Wenn man jedes Kind in Deutschland gut betreuen wollte, bräuchte man bald 300.000 Erzieher und Erzieherinnen in Kitas. Das sagt der Nationale Bildungsbericht. Die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will den Beruf darum attraktiver machen. Nina Schreiber*, 38, arbeitet seit zehn Jahren als Erzieherin, derzeit leitet sie eine Kita in Berlin. Wir haben mit ihr über den Alltag von Erzieherinnen gesprochen, über schwierige Kinder und ängstliche Eltern.

ZEIT ONLINE: Warum wollen in Deutschland so wenig Menschen Erzieher werden?

Nina Schreiber: Das ist ganz offensichtlich: Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Eine Berufseinsteigerin verdient circa 2.600 Euro brutto in Vollzeit. Ich arbeite 35 Wochenstunden, also nicht ganz Vollzeit, und verdiene 2.700 Euro brutto. Für die Zusatzfunktion als Leiterin der Kita bekomme ich keinen Aufschlag. Das ist viel zu wenig für einen Job, der so viel Verantwortung mit sich bringt. Außerdem kommen bei uns auf eine Erzieherin zu viele Kinder. Der Betreuungsschlüssel in Berliner Kitas ist miserabel.

"Es kommt oft vor, dass eine Erzieherin plötzlich für 18 Kinder zuständig ist. Dabei sollte sie sich höchstens um zwei Einjährige kümmern. Oder um drei Unter-Dreijährige. Oder um fünf Über-Dreijährige."
Nina Schreiber, Erzieherin und Kitaleiterin

ZEIT ONLINE: Wie viele Kinder kommen denn auf einen Erzieher in Ihrer Kita?

Schreiber: Vier Einjährige. Oder sechs Zwei- bis Dreijährige. Oder neun Drei- bis Sechsjährige. Zumindest in der Theorie. In der Praxis ist immer eine Erzieherin krank oder im Urlaub. Es kommt oft vor, dass eine Kollegin dann plötzlich für 18 Kinder zuständig ist – also doppelt so viele wie vorgegeben. 

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten in Ihrer Kita als Erzieherin und gleichzeitig als Leiterin. Wie geht das?

Schreiber: Von meiner Zeit sind 25 Stunden für die Arbeit als Erzieherin geplant, zehn weitere für die Kitaleitung. Meistens schaffe ich allerdings nicht alle meine Aufgaben als Erzieherin in den vorgesehenen 25 Stunden. Da betreue ich nämlich nicht nur die Kinder, sondern bereite auch Elterngespräche vor und erstelle Förderpläne. Was ich da nicht schaffe, mache ich in den zehn Stunden für die Kitaleitung. Auch diese Stundenzahl ist aber zu knapp bemessen, denn theoretisch soll ich in dieser Zeit Dienstpläne schreiben, Erste-Hilfe-Kurse planen und alles organisieren. 

ZEIT ONLINE: Machen Sie viele Überstunden?

Schreiber: Möglichst nicht. Denn nach der Arbeit muss ich meinen Sohn aus seiner Kita holen – er geht in eine andere Kita. Mit der Zeit habe ich mir antrainiert, Orgakram sehr schnell zu erledigen. Und einiges bleibt auch einfach liegen. Das schiebe ich von Woche zu Woche. 

ZEIT ONLINE: Elterngespräche, Förderpläne: Hat jeder Erzieher diese Aufgaben?

Schreiber: Ja. Jeder Erzieher hat Bezugskinder, für die er mindestens einmal im Jahr Entwicklungsgespräche führen muss. Wenn man außerdem für Integrationskinder verantwortlich ist, also für Kinder mit erhöhtem Förderungsbedarf, führt man noch mehr Gespräche, in der Regel drei im Jahr. Ich mache das auch und bekomme dafür zusätzlich zu meinem Gehalt 50 Euro im Monat. 

"Meine Mitschüler sahen mich schräg an, als ich ihnen gesagt habe, dass ich jetzt Erzieherin werde"
Nina Schreiber

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie zu Ihrem Job?

Schreiber: Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Grundschullehramt studieren, bekam aber keinen Studienplatz. Deshalb begann ich eine Ausbildung zur Erzieherin. Das hat mir sofort Spaß gemacht. Nur die Reaktion meines Umfelds war komisch. Auf einem Klassentreffen sahen mich meine Mitschüler schräg an, als ich ihnen gesagt habe, dass ich jetzt Erzieherin werde. Ach echt, wolltest du nicht studieren, fragten sie? Als ob eine Ausbildung nicht so viel wert wäre wie ein Studium.

ZEIT ONLINE: Hat Sie das gestört?

Schreiber: Nicht wirklich, mir hat die Ausbildung ja Spaß gemacht. Im Gegensatz zu vielen meiner ehemaligen Mitschüler wusste ich damals schon genau, was mir Freude macht. Andere haben teilweise vor Kurzem erst ihr Studium abgeschlossen, weil sie mehrfach die Fachrichtung gewechselt haben, und verdienen dementsprechend jetzt das erste Mal richtig Geld. Das wäre nichts für mich gewesen. 

*Der Klarname der Protagonistin ist der Redaktion bekannt. Wir nennen ihn nicht, um berufliche Nachteile für sie zu vermeiden.