Als Brigitte Schlichting die Klappe des Durchlauferhitzers öffnet, fällt ihr eine Visitenkarte entgegen: "Die Gasetage" steht darauf in roter Schrift, "Wartung und Reinigung Ihres Heizgeräts vom Spezialisten". Das Kärtchen stammt von einer Spezialistin – Schlichting selbst hat es hier gelassen, als sie im vergangenen Jahr schon einmal in diesem Badezimmer in Berlin-Schöneberg war. Die Kundin hatte sie damals panisch angerufen, weil weder Heizung noch Heißwasser funktionierten – und das mitten im Dezember. Schlichting ist froh, dass die Frau sich zur Wartung ihrer Gastherme dieses Mal rechtzeitig gemeldet hat. "Am besten wäre es, wenn die Kunden schon im September bei mir anriefen und nicht erst im Dezember, wenn es schon kalt ist." 

In der Regel müssen Kunden drei Wochen warten, bis Schlichting Zeit für sie hat. Ab neun Uhr morgens fährt sie jeden Tag quer durch Berlin, meistens hat sie drei Termine, ihr Kalender ist voll. Nur in absoluten Notfällen schafft sie es, irgendwo spontan vorbeizuschauen. In Berlin fehlen Handwerker – und die wenigen, die es gibt, sind ausgelastet, wie Schlichting.

"Im Büro sein wäre nichts für mich."
Brigitte Schlichting, Heizungsinstallateurin

Obwohl die Auftragslage so gut ist, scheint die Arbeit mit den Händen unbeliebt geworden zu sein. Besonders betroffen sind der Metall- und Tiefbau sowie der Sanitär-Klima-Heiz-Bereich. Dort bleiben viele Stellen frei. Außerdem waren im vergangenen Jahr etwa 17.400 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt. Auch, weil nur wenige Frauen in diesen Berufen arbeiten wollen: Nur etwa 20 Prozent aller Azubis sind angehende Handwerkerinnen. In manchen Bereichen wie dem Bauwesen oder im Sanitär-Klima-Heiz-Bereich, in dem auch Schlichting arbeitet, findet man besonders wenige Frauen. Und noch weniger Frauen machen ihren Meister. Von 1.607 Absolventen der Meisterprüfungen für Installateur und Heizungsbauer im Jahr 2018 waren nur 20 weiblich.

Warum hat das Handwerk so ein massives Nachwuchsproblem? Wieso sind die Jobs gerade bei Frauen so unbeliebt? Und warum haben sich Frauen wie Brigitte Schlichting dennoch fürs Handwerk entschieden?

Nach der Schule wusste Schlichting nicht so recht, was sie tun soll. "Im Büro sein wäre nichts für mich", sagt sie. Da lag es nah, eine Ausbildung zu machen. "Mir war es auch wichtig, einen Beruf zu wählen, in dem ich später gut verdienen kann", sagt sie. 

"Da hört man was, da sieht man was, dit ist super", sagt Brigitte Schlichting. © Lena Fiedler

Allein unter Jungen war schwierig

Als sie 1986 ihre Ausbildung begann, war sie eines von drei Mädchen in der Klasse. Weil sie Abitur hatte, konnte sie ein Ausbildungsjahr überspringen. Ab dann war sie allein unter Jungen. Dann sei es nicht mehr so lustig gewesen, sagt Schlichting. Die Jungen in der Klasse hätten damit nicht gut umgehen können. In den Pausen stellten sie sich im Spalier auf, um zu pfeifen, wenn Schlichting vorbeilief. "Ich war erleichtert, als die Schule vorbei war." 

Auch das Lehrgeld war zu wenig. 400 DM bekam sie damals im Monat. "Zum Leben hat's nicht gereicht", kommentiert sie das. Hätte eine Freundin ihr nicht mal unverbindlich und schnell Geld geliehen, wäre es nicht gegangen. 

Nach Abschluss der Ausbildung verdienen Handwerker meist ordentlich, reich werden aber nur wenige. Die Innung Sanitär-Heizung-Klima Berlin empfiehlt für einen Kundendienstmonteur mit Erfahrung einen Stundenlohn von 14,37 Euro (und damit ein Monatsgehalt von etwa 2.500 Euro brutto), betont aber, dass dieser Wert nicht allgemeingültig ist, weil die Betriebe selbst über ihre Preise und die Löhne der Mitarbeiter entscheiden.