben von Individuen, dass der Versuch, sie gesetzlich zu regeln, schlicht illiberal wäre. Und vieles wäre wohl in der Praxis gar nicht durchsetzbar. Eine wohlmeinende Firma experimentierte damit, ihren E-Mail-Server am Wochenende abzuschalten – und eine Mitarbeiterin erzählte mir im nächsten Atemzug, dass sie dann eben die E-Mails auf dem Laptop vorbereite, abspeichere und am Montagmorgen verschicke. Würde der Staat ein Gesetz erlassen, dass am Wochenende keine E-Mails für den Job geschrieben werden dürfen, würde auch das vermutlich munter umgangen. Man könnte einfach chatten. Regeln alleine würden also nicht ausreichen.

Warum aber schrieb die Mitarbeiterin die E-Mails am Wochenende? Man darf vermuten, dass es vor allem die sozialen Normen und Erwartungen ihrer Kollegen waren, die sie dazu trieben: Die Arbeit war in der regulär vorgesehenen Zeit nicht zu schaffen, aber sie wollte niemand enttäuschen. Aber solche Normen und Erwartungen sind nicht in Stein gemeißelt – auch sie können geändert werden. Chefinnen können mit gutem Beispiel vorangehen, ständige Erreichbarkeit kann nicht nur Zustimmung und Bewunderung, sondern auch ein Stirnrunzeln auslösen. Anstatt uns gegenseitig darin zu bestärken, den digitalen Aufmerksamkeitsfressern ständig anheimzufallen, können wir uns auch darin unterstützen, ihnen zu widerstehen. Zusammen mit einem derartigen Kulturwandel könnten auch Regeln, sei es auf Ebene von Firmen oder durch Gesetze, ihre Wirkung entfalten. 

Ähnliches gilt auch für den Umgang mit den Aufmerksamkeitsfressern, die unser Privatleben so gerne erobern wollen. Die eine oder andere Sache kann und sollte sicher gesetzlich geregelt werden; so stellt sich etwa die Frage, wie die Politik den Rahmen für das Wettrennen zwischen Adblockern und Werbetreibenden gestaltet. Aber wie viel man das Smartphone in der Hand hat, wenn man mit Freunden oder Familienmitgliedern unterwegs ist, kann der Staat nicht regeln. Es kann aber durchaus unterschiedliche kulturelle Praktiken und Normen geben, die mehr oder weniger große attentional commons schaffen. Wer weiß, wie viele andere Veränderungen möglich würden, wenn durch ein bisschen weniger digitalen Aufmerksamkeitsklau neue Freiräume für das Weiterdenken spontaner Ideen oder für neue Begegnungen mit Mitmenschen entstünden!

Was dabei auf dem Spiel steht, ist die Art und Weise, wie wir arbeiten, aber auch, wie wir leben, in einem sehr existenziellen Sinn. Tim Wu zitiert den amerikanischen Philosophen und Psychologen William James: Die Erfahrungen eines Lebens sind das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit gerichtet haben. Die Beantwortung dieser Frage, individuell und gesellschaftlich, gehört nicht in die Hände des Marktes, sondern in die der demokratischen Debatte.