ZEIT ONLINE: Warum sprechen so wenige Pflegekräfte öffentlich darüber, dass sie ihre Arbeit nicht mehr schaffen können?

Ohlerth: Die Angst vor den eigenen Kollegen und Vorgesetzten spielt eine Rolle, auch Mobbing ist ein großes Thema. Viele fürchten, entlassen zu werden. Das ist verrückt, denn niemand muss Angst davor haben, keine Stelle zu bekommen. Durch den Pflegenotstand kommen auf eine Kraft rund 50 freie Stellen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, Nachteile zu erfahren, weil Sie sich an die Öffentlichkeit wenden?

Ohlerth: Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht. Wir Pflegerinnen und Pfleger jammern viel. Aber wenn es darauf ankommt, dass wir uns wehren, dann schweigen wir. Wir alle machen mit, schauen zu und wir alle tragen Schuld – das will ich nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Seit dem 1. November gibt es einen neuen Pflege-TÜV, der die über 13.000 Pflegeeinrichtungen in Deutschland begutachten soll. Bringt der was?

"Die Pflegekräfte tragen dort Leistungen ein, wie Toilettengänge oder Trinkprotokolle, die sie nicht erbracht haben."

Ohlerth: Wenn wir uns an die Gesetze halten würden und an das, was wir gelernt haben, bräuchten wir keinen TÜV. Der Pflege-TÜV prüft die Ergebnisse, informiert die Heime aber, bevor er kommt. Früher hat man dafür die Dokumentationen der Pflegekräfte durchgelesen, jetzt will man sich direkt die Bewohner anschauen, was ja auch sinnvoll ist. Einer überforderten Pflegekraft macht das aber nur noch mehr Druck. Es ist außerdem Unsinn, eine bessere Pflege überprüfen zu wollen und gleichzeitig nicht mehr Personal zur Verfügung zu haben. Wir brauchen keine neuen Gesetze, wir brauchen mehr qualifiziertes Personal und bessere Arbeitsbedingungen.

ZEIT ONLINE: Jens Spahn will sich ja sehr für die Pflege einsetzen. Er fliegt um die Welt, um Fachkräfte anzuwerben. Was halten Sie davon?

Ohlerth: Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als Pflegekräfte aus dem Ausland anzuheuern. Nur: Wir sollten erst mal unsere eigenen Pflegekräfte zurückholen, die nicht mehr arbeiten wollen, weil sie die Bedingungen nicht mehr aushalten. Gut ausgebildete Pflegekräfte aus dem Ausland werden nicht bleiben, wenn sie merken, was wir für katastrophale Arbeitsbedingungen haben. Es wäre aber zu leicht, nur der Politik die Schuld für das alles zu geben. Kein Politiker zwingt uns, schlecht bezahlt zu werden, miserabel zu pflegen oder die Menschen in ihren Ausscheidungen liegen zu lassen. Das machen wir schon selbst. 

ZEIT ONLINE: Was muss sich also ändern?

Ohlerth: Wir müssen aufhören, zu schweigen. Die Pflegekräfte müssen die schlimmen Zustände öffentlich machen und sagen, dass ihre Arbeit nicht mehr zu schaffen ist. Man lädt Angela Merkel in ein Pflegeheim ein und zeigt ihr eine saubere Bewohnerin. Warum darf Frau Merkel nicht Leute sehen, die um Hilfe rufen? Die mit einer Windel durch den Gang gehen, die schon runterhängt, weil sie so voll ist. Warum muten wir der Öffentlichkeit die Wahrheit nicht zu? Wenn die Branche von heute an ehrlich wäre, bräuchte sie keinen TÜV mehr. Die Gesellschaft schaut weg, aber wir zeigen ihr die Probleme auch nicht.

"Jeder von uns weiß, wie es sich anfühlt, wenn man krank ist oder sich ein Bein gebrochen hat und auf fremde Hilfe angewiesen ist."

ZEIT ONLINE: Gibt es auch Beispiele für funktionierende Pflegeheime?

Ohlerth: Ja. Ich kenne etwa ein Haus in Lindau, in dem die Leiterin darauf achtet, Fachkräfte einzustellen. Sie schaut auch, dass die Leute gute Arbeitsbedingungen haben und die Bezahlung stimmt. Dort arbeiten die Pfleger so, wie sie es gelernt haben. Sie binden die Bewohnerinnen in den Pflegealltag ein, schälen mit ihnen gemeinsam Äpfel oder falten Handtücher. In diesem Heim bleiben die Pfleger gerne länger, auch außerhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit. Gut geführte Heime haben kaum Personalmangel. Das ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht vor der Pflege weglaufen, sondern vor den schlechten Arbeitsbedingungen und dilettantischen Vorgesetzten.

ZEIT ONLINE: Arbeiten Sie noch gerne als Pflegerin?

Ohlerth: Ja. Ich glaube, niemandem ist es am Anfang angenehm, Leuten die Einlagen zu wechseln, sie aus dem Stuhlgang zu holen, sie zur Toilette zu führen. Aber ich glaube, dass jeder Mensch kompetente Pflege verdient hat. Und dass wir Menschen auch im Alter auf Augenhöhe begegnen sollten. Bei uns ist die Kultur verloren gegangen, dass die Alten als weise angesehen werden. Aber jeder von uns weiß, wie es sich anfühlt, wenn man krank ist oder sich ein Bein gebrochen hat und auf fremde Hilfe angewiesen ist. Alt werden wollen wir alle, aber alt sein nicht. Wir müssen das Alter wieder als normal ansehen und die Alten zurück in die Gesellschaft lassen. Darum bemühe ich mich in meinem Job.

ZEIT ONLINE: Angenommen, ich suche ein Pflegeheim, wie finde ich heraus, ob es ein gutes ist?

Ohlerth: Gehen Sie in die Pflegeheime, auf die Feste, die dort veranstaltet werden. Schauen Sie, wie viele Leute da sitzen und fragen Sie sie, ob sie zufrieden sind. Und achten Sie darauf, wie die Bewohner von den Pflegern angesprochen werden. Wenn sie viele Befehle hören, Fachkräfte ungeduldig oder übergriffig wirken, gehen Sie lieber woanders hin. Und glauben Sie nicht den schönen bunten Hochglanzbroschüren.