Regelmäßig berichten wir über Menschen, die im Berufsleben beispielsweise aufgrund ihres Geschlechtes oder ihres Äußeren benachteiligt werden. Wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen möchten, schreiben Sie an debatte-arbeit@zeit.de. Hier berichtet Gen Eickers, 29, davon, dass für Menschen, die trans seien, die Diskriminierung schon mit der Antwortmail auf die Bewerbung beginne. Auch in der Wissenschaft, wo Gen sich nach der Promotion als Postdoc beworben hat.

Ich habe im März meine Promotion abgeschlossen und habe während der Jobsuche festgestellt, dass Transfeindlichkeit im akademischen Berufsleben allgegenwärtig ist – von der falschen Ansprache in Mails, unbeholfenen Kommentaren auf Konferenzen bis zu Pronomen im Gespräch. Das ist psychisch extrem belastend. Denn transfeindlich zu sein, heißt für mich nicht nur, dass man aggressiv ist, jemanden körperlich bedroht oder ständig verbal gegen Menschen wettert. Es passiert auch weniger offensichtlich: wenn Menschen mich in Mails ständig mit "Frau Eickers" anschreiben oder mich vor anderen fragen, warum ich jetzt auf den Namen Gen höre. Das ist übergriffig, weil ich dann zu einer Erklärung gezwungen bin und mich outen muss. Trotzdem erlebe ich solche Situationen ständig. Dabei geht es mir wie allen anderen auch: Ich möchte mit Menschen arbeiten, die meine Identität respektieren.

"Ich verstehe mich als trans non-binär und glaube nicht, dass es nur männlich und weiblich gibt."
Gen Eickers, 29

Alle Stellenausschreibungen müssen deutschlandweit seit Anfang dieses Jahres geschlechtsneutral ausgeschrieben sein. Viele verwenden dafür den Genderstern oder setzen hinter die Berufsbezeichnung "m/w/d". Der Zusatz "d" steht dabei für divers. Im Prinzip bin ich mit diesem "d" gemeint, denn ich fühle mich nicht dem Geschlecht zugehörig, das mir bei der Geburt zugewiesen wurde. In meinem Fall ist das weiblich. Das heißt aber nicht, dass ich mich automatisch im männlichen Geschlecht verorte. Ich verstehe mich als trans non-binär und glaube nicht, dass es nur männlich und weiblich gibt. Also habe ich im Juni dieses Jahres den Geschlechtseintrag offiziell aus meiner Geburtsurkunde streichen lassen und meinen Geburtsnamen durch den geschlechtsneutralen Namen Gen ersetzen lassen. Diese persönlichen Entscheidungen führen im Beruf immer noch zu sehr unangenehmen Situationen.

Gen sagt: "Weil ich früher unter meinem alten Namen wissenschaftliche Artikel publiziert habe, aber auf meinem Lebenslauf der neue steht, kommt es oft zu Verwirrungen."

Erste Probleme treten beispielsweise schon bei den Referenzen im Bewerbungsschreiben auf. Weil ich früher unter meinem alten Namen wissenschaftliche Artikel publiziert habe, aber auf meinem Lebenslauf der neue steht, kommt es oft zu Verwirrungen. Dann muss ich mich entscheiden: Entweder ich oute mich sozusagen unfreiwillig als trans und gebe damit einer meistens völlig fremden Person etwas sehr Privates von mir preis – oder ich erkläre nichts, spare mir einige Nerven und verbaue mir vielleicht berufliche Chancen, weil mich mein Gegenüber für einen Freak hält oder einfach nur völlig verwirrt ist. Dabei sollte es meiner Meinung nach mir überlassen bleiben, wann und mit wem ich über dieses persönliche Thema spreche. Für den Stress muss ich mich jedes Mal aufs Neue wappnen, was enorm anstrengend ist – zusätzlich zum normalen Stress, den man beim Vorstellungsgespräch ohnehin schon empfindet.

"Gerade wenn man für die eigene Identität nicht so hart kämpfen musste und nicht weiß, welcher Schmerz dahintersteckt, kann man sich doch wenigstens bemühen."

Auch mit der Ansprache kommen viele nicht klar. Da ich mich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühle, möchte ich logischerweise auch nicht mit "Sehr geehrter Herr" oder "Sehr geehrte Frau" angesprochen werden. Das kommt vielen befremdlich vor. Menschen, mit denen ich zum ersten Mal kommuniziere, erkläre ich deshalb meistens, dass ich mir wünsche, mit "Hallo Gen Eickers" angesprochen zu werden. Eigentlich könnte man meinen, das sei recht einfach zu verstehen und umzusetzen. Tatsächlich bin ich aber nur wenigen Menschen begegnet, die dafür sensibilisiert waren. Von 15 Personen, mit denen ich in meiner Bewerbungsphase Kontakt hatte, haben nur zwei in ihren Mails geschlechtsneutral geantwortet – obwohl ich darum gebeten habe. Diese Ignoranz halte ich für respektlos. Gerade wenn man für die eigene Identität nicht so hart kämpfen musste und nicht weiß, welcher Schmerz dahintersteckt, kann man sich doch wenigstens bemühen.

Geschlechtsangleichung - "Sie sagen, 'Kastration' sei keine unmenschliche Voraussetzung" In sechs EU-Staaten müssen sich Transmenschen vor der Änderung ihres Geschlechtseintrags sterilisieren lassen. Die EU würde das gerne ändern, darf es aber nicht. © Foto: Sven Wolters