Der Tote soll nicht zurückblicken. Er muss mit den Füßen voran aus dem Haus getragen werden, auf dem Rücken liegend, die Augen nach oben oder vorne gerichtet. Eine Sitte, die die Zeit überdauert hat und noch immer praktiziert wird. Wer heute beruflich mit dem Tod umgeht, muss nicht zuletzt auch mit solchen Konventionen vertraut sein. Genau wie mit allem anderen, was zu tun ist, zwischen letztem Atemzug und ewiger Ruhe eines Menschen.

Gelehrt wird das erforderliche Wissen etwa an der Theo-Remmertz-Akademie, dem Bundesausbildungszentrum der Bestatter im unterfränkischen Münnerstadt. Von außen erinnert das langgezogene, schmale Gebäude beinahe selbst an einen Sarg. Die Atmosphäre im Inneren ist nüchtern und ruhig.

Einige Schülerinnen und Schüler stammen aus Bestatterfamilien

Jedes Jahr beginnen hier etwa 200 Menschen mit der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Dass die Branche noch keine Nachwuchssorgen hat, erklärt sich Rosina Eckert, seit der Gründung im Jahr 2005 Leiterin der Akademie, mit der Vielseitigkeit des Berufs. Während der dreijährigen Lehrzeit steht neben der Psychologie des Trauerns und technischen Fragen beim Ausheben und Schließen von Gräbern unter anderem auch die hygienische Versorgung von Toten auf dem Stundenplan. Und da der Beruf sich in den vergangenen Jahren immer stärker zu einer Art Eventmanagement für den Trauerfall entwickelt hat und sich Bestatter nicht zuletzt um die Dekoration, die Lieblingsmusik und das Catering bei der Beerdigung kümmern müssen, werden auch diese Aspekte unterrichtet.

Mit diesen Utensilien richten die Auszubildenden die toten Körper her. © Magdalena Latz

Die Schülerinnen und Schüler der Akademie sind zwischen Anfang 20 und Mitte 30. Viele von ihnen haben zuvor studiert oder einen anderen Beruf erlernt. Der eine studierte BWL, die andere Sozialwissenschaften, ein Dritter hatte es mit Wirtschaftsingenieurwesen probiert. Etwa 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler stammen aus Bestatterfamilien. Dass sie selbst irgendwann die Familientradition fortsetzen würden, hätten die meisten von ihnen jedoch ursprünglich nicht gedacht.

Die Dozentin schluchzt, die Auszubildende reicht ihr die Taschentücher

Betritt man den Raum neben der Eingangstür der Akademie, sticht der Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase. Die Wände sind weiß gekachelt, es ist kühl, in der Mitte des Raumes stehen zwei Tische aus Edelstahl, auf die die toten Körper gelegt werden. Die angehenden Bestatter lernen hier, diese für den Sarg vorzubereiten. Leib und Haare werden gewaschen und desinfiziert, Fingernägel geschnitten, Katheter und andere äußere Fremdkörper entfernt. Wie man Wunden vernäht, üben die Auszubildenden an Schweinefüßen.  

Im ersten Stock des Gebäudes lässt sich die Dozentin Johanna Wilke auf einen Stuhl fallen. Sie unterrichtet Trauerpsychologie und übernimmt heute die Rolle eines hinterbliebenen Menschen, der schlechte Erfahrungen im Krankenhaus des Angehörigen gemacht hat. "Ich bin furchtbar ärgerlich. Furchtbar ärgerlich", stößt sie hervor. "Was ich dort erlebt habe, das ist eine Zumutung, eine Frechheit, unerhört!" Frauke Schlüter ist Auszubildende an der Theo-Remmertz-Akademie und beobachtet die tobende Frau. Wägt ab, setzt an und verwirft, was sie sagen wollte. "Diese Pflegekräfte da vor Ort und die Ärzte. Sie haben mich nicht zu ihr gelassen. Und genau in dem Moment …" Die Dozentin schluchzt. Die Auszubildende reicht ihr ein Päckchen Taschentücher – wie soll sie bei so einem Fall die richtigen Worte finden? Immer wieder unterbricht die Dozentin das Rollenspiel – damit die Auszubildenden lernen, genau zuzuhören, angemessene Formulierungen zu finden, ein Gespräch zu strukturieren. Das alles muss im Berufsalltag einer Bestatterin perfekt funktionieren.

Mit Schlitten und Skiern dekorieren die Auszubildenden eine Trauerfeier. © Magdalena Latz

Die Ziele der Auszubildenden an der Akademie sind unterschiedlich: Einige streben einen Abschluss als geprüfte Bestattungsfachkraft an. Andere wollen Kremationstechniker werden, also Experten in Sachen Einäscherung. Wieder andere nehmen nur an einzelnen Fachseminaren zur Weiterbildung teil.

Zwischen 20 und 40 Auszubildende jährlich legen hier sogar eine Meisterprüfung ab. Diese Möglichkeit zu bieten, ist der Akademie besonders wichtig. Anders als in anderen Handwerksberufen ist die Meisterprüfung im Bestattungswesen freiwillig und vom Gesetz nicht vorgesehen. Weil Bestatter in der Handwerksordnung lediglich zur Kategorie B2, dem "handwerksähnlichen" Gewerbe zählen, ist es für sie nicht notwendig, einen Meisterbrief vorzuweisen, wenn sie einen Betrieb führen wollen. Es reicht, einen entsprechenden Gewerbeschein zu haben. Der Bundesverband der Deutschen Bestatter versucht, das zu ändern, und setzt sich seit einiger Zeit für eine verpflichtende Meisterprüfung ein. Doch bisher ohne Erfolg.