Autistische Menschen haben oft Schwierigkeiten im Umgang mit anderen, zeigen ihre Gefühle kaum oder sind von zu vielen Reizen überfordert. Doch wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können sie in vielen Bereichen gut arbeiten, sagt Sally Maria Ollech. Sie ist Co-Geschäftsführerin von Diversicon, einem Sozialunternehmen, das Coachings für diese Menschen anbietet und sie auch an Firmen vermittelt.

ZEIT ONLINE: Frau Ollech, warum sollten Vorgesetzte autistische Menschen einstellen?

Sally Maria Ollech: Viele Autistinnen und Autisten sind hoch qualifiziert. Das Unternehmen gewinnt also eine Fachkraft und wird zugleich vielfältiger. Ich bin überzeugt, dass verschiedene Perspektiven auf Themen und Produkte im Unternehmensalltag zu besseren Ergebnissen führen. Allerdings sollte das Umfeld stimmen, damit Autistinnen und Autisten gut arbeiten können.

Sally Maria Ollech ist Mitglied der Geschäftsleitung bei Diversicon. Die Firma begleitet Autistinnen und Autisten mit Kursen, Coachings und Beratung. Auch vermittelt sie autistische Fachkräfte an Unternehmen. Ollech studierte BWL und Geografie in Lüneburg und gründete mit querstadtein einen Anbieter von alternativen Stadtführungen in Berlin. © Mathias Becker

ZEIT ONLINE: Welche Besonderheiten bringen autistische Menschen im Berufsleben mit?

Ollech: Die meisten Menschen im Autismusspektrum sind sensibler für Reize wie etwa Geräusche oder Licht. Sie nehmen Strukturen und Muster oft stärker wahr als ihr Umfeld und das führt zu einem anderen Blick auf Abläufe und Themen. Einerseits bietet diese andere Wahrnehmung und Denkweise einen großen Mehrwert für Unternehmen, andererseits erfordert sie genauere Abstimmungen und Kommunikation. In der sozialen Interaktion erklärt sich für autistische Menschen das, was andere intuitiv verstehen, oft nicht von allein. Ihnen ist häufig nicht klar, wie sie auf ihr Umfeld wirken. Und ihre Kolleginnen und Kollegen wissen oft auch nicht, was sie von autistischen Mitarbeitenden erwarten können. Es gibt eine Menge Unwissen – und gegenseitige Vorurteile.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Ollech: Viele Menschen nehmen Autismus als Behinderung wahr und haben einen sehr negativen, defizitorientierten Blick darauf. Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben, haben oft auch Klischees im Kopf, mit denen Autistinnen und Autisten nicht gern assoziiert werden. Dann kommen Fragen wie "aber du kannst ja sprechen", "aber du kannst mir ja in die Augen schauen", "aber du verstehst ja Humor". Die kann man zwar einmal nett beantworten, frustrieren aber auf Dauer.

"Viele Leute denken, dass Autisten und Autistinnen vor allem in der IT arbeiten können."
Sally Maria Ollech, Diversicon

ZEIT ONLINE: Auf der anderen Seite glauben viele Menschen, dass Autistinnen und Autisten hochbegabt sind.

Ollech: Ja, das ist ein weiteres Klischee und viele autistische Menschen sind auch überdurchschnittlich begabt, aber eben längst nicht alle. Das heißt, dieses Klischee erzeugt auch Erwartungsdruck. Viele Leute denken zudem, dass Autisten und Autistinnen vor allem in der IT arbeiten können. Das liegt daran, dass IT-Firmen mit die Ersten waren, die gezeigt haben, dass Autistinnen und Autisten im allgemeinen Arbeitsmarkt wichtige Beiträge leisten können. Aber Menschen im Autismusspektrum haben unterschiedliche Fähigkeiten und Interessen. Und ich würde kein Berufsfeld für sie ausschließen.

ZEIT ONLINE: In welche Bereiche vermitteln Sie Autisten häufig?

Ollech: Wir vermitteln tatsächlich branchenübergreifend. Einige unserer Kandidaten und Kandidatinnen arbeiten beispielsweise in der Verfahrenstechnik, im Bereich erneuerbare Energien oder im öffentlichen Dienst. Auch in die Bereiche Kommunikation/PR sowie Buchhaltung haben wir jüngst Mitarbeitende vermittelt. Ein weiteres Vorurteil ist, dass Autistinnen und Autisten gefühlskalt seien. Das ist überhaupt nicht der Fall, sie haben genauso Gefühle wie alle anderen Menschen auch, nur merkt man vielen ihre Emotionen nicht an Mimik und Gestik an. Wenn sie zum Beispiel verärgert und wütend sind, kann das dazu führen, dass das für andere Menschen unter Umständen sehr plötzlich und unerwartet kommt, da sie weniger bis keine Anzeichen vorher bemerkt haben.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich das vermeiden?

Ollech: Es hilft, wenn Kolleginnen und Kollegen wissen, welche Verhaltensweisen bei autistischen Mitarbeitenden zu Stress und Ärger führen. Sie können dann versuchen, darauf Rücksicht zu nehmen. Für autistische Menschen ist es hilfreich, ein gutes Verständnis für ihre eigenen Stressauslöser zu entwickeln und ihre Selbstwahrnehmung zu stärken. Beide Seiten sollten sich aufeinander zubewegen. Manche Autistinnen und Autisten sind sehr offen und haben Lust, Leute kennenzulernen. Andere sind introvertiert. Führungskräften rate ich, einfach mit ihren Mitarbeitenden zu sprechen, zum Beispiel zu fragen: Wie stellst du dir ein gutes Meeting vor? Oder auch: Wie würde eine Weihnachtsfeier aussehen, bei der du Lust hättest, dabei zu sein? Und dann, wenn möglich, darauf einzugehen.