Bitte nicht stören – Seite 1

Ein halbes Menschenleben spürte Silke Wanninger-Bachem, dass sie anders ist, nur warum, das konnte ihr niemand sagen. Bis zu diesem Sommertag vor drei Jahren, es war Dienstag, der 9. August 2016, erinnert sie sich. Im Bezirkskrankenhaus Regensburg bittet eine Psychologin Silke Wanninger-Bachem und ihren Mann Konrad Wanninger in ein helles Besprechungszimmer. An der Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift: "Bitte nicht stören." Die drei nehmen Platz. Dann sagt sie den Satz, der die Erklärung für die zurückliegenden 51 Jahre liefert: "Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Sie Asperger-Autistin sind."

Silke Wanninger-Bachem starrt auf das rote Wandtattoo: Klatschmohn, ein Fixpunkt, um das Chaos in ihrem Kopf zu ordnen. Später, im Auto, wird sie ihren Mann fragen: "Hat sie jetzt wirklich gesagt, dass ich Autistin bin? Ich glaub das nicht, ich kann das einfach nicht glauben."

Einige Tage später. Silke Wanninger-Bachem sitzt zu Hause, in einem Bauernhaus in Niederbayern, an ihrem Laptop. Sie will ihrem Arbeitgeber von der Diagnose berichten. Vielleicht hilft das, vielleicht löst das die Probleme, die sie bei der Arbeit hat, denkt sie. Also schreibt sie eine Bedienungsanleitung für sich selbst. Für ihre Kollegen. Titel: "Asperger am Arbeitsplatz: Wie zeigt sich mein Autismus von A bis Z." Fünf Seiten schreibt sie voll, alphabetisch unterteilt in 15 Kapitel.

Silke Wanninger-Bachem wohnt in einem Bauernhaus in Niederbayern. © Verena Kathrein für ZEIT ONLINE

1. Arbeitsorganisation: Es kann bei mir zu Schwierigkeiten in der Handlungsplanung kommen. Es mangelt mir nicht am Willen, der ist da, sondern mitunter an der Fähigkeit, meine Vorhaben auch in die Tat umzusetzen.

Eine Woche danach lässt sie die Bedienungsanleitung bei der Teamsitzung herumgehen. "Wer möchte, kann sie sich kopieren und durchlesen", sagt sie und hängt sie an die Pinnwand in ihrem Büro. Manche Kollegen behandeln sie von da an rücksichtsvoll, fast schon wie eine Bombe, die jederzeit explodieren kann. Andere Kollegen konfrontieren sie mit Vorurteilen: "Du hast ja gar keine Gefühle, das habe ich zu Autismus gelesen." Einige sind interessiert, spielen ihren Autismus herunter: "Das habe ich auch, deine Probleme sind ganz normal, nichts Besonderes." 

Und sonst? Nicht viel. Der Server vor ihrem Büro brummt weiterhin laut, das Schild "Bitte nicht stören", das sie sich nach ihrem Outing an die Tür gehängt hat, muss sie abnehmen. "Das geht nicht, dass Sie hier stundenlang die Bürotür schließen", habe ihre Chefin gesagt. Kollegen platzen also weiterhin herein, um die Post zu holen. Bei Teamsitzungen am Frühstückstisch klappert weiterhin das Geschirr und alle reden wild durcheinander. Einmal hält sie sich die Ohren zu, die anderen schauen irritiert. 

2. Aufmerksamkeitssteuerung: Ich bin leicht ablenkbar, beispielsweise lenkt mich viel Gestik bei anderen so vom Gesprächsinhalt ab, sodass ich nur die Hälfte mitbekomme, deshalb schaue ich nach Möglichkeit gar nicht hin.

Silke Wanninger-Bachem leidet – und trotz Bedienungsanleitung wird es von Tag zu Tag schlimmer. Nach einem halben Jahr hängt sie noch immer an ihrer Pinnwand. Kopiert hat sie niemand. Die Depressionen kehren zurück. Am 15. Februar 2017 wird Wanninger-Bachem krankgeschrieben. Zwei Monate später drückt ihr ihre Chefin die Bedienungsanleitung in die Hand, zusammen mit ihren anderen Sachen. Ihr Vertrag werde nicht verlängert. Es würden nicht mehr so viele Leute in ihrer Abteilung gebraucht. Und außerdem: "Wir haben Sie ja nicht als Autistin eingestellt." Der Satz hat sich in ihrer Erinnerung eingebrannt.

"Für Sie haben wir heute und auch in Zukunft keine Arbeit"

3. Belastungsfähigkeit: Unerwarteter Lärm stresst mich so, dass ich bewegungs- und handlungsunfähig werde. Erst wenn der Lärm vorbei ist, kann ich wieder normal denken und normal handeln.

2019. Zwei Jahre sind vergangen. Zwei Jahre, in denen die Hoffnung schwindet, noch einmal einen Job zu finden. "Für Sie haben wir heute und auch in Zukunft keine Arbeit", habe die Frau beim Arbeitsamt gesagt. "Sie sind zu krank, um zu arbeiten", habe die Frau bei der Rentenversicherung gesagt. "Aber ich will arbeiten, ich muss", hat Wanninger-Bachem geantwortet. Denn wozu auf der Welt sein, wenn einen niemand gebrauchen kann? Die Rentenversicherung bewilligt ihr zur beruflichen Rehabilitation eine Maßnahme. Vielleicht ihre letzte.

4. Empathie/Emotionen: Ich bin emotional sehr empfindsam, auch wenn ich das nach außen nicht ausdrücke.

Es ist Montag, 15. April 2019, 8.06 Uhr: Wanninger-Bachem steht am S-Bahn-Gleis des Münchner Hauptbahnhofs. Kopfhörer schützen sie vor dem Lärm der Züge und der Menschen. Eine Sonnenbrille vor den vielen Farben und Lichtern. Ein Stoffhäschen an ihrer Ledertasche vor den Zweifeln.

Für einen Moment nimmt sie die beigen Kopfhörer ab, dann murmelt sie: "Wie halten die Menschen das nur aus?" und setzt sie wieder auf. Es fährt ein: die S7 nach Wolfratshausen. Vorsichtig nähert sie sich der Tür, steigt behutsam ein und setzt sich auf einen Klappsitz in der Nähe der Türen. Ihre Gesichtszüge sind angespannt, ihre Schultern fast bis zu den Ohren hochgezogen. 13 Minuten verharrt sie in dieser Position. Dann erscheint auf der Anzeigetafel die Haltestelle "Siemenswerke". Sie steigt aus, setzt ihre Kopfhörer ab und atmet durch. Noch 450 Meter Fußweg bis zum Ziel: Auticon, ein IT-Dienstleistungsunternehmen, das als Berater nur Autisten einstellt und sie für Projekte bei Firmen einsetzt.

Silke Wanninger-Bachem: "Bei mir weiß jeder, woran er ist". © Verena Kathrein für ZEIT ONLINE

5. Flexibilität: Ich bin wenig spontan (Spontaneität muss gut geplant sein).

Angekommen am Klingelschild drückt sie und sagt leise: "Silke Wanninger-Bachem hier." Eine helle Frauenstimme antwortet: "Einen Moment bitte." Vier Minuten später wartet sie immer noch vor der verschlossenen Tür. Sie schaut um sich, wippt vom linken auf den rechten Fuß. Ein Handwerker, der zufällig vorbeikommt, schließt ihr auf. Im dritten Stock öffnet eine junge Frau mit blonden Haaren und strahlendem Lächeln die Tür. "Was verstehen Sie unter einem Moment?", fragt Wanninger-Bachem. "Oh, das tut mir leid, vielleicht stimmt was mit der Technik nicht", antwortet die Frau freundlich. Sie heißt Ramona Öller, sie ist Jobcoach bei Auticon.

6. Kommunikation: Mir passiert es häufig, dass ich in Fettnäpfchen trete, weil ich die sozialen Konsequenzen meiner Worte nicht vorher beachte.

In einem hellen Konferenzraum sitzt Wanninger-Bachem an einem der Tischenden, ihr Gesicht auf die rechte Faust gestützt, meidet sie den Blickkontakt mit den drei Frauen um sich herum. Frau Öller und Katrin Bender sitzen rechts von ihr, Sabine Beni links. Öller soll ihr in Zukunft helfen, wenn es ihr schlecht geht, wenn sie sich gestresst fühlt. Bender soll ihr bei allen inhaltlichen Fragen zu den IT-Programmen und Projekten helfen, bei denen sie mitarbeitet. Beni ist Personalchefin. Sie reicht Wanninger-Bachem einen Mitarbeiterleitfaden. 

Beni sagt: "Wenn wir den mal kurz aufmachen."

Wanninger-Bachem sagt: "Wenn ich den mal kurz aufmache."

Beni sagt: "Da ist ein Organigramm, da geht es um …"

Wanninger-Bachem sagt: "Das Organigramm ist übersichtlich. Ich habe keine Probleme, mich darin zurechtzufinden."

Beni sagt: "Das habe ich erwartet."

Beni lacht, auch Frau Öller, Frau Bender und Frau Wanninger-Bachem lachen.

7. Kontakt zu Kollegen: Ich habe Schwierigkeiten damit, Kontakte zu knüpfen. Es liegt nicht daran, dass ich generell Kontakt zu anderen ablehne, sondern daran, dass ich mich dabei oft ungeschickt verhalte.

Nach dem Gespräch stehen die vier Frauen auf, und Beni führt Wanninger-Bachem durch die Räume von Auticon.

"Hier ist unser Ruheraum", sagt sie und zeigt auf die weiße Tür am Ende des Ganges. Sie öffnet sie um einige Zentimeter, ein Stuhl mit Fußteil ist zu sehen.  

"Woher weiß ich, dass da niemand drin ist?", fragt Wanninger-Bachem.

"Anklopfen", sagt Beni.

"Dann ist es aber kein Ruheraum mehr", sagt Wanninger-Bachem.

Beni denkt kurz nach. "Stimmt, dann brauchen wir ein Türschild, das wäre sinnvoller."

Wanninger-Bachem nickt. Bitte nicht stören.

Probleme mit leichten Dingen

8. Konzentrationsfähigkeit: Wenn ich mich stärker konzentriere, wirke ich manchmal geistig abwesend oder desinteressiert. Ich schließe beispielsweise die Augen, damit mich visuelle Reize nicht vom Gesprächsinhalt ablenken, nicht, weil das Gespräch mich langweilt.

Neben dem Ruheraum ist die Küche, geschmückt mit Fotos von Paris, Edinburgh, London, Berlin. Auticon hat in diesen Städten weitere Büros, 14 sind es in Europa und Nordamerika. In der Mitte des Raums steht ein Esstisch.

Öller fragt: "Dürfen wir dich fragen, gemeinsam mit uns zu essen, oder brauchst du Ruhe?"

Wanninger-Bachem sagt: "Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wird sich zeigen."

9. Kritikfähigkeit: Meistens kritisiere ich andere direkt und ohne soziale Abmilderungsformulierungen. Ich tue das nicht, weil ich bewusst andere verletzen will, sondern weil ich nicht die Fähigkeit habe, Fehler und Probleme euphemistisch zu beschönigen. 

In einem Raum in der Mitte des langen Gangs, der alle Räume des Stockwerks verbindet, sitzen drei Männer. Martin, Markus und Bastian. Auch sie sind Autisten und arbeiten für Auticon. "Hallo", sagen sie, als Wanninger-Bachem reinschaut. "Hallo", antwortet sie.

10. Lernfähigkeit: Manchmal fällt mir Kompliziertes leicht und ich habe unverständlicherweise Probleme mit leichten Dingen.

Einige Meter weiter liegt ihr neues Büro. Ein heller Raum mit hohen Decken. Vor dem Fenster blüht rosa eine Zierkirsche. Zwei Schreibtische stehen drin, an der Wand hängen Poster. Autistic and proud, autistisch und stolz, steht da zum Beispiel. Es gibt kein Telefon, dessen Klingeln nervös machen könnte, und keinen brummenden Server.

Silke Wanninger-Bachem: "Ich schütze mich vor Überlastung". © Verena Kathrein für ZEIT ONLINE

11. Sonstiges: Ich bin sehr gut im mir Sorgen machen.

Zurück im Konferenzraum sagt Beni: "Ich wünsche dir viel Erfolg."

Wanninger-Bachem sagt: "Ja." Pause. "Was ist eigentlich die korrekte Antwort auf viel Erfolg?"

Beni sagt: "Danke."

Wanninger-Bachem sagt: "Es ist mir noch nicht so oft untergekommen, dass Leute mir das wünschen."

12. Soziales Miteinander: Wenn ich nicht gemeinsam mit den Kollegen esse, bedeutet das nicht: "Ich habe etwas gegen euch", sondern, "Ich schütze mich vor Überlastung." Ich brauche, nachdem ich an einem gemeinsamen Mittagessen teilgenommen habe, meistens erst einmal eine Pause allein in meinem Büro, um mich zu erholen.

XML und DITA heißen die Dokumentenformate, die Silke Wanninger-Bachem lernen soll. Als studierte Erziehungswissenschaftlerin und gelernte Steuerfachangestellte kennt sie sich damit nicht aus. "Ich werde jetzt nicht gleich Höchstleistungen erbringen", sagt sie zu Bender und Öller. "Das erwartet auch keiner, es ist alles ganz entspannt", sagt Öller.

Kein leichter erster Tag beim Praktikum

13. Stärken: Bei mir weiß jeder, woran er ist. Ich sage direkt und ehrlich genau das, was ich meine.

Zehn Minuten Pause, Wanninger-Bachem macht das Fenster in der Küche auf und schaut nach draußen. Sie beißt in ihre Brezel, atmet durch. Dann setzt sie sich an den Schreibtisch in ihrem Büro, Fensterplatz. Vor ihr stehen ein Laptop und zwei Bildschirme. Ab und an fährt ein Zug vorbei, die Gleise verlaufen nicht weit entfernt von ihrem Fenster. Bei den ersten Malen hält sie sich die Ohren zu, irgendwann ist sie so konzentriert, dass sie die Züge nicht mehr beachtet.

Sie hat eine Aufgabe bekommen: Internetrecherche, sich einen Überblick verschaffen über die Dokumentenformate. Regungslos starrt sie auf die Bildschirme. "Was ist XML?", steht da. Und auf einer anderen Seite: "XML in 5 Minuten." Ihre Rechercheergebnisse will sie in einer Excel-Liste sortieren, doch sie kann Microsoft Office nicht aktivieren. In gebückter Haltung sitzt sie da, tippt in die Tastatur, sucht nach einer Lösung. Manchmal schließt sie ihre Augen, hält sich die Hände vors Gesicht, schüttelt den Kopf. Sie steht auf, schaut sich die Poster an der Wand an, setzt sich wieder, reibt an ihrer Hose, starrt wieder in den Bildschirm. Es vergehen mehr als zwei Stunden. Das Problem löst sie nicht.

14. Teamarbeit: Am liebsten arbeite ich allein als mein eigenes Team.

Öller und Bender kommen in den Raum, es ist 13.30 Uhr, der erste Praktikumstag geht zu Ende. Erst jetzt traut sich Silke Wanninger-Bachem, zu fragen:

"Wie lange muss ich bei einem Problem warten, bis ich fragen darf?"

"Du kannst uns immer fragen", sagt Öller. "Frag uns lieber einmal mehr", sagt Bender.

"Ich bräuchte eine genaue Angabe, sonst suche ich den ganzen Tag selbst nach einer Lösung", sagt Wanninger-Bachem.

"Dann nach einer halben Stunde", sagen Bender und Öller.

"Okay, eine halbe Stunde", sagt Wanninger-Bachem.

15. Zeitmanagement: Rechtzeitig um Hilfe zu bitten fällt mir meistens einfach nicht ein.

Nach vier Stunden und 47 Minuten ist ihr erster Praktikumstag vorbei. 13 Minuten früher als geplant. "Soll ich wirklich schon gehen?", fragt sie. "Du darfst gehen", sagen Öller und Bender höflich. Einige Monate später wird sie erfahren, dass sie nicht wiederkommen soll, dass es keine Projekte mehr gibt, bei denen sie eingesetzt werden kann. Doch Wanninger-Bachem will nicht aufgeben, sich vielleicht selbstständig machen und in Vorträgen über Autismus aufklären. Ihre Bedienungsanleitung könnte dann noch einen Zweck erfüllen.

Korrekturhinweis: In einer ersten Version stand, dass Silke Wanninger-Bachem die Programmiersprachen XML und DITA lernen soll. Das ist falsch. XML und DITA sind Dokumentenformate. Wir haben das angepasst. Die Redaktion.