Knapp eine Million Menschen in Deutschland leben in einem Pflegeheim – und es werden mehr. Sie gehören zu den 3,4 Millionen Menschen in diesem Land, die pflegebedürftig und auf Hilfe angewiesen sind. Familie, Angehörige oder einer der circa 750.000 Pfleger und Pflegerinnen kümmern sich um sie. Gleichzeitig fehlt es an Personal – fast 40.000 Stellen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen konnten 2018 nicht besetzt werden. Kaum jemand wolle den Job mehr machen, sagt die Altenpflegerin Eva Ohlerth. Darüber hat sie ein Buch geschrieben.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Zustände in vielen deutschen Altenheimen nicht mit Artikel 1 des Grundgesetzes – die Würde des Menschen ist unantastbar – vereinbar sind. Was meinen Sie damit?

Eva Ohlerth: Da wir völlig überlastet und überarbeitet sind, kümmern wir uns nur noch, wenn überhaupt, um die Grundbedürfnisse der alten Menschen. Trocken, sauber und satt sollen sie sein. Das heißt: Ich wasche die Heimbewohner, ziehe sie an, bringe sie zur Toilette und gebe ihnen Essen. Selbst das schaffen wir aber oft nicht, weil wir unterbesetzt sind und das alles im Laufschritt machen. Das führt dazu, dass wir Patienten abwimmeln müssen und zum Beispiel keine Zeit haben, sie zur Toilette zu bringen. Pflegekräfte können kaum mehr umsetzen, was sie einmal gelernt haben.

ZEIT ONLINE: Was wäre das?

Ohlerth: Den Menschen so lange wie möglich selbständig zu erhalten. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, die Person ganzheitlich zu pflegen. Dazu gehört, dass ich ihre Biografie kenne und darauf eingehen kann, was sie interessiert. Darauf, was sie sich vom Leben noch wünschen. Wenn eine Pflegekraft weiß, dass eine alte Dame früher gerne gestrickt hat, sollte sie ihr etwa Strickzeug besorgen. Wenn ein Herr früher nur Klassik gehört hat, sollte sie ihn nicht vor ein Radio mit bayerischer Volksmusik setzen. In der Realität sagen wir den Leuten aber nur noch, dass wir keine Zeit für sie haben. 

"Ich hatte Schichten, in denen wir zu zweit 30 Bewohnerinnen und Bewohner pflegen mussten – das ist viel zu viel, aber leider mittlerweile üblich."
Eva Ohlerth über die Missstände in Pflegeheimen

ZEIT ONLINE: Aktuell arbeiten Sie in der Intensivpflege und betreuen nur einen Patienten oder eine Patientin zu Hause. Das heißt, Sie haben mehr Zeit für die einzelne Person. Arbeiten Sie aus diesem Grund nicht mehr im Pflegeheim?

Ohlerth: Ja, die Zustände und Arbeitsbedingungen waren dort nicht mehr akzeptabel. Zurzeit pflege ich Patienten, die beatmet werden, manche liegen im Wachkoma. Wenn ich den Patienten am Morgen übernehme, mache ich in Ruhe die Grundpflege, wechsle seine Verbände und fülle seine Magensonde. Ich kümmere mich auch um den Katheter und beobachte regelmäßig die Vitalzeichen, messe etwa seinen Blutdruck. Dafür brauche ich Zeit und Ruhe – und die habe ich jetzt auch. Den restlichen Tag kümmere ich mich individuell um meinen Patienten, je nachdem, was sein Zustand zulässt: Ich lese etwa vor, koche mit ihm oder lasse ihn mit der Hand einen Gegenstand befühlen.

ZEIT ONLINE: Anders war es bei Ihren früheren Jobs in Pflegeheimen. Um wie viele Menschen kümmert sich dort denn normalerweise eine Pflegekraft? 

Ohlerth: Das ist unterschiedlich. Ich hatte Schichten, in denen wir zu zweit 30 Bewohnerinnen und Bewohner pflegen mussten – das ist viel zu viel, aber leider mittlerweile üblich. Dann hatte ich pro Toilettengang nur wenige Minuten und kaum Zeit, um den Menschen beim Mittagessen zu helfen. Wie viele Patienten ich pro Stunde schaffe, hängt von den Aufgaben ab, eine Insulinspritze dauert nur fünf Minuten, eine Grundpflege eine halbe Stunde.

"Wenn ich einen Menschen mit Parkinson habe, der nicht mehr so beweglich ist, kann ich ihm nicht in derselben Zeit beim Anziehen helfen wie einem anderen, der mobiler ist."

ZEIT ONLINE: Um wie viele Menschen sollte sich eine Pflegekraft kümmern müssen?

Ohlerth: Generell kann man das nicht sagen. Wenn ich einen Menschen mit Parkinson habe, der nicht mehr so beweglich ist, kann ich ihm nicht in derselben Zeit beim Anziehen helfen wie einem anderen, der mobiler ist. Es hängt vom Pflegegrad ab, selbst beim niedrigsten sollten auf einen Pfleger höchstens acht Bewohner pro Schicht kommen, beim zweiten Pflegegrad sind es vier. Aber das wird nicht eingehalten. Eine durchschnittliche Pflegekraft in einem Heim hat mindestens zehn Menschen, um die sie sich kümmern muss. Und nach oben gibt es keine Grenze.

ZEIT ONLINE: Wie waren Ihre Arbeitszeiten?

Ohlerth: Normalerweise beginnt der Frühdienst um sechs Uhr morgens und endet um halb drei nachmittags. Die nächste Schicht geht dann bis 21 Uhr und danach kommt der Nachtdienst. Laut Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes arbeiten wir 38,5 Stunden pro Woche, aber viele Pflegekräfte sammeln überdurchschnittlich viele Überstunden, das war bei mir auch so. Und es gibt Pflegekräfte, die arbeiten zwölf Tage und mehr durch, ohne einen freien Tag. Zum Glück musste ich das noch nie. 

ZEIT ONLINE: Wie viel haben Sie verdient?

Ohlerth: Das war bei verschiedenen Trägern unterschiedlich. Die Kirchen zahlen am besten, die halten sich an die tariflichen Löhne, die privaten Träger suchen es sich meistens aus. Normalerweise bewegt sich das Gehalt zwischen 2.200 und 2.500 brutto, dies ist natürlich von der Steuerklasse und den Schichtzulagen abhängig. Das ist kein Gehalt, von dem man gut leben kann und es spiegelt unter anderem auch die fehlende Wertschätzung wider.