Der ungewöhnlichste Auftrag kam aus Russland. Ein DJ wollte einen Track mit Kalenderweisheiten in verschiedenen Sprachen aufnehmen. "Es ist besser, normal als fehlerlos zu sein" zum Beispiel, oder: "Wir reden von Träumen, als ob sie wahr wären." Der DJ schickte die Zeilen an den Nutzer Berlinvoice nach Deutschland, der sprach die Sätze in seiner schallisolierten Studioecke in seiner Einraumwohnung in Berlin-Gesundbrunnen ein, überarbeitete die Aufnahmen, schickte sie wieder nach Moskau. Eine halbe Stunde Arbeit, 15 Euro. "Ein netter Nebenverdienst", sagt der Sprecher.

Der 24-Jährige arbeitet hauptberuflich bei einem Brandenburger Radiosender, produziert dort kurze Einspieler und Werbespots. Seit Januar bietet er seine Sprecherdienste zusätzlich als Selbstständiger an, spricht Voiceovers, produziert Podcastintros. Buchen kann man ihn unter anderem über Fiverr, eine Onlineplattform für kreative Dienstleistungen.

Freelancer können auf der Seite ein eigenes Profil erstellen, samt der Leistungen, die sie anbieten und der entsprechenden Preise. Kunden buchen ihre Arbeit dann direkt auf der Seite. Ein bisschen wie Airbnb – nur dass man, statt eine Wohnung zu mieten, Kreativjobs in Auftrag gibt. 20 Prozent Vermittlungsgebühr nimmt die Plattform dafür pro Dienstleistung. Der Preis beginnt ab fünf Dollar, daher auch der Firmenname. 

Der Sprecher aus Berlin verlangt bei Fiverr aufgrund des niedrigen Preisniveaus auf der Plattform weniger als in seiner Branche üblich, sagt er. Deswegen möchte er nur mit seinem Usernamen in dem Artikel auftauchen. Zudem befürchtet er, nur noch über die Plattform als Sprecher gebucht zu werden – für weniger Geld, als er normalerweise verlangt.

Eine der ersten Plattformen der Gig-Economy

Nach Angaben von Fiverr wurden inzwischen 50 Millionen Aufträge auf der Seite abgewickelt, von mehr als 5,5 Millionen Käufern und über 830.000 Freelancern, Menschen aus insgesamt 160 Ländern. Seinen Ursprung hat das Unternehmen in Israel: Micha Kaufman und Shai Wininger, zwei Unternehmensgründer aus Tel Aviv, suchten 2010 nach einer Möglichkeit, schnell Leute zu finden, die kleine kreative Aufgaben für einen erledigen: Visitenkarten entwerfen, eine Glückwunschkarte schreiben oder ein Ständchen singen und das Ganze filmen. Alles zu einem kleinen Preis.

Neun Jahre später ist aus dem israelischen Start-up ein internationales Unternehmen geworden. Im Juni dieses Jahres ging Fiverr an die Börse. Es unterhält Büros in Israel, den USA, Großbritannien, seit einem Jahr auch in Berlin.  

Mittlerweile werden auf der Plattform längst nicht mehr nur Spaßjobs angeboten. Sprecher und Sprecherinnen, Übersetzer oder etwa Programmiererinnen bieten ihre Leistungen auf der Website an, teils zu Preisen, die in Deutschland unter dem Mindestlohn liegen.

In Deutschland ist Fiverr neben Freelancer.de und Gulp eine der großen Plattformen, auf denen Freiberufler ihre Arbeit anbieten können. Zwar entstehen immer wieder neue dieser Plattformen, doch viele halten sich nur wenige Monate. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind Gig-Economy-Plattformen schon immer eher ein Nischenphänomen gewesen. "Hierzulande machen Arbeitsvermittlungen über Plattformen heute wohl nicht mehr als ein Prozent der Arbeit aus", schätzt Holger Bonin, Forschungsdirektor am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Das Modell funktioniere eher da, wo es keine gute soziale Absicherung gebe, auf den Philippinen. Denn die Plattformen setzen darauf, eine Vielzahl an Diensten anbieten zu können – für wenig Geld.

Da ist der deutsche Grafikdesigner, der auf Fiverr für 4,82 Euro eine Computeranimation entwirft. Die Texterin, die für den gleichen Preis deutschsprachige Beiträge für Beautyblogs recherchiert und schreibt. Die Illustratorin, die für knapp fünf Euro Buchtitel gestaltet. Solche Anbieter sind – zumindest in Deutschland und den USA – die Ausnahme. Aber es gibt sie. 

Das hat dem Unternehmen viel Kritik eingebracht. Es verderbe die Preise, lautet ein Vorwurf. Es fördere prekäre Arbeitsverhältnisse, ein anderer. Fiverr war neben den Fahrdienstvermittlern Uber und Lyft eine der ersten Plattformen der sogenannten Gig-Economy – ein Teil des Arbeitsmarktes, in dem man sich von Auftrag zu Auftrag, von Gig zu Gig hangelt.