Bislang gab es bei Würth nur einen sogenannten Vertrauensrat. Den installierte Reinhold Würth vor 36 Jahren: eine Gruppe von Mitarbeitern, die die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen vertreten sollten. Ähnlich wie ein Betriebsrat sei das gewesen, schreibt Reinhold Würth auf Nachfrage von ZEIT ONLINE. Laut dem Firmenboss habe der Vertrauensrat all die Jahre exzellent gearbeitet: "Vorteil war, dass Entscheidungswege kurz und familiär waren." 

Aber mit einem echten Betriebsrat hat der Vertrauensrat nur wenig gemein. "Das Gremium besteht überwiegend aus ausgewählten Mitgliedern der Geschäftsleitung", sagt Uwe Bauer von der IG Metall. Zwar gab es eine Wahl, doch die Kandidaten waren auserlesen. "Ein Vertrauensrat hat keinerlei rechtliche Wirkung", sagt Bauer. Er habe allenfalls Empfehlungen an die Geschäftsführung aussprechen können.

Drei von Würths Arbeitern, die in Zukunft mehr zu sagen haben wollen, sitzen am Jubiläumstag vor einer Woche in der Kantine des Firmengeländes. Sie kandidieren für den ersten Betriebsrat der Unternehmensgeschichte. Ralf Grund, 51, ist seit 27 Jahren Staplerfahrer in einem der Lager auf dem Gelände. Er trägt einen grauen Vollbart und eine Glatze, unter der schwarzen Firmenjacke ein rotes T-Shirt. Er arbeite gerne bei Würth, fühle sich als Teil der Firmenfamilie. Auch die Löhne halte er für gerecht. 

Aber dass die neuen seit März eingestellten Kollegen sieben Prozent weniger Gehalt bekämen, wolle er im Betriebsrat angehen. "Das ist für den Betriebsfrieden Gift", sagt Grund. Außerdem seien die Betriebsrenten zu gering bemessen. In der Arbeitnehmervertretung will er sich für eine Erhöhung einsetzen: "Ich bin in einem Alter, da macht man sich Gedanken und wünscht sich, dass die Firma, was die Betriebsrente angeht, mehr machen würde."

"Der Papa kümmert sich um uns"

Helgard Osiander, seit 19 Jahren im Versand beschäftigt und ebenfalls Kandidatin für den Betriebsrat, sagt: "Ich fühle mich als Mitarbeiterin nicht ernst genommen." Dass sich einige Mitarbeiter aus dem Vertrauensrat nun auch für den Betriebsrat wählen lassen wollen, sieht sie kritisch: "Einige hoffen bestimmt, dass sich nur der Name ändert. Aber nein: Der Betriebsrat soll eine richtige Vertretung der Arbeitnehmer sein."

Jürgen Fischer hat gerade seine Schicht im Lager beendet. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet der gelernte Elektriker in der Kommissionierung, also dem Zusammenstellen der Bestellungen. Er sortiert Schrauben, Bohrer, Werkzeuge, bevor diese von Kolleginnen verpackt werden. Der vierfache Vater mag seinen Beruf, schätzt das Unternehmen. Nicht ohne Grund arbeiten viele der Angestellten hier seit Jahrzehnten. "Der Papa kümmert sich um uns", sagt Fischer. 

Gleichzeitig ärgern ihn die kürzlich veranlassten Umstrukturierungen: Anfang des Jahres wurden für die Lageristen neue Verhaltensregeln verkündet. Demnach dürfen sie nicht mehr auf dem Arbeitsgelände rauchen, dürfen das Handy in der Arbeitszeit nicht mehr für private Zwecke nutzen, auch die Pausen wurden gestrafft. Die Arbeitszeiten seien ohnehin ein Problem, sagt Fischer. Die Frühschicht beginne um fünf und ende um 14 Uhr, darauf folge die Spätschicht bis kurz vor 23 Uhr. "Wenn dann die Aufträge noch nicht abgearbeitet sind, müssen wir bis viertel vor zwölf arbeiten", sagt Fischer. Daran könne der Betriebsrat etwas ändern. Fischer nickt, trinkt einen Schluck Kaffee aus einer weißen Tasse. Auf ihr ist das Gesicht von Reinhold Würth zu erkennen, daneben eine kleine 70 und der Satz: "Schaffe, net schwätze."