Ekku Leivonen, 24, kommt aus Finnland. Er arbeitet in Berlin als Marketingmanager in einem Technologie-Start-up:

"Im Studium lebte ich alleine. Ich ging in Schweden zur Uni und wohnte sieben Jahre lang in einer kleinen Einzimmerwohnung. In Berlin habe ich während des Studiums ein halbes Jahr ein Praktikum gemacht. Als ich beschlossen habe, hier zu arbeiten, habe ich mich vor allem aus praktischen Gründen für eine WG entschieden: Man muss keine komplette Wohnung allein einrichten. Sogar in der Küche war alles da, als ich eingezogen bin. Außerdem kannte ich kaum jemanden in Berlin und habe durch die WG gleich superviele Leute kennengelernt. Alleine wäre ich wahrscheinlich anfangs etwas einsam gewesen. Ich habe zwar nicht immer Lust auf Gesellschaft: Wenn ich tagsüber viele Kunden und Partner treffe, gehe ich oft direkt in mein Zimmer. Sitze ich aber den ganzen Tag vor dem Computer, dann freue ich mich, wenn jemand zu Hause ist. Dann kochen wir gemeinsam, gehen laufen oder hängen einfach im Wohnzimmer rum. Tor und ich interessieren uns außerdem beide für Fotografie. Abends arbeiten wir manchmal an gemeinsamen Fotoprojekten und müssen uns dafür nicht mal außer Haus bewegen."

Viele Menschen, die wie Ekku Leivonen wegen eines Jobs den Wohnort wechseln, entscheiden sich für eine WG, um schneller in einer neuen Stadt anzukommen. Dort finden sie schneller Anschluss – und können ohne viel Aufwand weiterziehen: "Wer nur für ein halbes Jahr in München lebt, will sich nicht eine ganze Wohnung einrichten", sagt die Soziologin Christine Hannemann. Auch sie geht davon aus, dass die Zahl der Berufstätigen-WGs steigen wird.

"Alleine wäre ich wahrscheinlich anfangs etwas einsam gewesen." Der 24-jährige Ekku Leivonen kommt aus Finnland. © Sina Niemeyer für ZEIT ONLINE

Akademiker wechseln besonders häufig den Wohnort

Einer der Gründe dafür sei ein Wandel, in dem sich unserer Gesellschaft gerade befindet: "Die Familie steht heute bei vielen nicht mehr im Mittelpunkt der Lebensplanung. Der Beruf ist wichtiger", sagt sie. Solche Arbeitnehmer würden mehrmals die Stadt wechseln, weil sie einen befristeten Arbeitsvertrag haben – oder weil sie sich weiterentwickeln wollen. "Das ist das Ergebnis der neoliberalen Arbeitswelt, in der häufiger Wechsel möglich ist und auch gefordert wird", sagt Hannemann. Alle Klassen und Schichten seien betroffen, vor allem aber Akademiker.

Constanze Bauernschmidt*, 28, kommt aus Deutschland und arbeitet als Assistenzärztin in der Chirurgie: 

"Ich bin finanziell nicht darauf angewiesen, mir die Miete zu teilen. Aber mir gefällt es, zusammen mit anderen zu wohnen und eine Wahlfamilie zu sein, wenn auch nur auf Zeit. Ich mag es, sich gegenseitig zu unterstützen, füreinander einzukaufen, zusammen zu kochen und zu essen. In einer Großstadt braucht nicht jeder Mensch sein eigenes Wohnzimmer, Küche, Bad und Waschmaschine. Einkaufen, Waschen und Heizen geht umweltfreundlicher, wenn man sich eine Wohnung teilt – vor allem, weil wir eh selten zu Hause sind. Wenn ich aus einem langen Dienst komme, bin ich außerdem oft zu müde, durch die Stadt zu fahren, um jemanden zu treffen. Ich freue mich dann, dass jemand in der Wohnung ist. Nach dem Studium habe ich überlegt, ins Ausland zu gehen, bin aber stattdessen nach Berlin gezogen. Aber weil meine Mitbewohner aus anderen Ländern kommen, habe ich trotzdem diese Einflüsse: Wir sprechen meistens Englisch und ich bekomme Außenperspektiven auf Deutschland mit. Natürlich kommt es vor, dass man mal genervt ist, wenn jemand was stehen lässt oder der Putzplan aus den Fugen gerät. Aber die schönen Seiten überwiegen. Später kann ich mir vorstellen, in einem Wohnprojekt mit geteilten Gemeinschaftsräumen zu leben. Ich denke, solche Modelle können die Antwort auf viele soziale und ökologische Fragen der Zukunft sein."

Auch die Soziologin Christine Hannemann fände es gut, wenn die Wohnungspolitik den Bau von WG-tauglichen Gebäuden unterstützt. "Es würde noch viel mehr Berufstätigen-WGs geben, wenn die räumlichen Möglichkeiten dafür existierten", sagt sie. "Aber auf die Wohnungsmisere wird aktuell oft mit Mikroapartments reagiert. Kleine Zellen, übereinandergestapelt, sehr gut vermiet- oder verkaufbar. Das finde ich fatal." Denn solche Wohnungen würden zwar große Gewinne bringen, die Menschen aber einsamer machen – und die Städte gleichförmiger.

Leere Whiskey-Flaschen, Kaugummis und Marilyn Monroe: Die schönen Seiten des WG-Lebens. © Sina Niemeyer für ZEIT ONLINE

Besonders vielversprechend findet sie sogenannte Clusterwohnungen. Das ist die Wohnform, in der auch die Assistenzärztin Bauernschmidt später gerne wohnen würde: Jeder hat sein eigenes Zimmer oder sogar einen größeren Wohnbereich, teilt sich aber auch einige Räume mit anderen. "Das wird aber wenig gebaut, weil es nicht so lukrativ ist", sagt Hannemann. Dabei würden genau solche Wohnformen für sozial durchmischte Städte sorgen. "Wohnen ist einer der letzten Bereiche, in denen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen aufeinandertreffen können. Im Job arbeitet man heutzutage meist nur Menschen mit ähnlichem Bildungsgrad und aus der gleichen sozialen Schicht", sagt Hannemann. "Aber das muss man fördern."

*Nach dem Gespräch hat sich die Assistenzärztin entschieden, nicht mit ihrem echten Nachnamen erwähnt werden zu wollen. Sie steht vor einem beruflichen Wechsel und möchte nicht, dass mögliche Arbeitgeber oder künftige Patienten Einblicke in ihr Privatleben haben, wenn sie ihren Namen googeln. Deshalb haben wir ihrem Wunsch nach einem Pseudonym entsprochen. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.