Norbert Walter-Borjans hat mit seinen 67 Jahren eine vorzeigbare Karriere in der Landespolitik hinter sich. Der SPD-Politiker war Staatssekretär im Saarland, Sprecher der Landesregierung und Finanzminister von NRW. Nun könnte er sich entspannt zur Ruhe setzen, sich Rentner-Träume erfüllen. Stattdessen plant er den nächsten Karriereschritt: Walter-Borjans will in die Bundespolitik. Gemeinsam mit Saskia Esken kandidiert er für den SPD-Vorsitz. Hier erzählt er, was ihn antreibt und was er über Altersgenossen denkt, die in Rente sind.

ZEIT ONLINE: Herr Walter-Borjans, am Samstag, wenn alle Stimmen ausgezählt sind, entscheidet sich, ob Sie SPD-Vorsitzender werden. Wenn nicht, sind Sie nach vielen Jahren im Beruf Rentner. Hätten Sie Angst, dann in ein Loch zu fallen? 

Norbert Walter-Borjans: Nein, so ein Typ bin ich nicht. Ich weiß, wie es ist, wenn man sich beruflich neu orientieren muss. Ich kann mich auf neue Lebensabschnitte einstellen. Als Politiker muss man immer damit rechnen, dass sich von heute auf morgen etwas ändert. Ein Beispiel: 1998 ging ich als Staatssekretär ins Saarland, ein Jahr später gab es einen Regierungswechsel. Da musste ich mir auch erst einmal überlegen, wie es weitergeht. Ich habe mich damals für die Selbstständigkeit entschieden und als freier Berater gearbeitet. Egal, für wen sich die SPD-Mitglieder entscheiden, ich werde demnächst sicher nicht untätig auf dem Sofa sitzen. Das ist ausgeschlossen.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Walter-Borjans: Mit der ungerechten Verteilung von Chancen und Lasten im Land beschäftige ich mich ja schon lange. Dafür können wir uns alle an vielen Stellen engagieren. Ich persönlich würde also sicher keine Sinnkrise bekommen. Ich weiß aber, wie es ist, wenn Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, im Ruhestand plötzlich die Orientierung verlieren. Mein Vater war Schreiner, ein richtiges Arbeitstier. Als er Rentner wurde, hatte er mit dieser Umbruchphase wirklich zu kämpfen und litt unter Depressionen. Ich war damals Mitte zwanzig. Ich war immer optimistisch, dass mir das nicht so leicht passieren würde, dazu waren mein Vater und ich zu unterschiedlich. Aber diese Situation hat mich schon beschäftigt. 

"Bekannte verbringen jede freie Minute auf dem Golfplatz. Das wäre definitiv nichts für mich."
Norbert Walter-Borjans, SPD-Politiker

ZEIT ONLINE: Wie erleben Sie Ihre Altersgenossen, diejenigen, die jetzt ihre Rente genießen?

Walter-Borjans: Ich sehe das mit hohem Respekt, wenn Menschen am Ende Ihres Berufslebens zu anderen Schlüssen kommen als ich. Zum Beispiel mein ehemaliger Staatssekretär: Er hat seinen absehbaren Ruhestand gut durchdacht und sich gewissenhaft auf diesen neuen Lebensabschnitt vorbereitet. Das bewundere ich. Andere Bekannte verbringen jede freie Minute auf dem Golfplatz. Das wäre definitiv nichts für mich. Vielleicht ändert sich mein Freizeitbedarf ja, wenn meine Kinder mich einmal zum Großvater machen. Aber jetzt genieße ich einfach, dass ich mit dem Wissen, das ich mir erarbeitet habe, noch etwas anfangen kann. 

ZEIT ONLINE: Wie geht Ihre Familie damit um, dass Sie jetzt quasi wieder in Vollzeit arbeiten? Hätte sie sich nicht gefreut, wieder mehr von Ihnen zu haben?

Walter-Borjans: Die Menschen um mich herum wissen, wie ich ticke. Meine Partnerin und meine Kinder haben mich ermuntert, diesen Schritt zu tun und unterstützen mich. Vielleicht haben sie ja doch ein bisschen Angst vor einem unterausgelasteten Miesepeter. Aber natürlich haben sie mich gewarnt, dass das viel Verzicht für unser Privatleben bedeuten würde. Es wird im Alter schließlich immer schwieriger, Dinge aufzuschieben. Da lautet die Frage bei manchem Vorhaben nicht "jetzt oder später", sondern "jetzt oder nie". Das gilt erst recht für die Aufgabe, die ich mir jetzt vorgenommen habe. Ich bin übrigens auch begeisterter Bildhauer. Hätte ich nicht für den SPD-Vorsitz kandidiert, hätte ich diesen Sommer sicher in Italien verbracht und mich mit neuen Plastiken beschäftigt. Aber wenn man so eine Entscheidung trifft, wie ich es getan habe, muss man Prioritäten setzen.  

ZEIT ONLINE: Sind das Zweifel? 

Walter-Borjans: Nein, sicher nicht. Ich hatte ja zum Glück keinen Lebenstraum für die Rente, den ich nun begraben müsste. Eher Neugier auf das, was kommt. Mit der Kandidatur im vergangenen August ging eine ziemlich wilde, spannende, inspirierende, arbeitsreiche Zeit los – weil ich so oft unterwegs bin und viele Menschen treffe und mit ihnen diskutieren und konstruktiv streiten kann. 

"Zeitweise habe ich in vierzehn Tagen gerade zweimal zu Hause übernachtet. Und deutlich über 10.000 Kilometer Bahnfahrt in drei Monaten zurückgelegt."
Walter-Borjans

ZEIT ONLINE: Ist die Kandidatur Ihre bisher anstrengendste berufliche Aufgabe?

Walter-Borjans: Die Kandidatur sicher nicht. Ich habe schon vor zwanzig Jahren als Regierungssprecher manchen Demontageversuch gegen den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau mit abwehren müssen. Und die Verhandlungsnächte als nordrhein-westfälischer Finanzminister, als es um die Abwicklung der WestLB ging, waren auch kein Zuckerschlecken. Arbeitsreich war diese dreimonatige Ochsentour durchs Land aber allemal. Zeitweise habe ich in vierzehn Tagen gerade zweimal zu Hause übernachtet. Und deutlich über 10.000 Kilometer Bahnfahrt in drei Monaten zurückgelegt. Aber die Kandidatur ist ja erst der Anfang.