Mehr als die Hälfte der sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz geht von Dritten aus – zum Beispiel von Kunden oder Patientinnen. Das sagt eine neue Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sabine Oertelt-Prigione ist Professorin und Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Charité. Wir haben mit ihr über Hierarchien im Krankenhaus, übergriffige Patienten und erste Anlaufstellen für Betroffene geredet.

ZEIT ONLINE: Sie haben eine große Studie zum Thema sexuelle Belästigung in der Charité durchgeführt. Wie oft kommt es in der Klinik aktuell zu sexueller Belästigung?

Sabine Oertelt-Prigione: Genaue Zahlen dazu gibt es nicht, ich tippe allerdings darauf, dass es weniger Fälle als noch vor ein paar Jahren sind. In der Öffentlichkeit, aber auch bei uns im Haus, wird nun mehr über das Thema gesprochen. Das schreckt potenzielle Täter ab.

"Die Menschen, die in der Hierarchie weiter unten stehen, sind häufiger betroffen."
Sabine Oertelt-Prigione, Professorin an der Charité

ZEIT ONLINE: Passieren die Belästigungen mehr im Kollegenkreis – oder gehen sie von Patienten aus?

Oertelt-Prigione: Nach unseren Studien sind vor allem Mitarbeiterinnen betroffen, die von Kollegen belästigt werden – meistens verbal. Zum Beispiel sitzt eine Doktorandin mit ihrem Professor zusammen und der fängt an, über Urlaube zu reden, die sie zusammen machen könnten. Oder er sagt, wie gerne er sie im Bikini sehen würde. Doch es gibt auch Patienten, die bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übergriffig werden. In dem Fall trifft es eher das Pflegepersonal, die Übergriffe sind oft körperlich. Wenn eine Pflegekraft beispielsweise einen Patienten wäscht, kann es vorkommen, dass der sich an ihr festhält – an Brüsten, Hintern oder zwischen den Beinen. Und zwar nicht, weil es keine andere Möglichkeit gab, sich festzuhalten.

ZEIT ONLINE: Geht das auch Ärztinnen und Ärzten im Umgang mit Patienten so?

Oertelt-Prigione: Eher selten, und wenn, dann trifft es die jüngeren, unerfahrenen. Das liegt vor allem daran, dass Ärztinnen und Ärzte nicht so viel Zeit mit Patienten verbringen und ihnen körperlich nicht so nahe kommen wie Pfleger. Körperkontakt ist ein Risikofaktor für sexuelle Belästigung.

ZEIT ONLINE: Wir sprechen hier immer von Patienten, also Männern. Ist es richtig, dass die eher übergriffig werden als Patientinnen?

Oertelt-Prigione: Nach unseren Erkenntnissen sind Männer eher übergriffig als Frauen. Bei den Menschen, die sexuell belästigt werden, hält sich das Geschlechterverhältnis allerdings in etwa die Waage. 60 Prozent der von uns befragten Betroffenen waren Frauen, 40 Prozent Männer. Bei den Männern geht es unter anderem um Situationen, in denen sich ihnen gegenüber jemand homophob geäußert hat. Generell können wir sagen: Die Menschen, die in der Hierarchie unten stehen, sind häufiger betroffen. Denn bei sexueller Belästigung geht es nicht einfach um Sexualität, sondern um Machtmissbrauch.

"Viele Betroffene sind verunsichert, vor allem, wenn der Übergriff eher unterschwellig war."
Sabine Oertelt-Prigione

ZEIT ONLINE: Patienten befinden sich doch eigentlich in einer wenig machtvollen Position gegenüber den Pflegekräften, oder?

Oertelt-Prigione: In der Regel ja. Ein Großteil von ihnen ist ja auch nicht übergriffig. Manche Patienten kompensieren ihren gebrechlichen Zustand aber mit großspurigen Sprüchen. Oft werden auch unzurechnungsfähige Patienten grenzüberschreitend – beispielsweise, wenn sie stark alkoholisiert oder psychisch krank sind. Das kann das Pflegepersonal aber in der Regel gut einordnen.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die belästigt wurden?

Oertelt-Prigione: Zunächst mal könnten sie zu dem Patienten oder der Patientin sagen: Hören Sie, ich bin hier, um meinen Job auszuüben. Ich bin nicht hier, weil ich meine Freizeit mit ihnen verbringen will. Sie könnten also die professionelle Rolle ganz klar definieren. Meistens reicht das schon. Und wenn nicht, gibt es in der Charité verschiedene erste Anlaufstellen, denen sie sich anvertrauen können. Zum Beispiel die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, also ich, den Personalrat oder die direkte Vorgesetzte. Manchmal ist es auch leichter, erst einmal mit Kolleginnen oder Kollegen zu reden. Die Charité bietet außerdem im Intranet auf der Startseite einen Knopf an, auf den unsere Angestellten klicken können, wenn sie belästigt wurden. Dann wird ihnen die richtige Anlaufstelle angezeigt.

ZEIT ONLINE: Was passiert dort?

Oertelt-Prigione: Viele Betroffene sind verunsichert, vor allem, wenn der Übergriff eher unterschwellig war. Sie erzählen beispielsweise von Patienten, die sich beim Anziehen an ihnen reiben, sich dann aber gleichzeitig auch entschuldigen. Und angrinsen. Die Pflegekraft hat sich dabei unwohl gefühlt und fragt sich: Ist das schon ein Übergriff? Beim Reden wird oft klar: Ja, ist es. Dann entscheidet die betroffene Person, was als Nächstes passieren soll. Was wünscht sie sich? Möchte sie ein Dreiergespräch führen, das von uns moderiert ist? Oder will sie lieber nicht mehr mit dem grenzüberschreitenden Menschen konfrontiert sein? Welche Instanzen sollen eingeschaltet werden?

ZEIT ONLINE: Was kann man bei einem übergriffigen Patienten tun? Man kann ihn ja schlecht rauswerfen. 

Oertelt-Prigione: Das geht in der Regel wirklich nicht, man hat ja eine ethische Verpflichtung. Wenn er einen Schlaganfall hatte, kann man ihn natürlich nicht auf die Straße schicken. Aber man kann sich zum Beispiel an die Stationsleitung wenden. Sie könnte dem Patienten sagen, dass dieses Verhalten hier nicht akzeptiert wird. Und Respekt einfordern. Oder die Leitung tauscht die Schicht einer Pflegerin mit der eines Pflegers. Und schaut, ob sich der Patient dem Mann gegenüber genauso verhält. Sie kann auch immer zwei Mitarbeiter zusammen zu dem Patienten schicken. Oder mit seinen Verwandten reden. Und wenn alles nichts hilft, haben wir hier in der Klinik einen ausgezeichneten Sicherheitsdienst. Dessen Mitarbeiter sind Kummer gewöhnt. Im Notfall stellen sie sich dann eben während der Pflege mit ins Patientenzimmer. Das haben wir wirklich schon gemacht.