ZEIT ONLINE: Merken Sie die fehlende Wertschätzung noch an anderer Stelle?

Ohlerth: An vielen Kleinigkeiten. Ein Kollege sagte etwa mal zu einem Heimbewohner, dass er das Buch, das dieser gerade las, auch kenne. Der Mann war ganz verwundert darüber, dass "so Leute wie er" auch lesen. Viele Menschen denken, dass Pflege jeder kann. Das kommt vielleicht auch davon, dass die Berufsbezeichnung Pflegekraft nicht geschützt ist. Altenpfleger hingegen dürfen sich nur ausgebildete Fachkräfte nennen. Weil aber das Älterwerden in unserer Gesellschaft schlecht angesehen ist, ist diese Berufsbezeichnung schon fast ein Schimpfwort. 

ZEIT ONLINE: Auf der einen Seite werden Altenpflegerinnen nicht wertgeschätzt. Auf der anderen Seite schreiben Sie von Übergriffen, die in Pflegeheimen vorkommen und gegen die Menschenwürde der Patienten verstoßen – was meinen Sie konkret?

Ohlerth: Psychische Gewalt fängt an, wenn Pflegekräfte Patienten duzen, sie Schätzchen, Omi oder Opi nennen oder sie einfach ignorieren. In meinen mehr als 25 Jahren in der Pflege habe ich erlebt, wie Menschen um Hilfe riefen und niemand kam. Wie Menschen darum gebettelt haben, auf die Toilette gehen zu dürfen. Wie sie manchmal für Stunden in ihren eigenen Ausscheidungen liegen bleiben mussten. Einmal habe ich mitbekommen, dass eine Bewohnerin auf einem vollen Toilettenstuhl sitzen musste, während sie mit ihrer Zimmernachbarin das Mittagessen einnahm. Bei dem Anblick hätte ich am liebsten geweint.

"Die Frau hat nicht mehr gesprochen und sich nicht mehr über ihren Zustand beschwert, weil sie sich in diesem Heim so gedemütigt fühlte."
Eva Ohlerth

ZEIT ONLINE: Was haben Sie getan? 

Ohlerth: Ich habe die Frau von ihrem Stuhl heruntergeholt und gesäubert. Sie schlug nach mir, weil sie nicht glaubte, dass ich ihr nur helfen wollte. Sie war geistig noch fit, hat aber nicht mehr gesprochen und sich nicht mehr über ihren Zustand beschwert, weil sie sich in diesem Heim so gedemütigt fühlte. Später schenkte sie mir einen Schokoladen-Nikolaus, den sie seit Weihnachten für einen besonderen Anlass aufbewahrt hatte – das war alles, was sie noch hatte. 

ZEIT ONLINE: Kommen solche Vorfälle häufiger vor? 

Ohlerth: Ja. Und die Pflegekräfte reagieren unterschiedlich. Ich kam einmal ins Zimmer einer bettlägerigen Dame mit chronischem Durchfall, in dem eine Kollegin war. Als sie sah, dass die Einlage der alten Dame voll war, schrie sie die Frau an und beschimpfte sie als "alte Sau, die wieder ins Bett geschissen hat". Die Kollegin wollte pünktlich Feierabend machen und ärgerte sich, dass sie sich nun darum kümmern musste.

ZEIT ONLINE: Haben Sie mit der Kollegin gesprochen?

Ohlerth: Ich habe die Kollegin aus dem Zimmer rausgeholt und angebrüllt, was auch nicht korrekt war. Trotzdem weiß ich noch, dass die alte Dame so was wie ein Danke piepste. Ich wusste, dass sie verstanden hatte, dass ihr jetzt jemand hilft. So was vergisst man nicht.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es dazu, dass Pflegekräfte sich so verhalten?

Ohlerth: Die Bezahlung von Pflegekräften ist beschämend und die Gesellschaft schätzt sie nicht wert. Viele Arbeitgeber behandeln ihre Pflegekräfte wie Sklaven. Sie respektieren etwa nicht, dass jemand Urlaub hat und rufen ihn oder sie an freien Tagen trotzdem an. Dann machen sie Druck, dass man sofort zur Arbeit kommen soll. Wer will so einen Beruf, der schlecht bezahlt und nicht angesehen ist, kaum Privatleben zulässt und bei dem man jederzeit auf Abruf bereitstehen muss? Aber das darf keine Entschuldigung für Gewalt an alten wehrlosen Menschen sein.

"Gut ausgebildete Pflegekräfte aus dem Ausland werden nicht bleiben, wenn sie merken, was wir für katastrophale Arbeitsbedingungen haben."
Eva Ohlerth

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind staatlich geprüfte Fachkraft … Wie war Ihre Ausbildung?

Ohlerth: Die Berufsschule in München war toll, aber das, was ich dort lernte, hatte nichts mit der Praxis zu tun. Während der Ausbildung war ich ja zugleich im Pflegeheim und habe gemerkt: Ich kann wenig davon umsetzen. Für die Vorgesetzten, die ich während der Ausbildung hatte, war es am wichtigsten, dass alles schnell erledigt wurde. Die Kolleginnen sagten mir direkt, dass ich das, was ich in der Schule gelernt hatte, wieder vergessen könne. Bei einigen Dingen gibt es aber einen richtigen Weg, etwas zu tun, und einen falschen.  

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Ohlerth: Zu Beginn meiner Ausbildung habe ich mehrere Monate lang Medikamente nicht fachgerecht ausgeteilt. Eine Pflegerin hatte mich angewiesen, dass ich die Tropfen schon am Abend in kleine Becher verteilen solle, um sie am Morgen schneller ausgeben zu können. Später, während des theoretischen Teils in der Schule, habe ich gelernt, dass die Tropfen ihre Wirkung verändern oder sogar wirkungslos werden, wenn sie nicht in den braunen, lichtgeschützten Fläschchen aufbewahrt werden. Ab da war es für mich keine Frage, dass ich es so mache, wie ich es in der Schule gelernt habe. Die Stationsleiterin war sauer – und ich wurde von der Aufgabe befreit und dazu verdonnert, Bettpfannen zu putzen. 

ZEIT ONLINE: War das in allen Altenheimen so, in denen Sie gearbeitet haben?

Ohlerth: Oft. Wenn ich schlimme Missstände miterleben musste, habe ich mir einen neuen Job gesucht. Es ist beispielsweise üblich, dass die Dokumentationen gefälscht werden und jeder Bescheid weiß. Das heißt: Die Pflegekräfte tragen dort Leistungen ein, wie Toilettengänge oder Trinkprotokolle, die sie nicht erbracht haben. Mit der Unterschrift gilt die Leistung als erbracht. Schaut man sich die Menschen aber an, weiß man, dass etwas nicht stimmt. Wenn jemand ins Krankenhaus kommt, völlig ausgetrocknet ist, aber laut Dokumentation jeden Tag zwei Liter getrunken hat, ist völlig klar, was passiert ist. Und das kommt vor, obwohl die Leute, etwa in Bayern, zwischen 3.800 und 4.000 Euro für einen Platz im Pflegeheim zahlen.