Sie wollen sich nicht mehr auf Papa Würth verlassen – Seite 1

Reinhold Würth war immer schon fleißig. "Hätte ich die von der Gewerkschaft geforderte 35-Stunden-Woche befolgt, würde ich jetzt hundert Arbeitsjahre feiern", sagt der Unternehmer, der im baden-württembergischen Künzelsau gerade sein 70. Dienstjubiläum feiert. Einige der Angestellten feiern mit. Es gibt Spätzle und Risotto mit Trüffel, ein Orchester spielt Mozart, Musik ist ihm wichtig. Würth, 84 Jahre alt, erzählt dazu von früher. Im Alter von 14 Jahren begann er eine Lehre im Schraubenhandel seines Vaters. Fünf Jahre später starb der Vater – und Sohn und Mutter übernahmen das Geschäft. 

Die Geschichte, wie der damals junge Mann mit einem Koffer voller Schrauben durch das Ländle zog, gehört zur DNA des Würth-Imperiums. Aus dem Zwei-Mann-Betrieb wurde ein Weltkonzern, der heute einen Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Euro erwirtschaftet. Würth beschäftigt 77.000 Mitarbeiter – davon mehr als 7.000 in Deutschland, viele in der Zentrale in Künzelsau. "Ohne meine Mitarbeiter wäre ich eine Null", sagt er. 

Das war vor acht Tagen. Eine Woche später ist wieder viel los in Künzelsau. Diesmal stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Mittelpunkt. All die Jahre arbeiteten sie bei Würth ohne formale Mitbestimmung. Lange genug, wie sie finden. An diesem Mittwoch gründen sie einen Betriebsrat. 190 Mitarbeiter stehen zur Wahl. Dem Konzern steht jetzt eine Zeitenwende bevor.

Ein Betriebsrat kann ungemütlich sein

Für einen Betriebsrat braucht man kein großes Unternehmen. Bereits fünf Angestellte reichen aus, um einen gründen zu können. Die Vertreter haben einen besonderen Kündigungsschutz. Damit können sie in ihrer Firma ohne Angst vor Konsequenzen mitreden: über so Wesentliches wie Arbeitszeiten, Überstunden, Weiterbildungsmöglichkeiten, Kündigungen. Für die Geschäftsführung kann das ungemütlich werden. Dennoch: Vielerorts werden Hierarchien abgebaut, demokratische Prozesse in Firmen etabliert. Immer mehr Führungskräfte erkennen, wie wertvoll es sein kann, wenn Mitarbeiter aktiv das Unternehmen mitgestalten. Ein Betriebsrat gehört für viele einfach dazu. Warum nur gab es bei Würth so lange keinen? Und was ändert sich jetzt?

Um die Antwort zu finden, muss man verstehen, wie Reinhold Würth jahrelang die Geschäfte geführt hat. Und wie er auf seine Mitarbeiter bis heute wirkt. 

Zwar stieg Würth 1994, da war er 59 Jahre alt, aus der operativen Leitung der Firma aus. Offiziell ist er in Rente. Doch bis jetzt hat er als Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats und Ehrenvorsitzender des Unternehmensbeirats viel mitzureden. In der Funktion überwacht er die Geschäftsführung und genehmigt Firmenausgaben.

Und auch ohne diesen Posten ist das Unternehmen noch fest in der Hand der Familie. Würths Tochter Bettina hat im Beirat den Vorsitz inne, Enkel sitzen in der Geschäftsführung. Die Familie gehört laut Forbes zu den 150 reichsten Unternehmerdynastien der Welt. Das Manager Magazin schätzte ihr Vermögen Anfang Oktober auf zehn Milliarden Euro und zählt sie zu den elf wohlhabendsten Familien Deutschlands.

Reinhold Würth, 84, Unternehmer und Kunstliebhaber © Sebastian Gollnow/​dpa

Wann Reinhold Würth sich wirklich aus der Firma zurückzieht, ist laut Unternehmen noch unklar. In Künzelsau hat er einen Spitznamen: Papa Würth. Ein Papa, der Regeln vorgibt. Ein Papa, der auch mal streng ist. Der viel leistet – und auch von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel fordert.

So erhielten einige von ihnen beispielsweise im Jahr 2012 einen Brandbrief – signiert von Reinhold Würth. Darin klagte Würth über "Mini-Umsatzsteigerungen" und schrieb: "Bitte vergessen Sie nicht, dass Sie die schönste Zeit Ihres Lebens im Beruf verbringen." Er erwarte, "dass die Umsatzsteigerungsrate dramatisch zunimmt. So wie es im ersten Halbjahr gelaufen ist, kann es keinesfalls weitergehen". 

Aber Würth ist auch ein Papa, der sich um die Angestellten sorgt. Er hat in der 15.000-Einwohner-Gemeinde eine Grundschule gebaut, eine Akademie, ein Restaurant und ein Museum, das denen in den großen Städten Konkurrenz macht. Hier können Interessierte Werke vieler bekannter Künstler – Baselitz, Christo und Picasso sind darunter – besichtigen. Würth gilt als einer der größten Kunstsammler der Welt. Dank ihm gibt es in der Gegend auch einen Flugplatz – ein Tor zur Welt. Ohne Schrauben-Würth wäre Künzelsau ein anderer Ort. 

Seinen Beschäftigten zahlt der Unternehmer seit Jahren Löhne, die an den Tarifvertrag der IG Metall angelehnt sind, er verzichtet auf betriebsbedingte Kündigungen und schuf alleine im vergangenen Jahr Tausende Arbeitsplätze. Und dennoch fordert die Belegschaft nun einen Betriebsrat. Sie wollen sich nicht mehr nur darauf verlassen, dass Papa Würth schon alles richten wird.

Bisher gab es nur einen freiwilligen Vertrauensrat

Bislang gab es bei Würth nur einen sogenannten Vertrauensrat. Den installierte Reinhold Würth vor 36 Jahren: eine Gruppe von Mitarbeitern, die die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen vertreten sollten. Ähnlich wie ein Betriebsrat sei das gewesen, schreibt Reinhold Würth auf Nachfrage von ZEIT ONLINE. Laut dem Firmenboss habe der Vertrauensrat all die Jahre exzellent gearbeitet: "Vorteil war, dass Entscheidungswege kurz und familiär waren." 

Aber mit einem echten Betriebsrat hat der Vertrauensrat nur wenig gemein. "Das Gremium besteht überwiegend aus ausgewählten Mitgliedern der Geschäftsleitung", sagt Uwe Bauer von der IG Metall. Zwar gab es eine Wahl, doch die Kandidaten waren auserlesen. "Ein Vertrauensrat hat keinerlei rechtliche Wirkung", sagt Bauer. Er habe allenfalls Empfehlungen an die Geschäftsführung aussprechen können.

Drei von Würths Arbeitern, die in Zukunft mehr zu sagen haben wollen, sitzen am Jubiläumstag vor einer Woche in der Kantine des Firmengeländes. Sie kandidieren für den ersten Betriebsrat der Unternehmensgeschichte. Ralf Grund, 51, ist seit 27 Jahren Staplerfahrer in einem der Lager auf dem Gelände. Er trägt einen grauen Vollbart und eine Glatze, unter der schwarzen Firmenjacke ein rotes T-Shirt. Er arbeite gerne bei Würth, fühle sich als Teil der Firmenfamilie. Auch die Löhne halte er für gerecht. 

Aber dass die neuen seit März eingestellten Kollegen sieben Prozent weniger Gehalt bekämen, wolle er im Betriebsrat angehen. "Das ist für den Betriebsfrieden Gift", sagt Grund. Außerdem seien die Betriebsrenten zu gering bemessen. In der Arbeitnehmervertretung will er sich für eine Erhöhung einsetzen: "Ich bin in einem Alter, da macht man sich Gedanken und wünscht sich, dass die Firma, was die Betriebsrente angeht, mehr machen würde."

"Der Papa kümmert sich um uns"

Helgard Osiander, seit 19 Jahren im Versand beschäftigt und ebenfalls Kandidatin für den Betriebsrat, sagt: "Ich fühle mich als Mitarbeiterin nicht ernst genommen." Dass sich einige Mitarbeiter aus dem Vertrauensrat nun auch für den Betriebsrat wählen lassen wollen, sieht sie kritisch: "Einige hoffen bestimmt, dass sich nur der Name ändert. Aber nein: Der Betriebsrat soll eine richtige Vertretung der Arbeitnehmer sein."

Jürgen Fischer hat gerade seine Schicht im Lager beendet. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet der gelernte Elektriker in der Kommissionierung, also dem Zusammenstellen der Bestellungen. Er sortiert Schrauben, Bohrer, Werkzeuge, bevor diese von Kolleginnen verpackt werden. Der vierfache Vater mag seinen Beruf, schätzt das Unternehmen. Nicht ohne Grund arbeiten viele der Angestellten hier seit Jahrzehnten. "Der Papa kümmert sich um uns", sagt Fischer. 

Gleichzeitig ärgern ihn die kürzlich veranlassten Umstrukturierungen: Anfang des Jahres wurden für die Lageristen neue Verhaltensregeln verkündet. Demnach dürfen sie nicht mehr auf dem Arbeitsgelände rauchen, dürfen das Handy in der Arbeitszeit nicht mehr für private Zwecke nutzen, auch die Pausen wurden gestrafft. Die Arbeitszeiten seien ohnehin ein Problem, sagt Fischer. Die Frühschicht beginne um fünf und ende um 14 Uhr, darauf folge die Spätschicht bis kurz vor 23 Uhr. "Wenn dann die Aufträge noch nicht abgearbeitet sind, müssen wir bis viertel vor zwölf arbeiten", sagt Fischer. Daran könne der Betriebsrat etwas ändern. Fischer nickt, trinkt einen Schluck Kaffee aus einer weißen Tasse. Auf ihr ist das Gesicht von Reinhold Würth zu erkennen, daneben eine kleine 70 und der Satz: "Schaffe, net schwätze."

Hat ausgerechnet ein AfD-Politiker die Wahl ermöglicht?

In der Öffentlichkeit ist der von den Medien getaufte Schraubenkönig eine streitbare Person. Als die Bundesregierung beispielsweise einen Exportstopp für Rüstungsgüter nach Saudi-Arabien verhängte, legte er Beschwerde ein, weil sein Unternehmen Schalter für gepanzerte Fahrzeuge herstellt. Von 1999 bis 2001 soll er Steuern hinterzogen haben, er zahlte ein Bußgeld von 3,5 Millionen Euro, galt jahrelang als vorbestraft. Mittlerweile ist er das nicht mehr, die Vorstrafe wurde fristgemäß aus dem Strafregister gelöscht.

Dass es nun einen Betriebsrat geben soll, liegt aber möglicherweise weniger an dem alten Patriarchen aus Künzelsau und mehr an einem ehemaligen Mitarbeiter: Daniel Hurlebaus. Er fordert seit Kurzem, dass die Firma ein solches Gremium braucht. Dabei nutze er unlautere Mitteln, wirft ihm die Geschäftsleitung vor. Hurlebaus soll in E-Mails an die Würth-Mitarbeiter versteckte Links eingebaut und damit Daten abgegriffen haben. Diese habe er an die rechtsorientierte Gewerkschaft "Zentrum Automobil" weitergeleitet. Die Gruppierung verfolgt das Ziel, in Unternehmen rechte Betriebsräte zu etablieren, beim Daimler-Konzern ist ihnen das bereits gelungen. Hurlebaus ist AfD-Mitglied, Schatzmeister im Wahlkreis von Parteichef Jörg Meuthen. Würth kündigte Hurlebaus nicht wegen der Betriebsratsinitiative, sondern wegen Datenmissbrauch, aktuell läuft der Prozess vor dem Arbeitsgericht. 

Nach der Entlassung ging Hurlebaus mit seiner Forderung nach einem Betriebsrat mit einem Video an die Öffentlichkeit. Medien berichteten, dass danach die Unruhe im Betrieb gestiegen sei. Schnell fand der Vorschlag Unterstützung – vor allem bei den Angestellten im Außendienst.

"Dadurch hat das Ganze an Fahrt aufgenommen"

"Mitarbeiter, die weit weg vom Firmensitz wohnen, haben die Idee des Betriebsrats aufgebracht", schreibt Würth auf Nachfrage von ZEIT ONLINE. Uwe Bauer von der IG-Metall hat dafür eine Erklärung. Schon seit Jahren stünden die Mitarbeiter im Außendienst unter enormem Druck. Sie arbeiteten auf Provision, hätten weniger Urlaubstage als die Kollegen im Lager, seien verunsichert. Nun solle auch noch ein neues Entgeltsystem eingeführt werden – die Mitarbeiter befürchteten Lohneinbußen. Liegt es also an den Arbeitsbedingungen? Würth hält dagegen: Die Frage sei absurd "bei der niedrigen Fluktuation, die wir im Außendienst haben, zumal die toll ausgebildeten Verkäufer ein bevorzugtes Target für Headhunter sind." Was er meint: Wenn es Außendienstlern nicht gutginge, wären sie längst weg.

Hat der AfD-Lokalpolitiker Hurlebaus das neue Gremium nun ermöglicht? Uwe Bauer von der IG Metall widerspricht: Hurlebaus habe nie einen Wahlvorstand gegründet, nie eine Wahlversammlung einberufen – also formell nicht die Grundlage für einen Betriebsrat geschaffen. Außerdem habe die IG Metall schon länger bei Würth einen Betriebsrat gefordert. Dennoch: "Dadurch, dass Hurlebaus an die Öffentlichkeit gegangen ist, hat das Ganze an Fahrt aufgenommen."

Wie auch immer das von Bauer beschriebene "kleine Wunder bei Würth" zustande kam: An diesem Mittwoch wird gewählt. Hurlebaus kandidiert trotz Kündigung. Auch die Arbeiter Grund, Osiander und Fischer hoffen auf eine hohe Beteiligung und ein gutes Ergebnis. Denn sie wollen ein Wort bei der Zukunft von Würth mitreden. Sie wollen vorsorgen für eine Zeit nach Papa Würth.