3. Belastungsfähigkeit: Unerwarteter Lärm stresst mich so, dass ich bewegungs- und handlungsunfähig werde. Erst wenn der Lärm vorbei ist, kann ich wieder normal denken und normal handeln.

2019. Zwei Jahre sind vergangen. Zwei Jahre, in denen die Hoffnung schwindet, noch einmal einen Job zu finden. "Für Sie haben wir heute und auch in Zukunft keine Arbeit", habe die Frau beim Arbeitsamt gesagt. "Sie sind zu krank, um zu arbeiten", habe die Frau bei der Rentenversicherung gesagt. "Aber ich will arbeiten, ich muss", hat Wanninger-Bachem geantwortet. Denn wozu auf der Welt sein, wenn einen niemand gebrauchen kann? Die Rentenversicherung bewilligt ihr zur beruflichen Rehabilitation eine Maßnahme. Vielleicht ihre letzte.

4. Empathie/Emotionen: Ich bin emotional sehr empfindsam, auch wenn ich das nach außen nicht ausdrücke.

Es ist Montag, 15. April 2019, 8.06 Uhr: Wanninger-Bachem steht am S-Bahn-Gleis des Münchner Hauptbahnhofs. Kopfhörer schützen sie vor dem Lärm der Züge und der Menschen. Eine Sonnenbrille vor den vielen Farben und Lichtern. Ein Stoffhäschen an ihrer Ledertasche vor den Zweifeln.

Für einen Moment nimmt sie die beigen Kopfhörer ab, dann murmelt sie: "Wie halten die Menschen das nur aus?" und setzt sie wieder auf. Es fährt ein: die S7 nach Wolfratshausen. Vorsichtig nähert sie sich der Tür, steigt behutsam ein und setzt sich auf einen Klappsitz in der Nähe der Türen. Ihre Gesichtszüge sind angespannt, ihre Schultern fast bis zu den Ohren hochgezogen. 13 Minuten verharrt sie in dieser Position. Dann erscheint auf der Anzeigetafel die Haltestelle "Siemenswerke". Sie steigt aus, setzt ihre Kopfhörer ab und atmet durch. Noch 450 Meter Fußweg bis zum Ziel: Auticon, ein IT-Dienstleistungsunternehmen, das als Berater nur Autisten einstellt und sie für Projekte bei Firmen einsetzt.

Silke Wanninger-Bachem: "Bei mir weiß jeder, woran er ist". © Verena Kathrein für ZEIT ONLINE

5. Flexibilität: Ich bin wenig spontan (Spontaneität muss gut geplant sein).

Angekommen am Klingelschild drückt sie und sagt leise: "Silke Wanninger-Bachem hier." Eine helle Frauenstimme antwortet: "Einen Moment bitte." Vier Minuten später wartet sie immer noch vor der verschlossenen Tür. Sie schaut um sich, wippt vom linken auf den rechten Fuß. Ein Handwerker, der zufällig vorbeikommt, schließt ihr auf. Im dritten Stock öffnet eine junge Frau mit blonden Haaren und strahlendem Lächeln die Tür. "Was verstehen Sie unter einem Moment?", fragt Wanninger-Bachem. "Oh, das tut mir leid, vielleicht stimmt was mit der Technik nicht", antwortet die Frau freundlich. Sie heißt Ramona Öller, sie ist Jobcoach bei Auticon.

6. Kommunikation: Mir passiert es häufig, dass ich in Fettnäpfchen trete, weil ich die sozialen Konsequenzen meiner Worte nicht vorher beachte.

In einem hellen Konferenzraum sitzt Wanninger-Bachem an einem der Tischenden, ihr Gesicht auf die rechte Faust gestützt, meidet sie den Blickkontakt mit den drei Frauen um sich herum. Frau Öller und Katrin Bender sitzen rechts von ihr, Sabine Beni links. Öller soll ihr in Zukunft helfen, wenn es ihr schlecht geht, wenn sie sich gestresst fühlt. Bender soll ihr bei allen inhaltlichen Fragen zu den IT-Programmen und Projekten helfen, bei denen sie mitarbeitet. Beni ist Personalchefin. Sie reicht Wanninger-Bachem einen Mitarbeiterleitfaden. 

Beni sagt: "Wenn wir den mal kurz aufmachen."

Wanninger-Bachem sagt: "Wenn ich den mal kurz aufmache."

Beni sagt: "Da ist ein Organigramm, da geht es um …"

Wanninger-Bachem sagt: "Das Organigramm ist übersichtlich. Ich habe keine Probleme, mich darin zurechtzufinden."

Beni sagt: "Das habe ich erwartet."

Beni lacht, auch Frau Öller, Frau Bender und Frau Wanninger-Bachem lachen.

7. Kontakt zu Kollegen: Ich habe Schwierigkeiten damit, Kontakte zu knüpfen. Es liegt nicht daran, dass ich generell Kontakt zu anderen ablehne, sondern daran, dass ich mich dabei oft ungeschickt verhalte.

Nach dem Gespräch stehen die vier Frauen auf, und Beni führt Wanninger-Bachem durch die Räume von Auticon.

"Hier ist unser Ruheraum", sagt sie und zeigt auf die weiße Tür am Ende des Ganges. Sie öffnet sie um einige Zentimeter, ein Stuhl mit Fußteil ist zu sehen.  

"Woher weiß ich, dass da niemand drin ist?", fragt Wanninger-Bachem.

"Anklopfen", sagt Beni.

"Dann ist es aber kein Ruheraum mehr", sagt Wanninger-Bachem.

Beni denkt kurz nach. "Stimmt, dann brauchen wir ein Türschild, das wäre sinnvoller."

Wanninger-Bachem nickt. Bitte nicht stören.