ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie darauf, sich jetzt auf den SPD-Vorsitz zu bewerben?

Walter-Borjans: Aus Verantwortung für meine Partei und für dieses Land. Ohne starke Sozialdemokratie würde unser Land instabiler. Und dazu gehört auch der Einsatz für Verteilungsgerechtigkeit. Deshalb war mein erster Gedanke nach dem Rücktritt von Andrea Nahles, meine Erfahrung auf diesem Gebiet in den Parteivorstand einzubringen. Dann haben mich immer mehr Parteifreunde ermuntert, mich auf den Vorsitz zu bewerben und das Sozialdemokratische in der SPD wieder mehr zur Geltung zu bringen. Dazu kam der Anruf von Saskia Esken. Das folgende lange Gespräch und die Überzeugung, dass man, wenn man meint, es besser zu wissen, auch bereit sein muss, es besser zu machen, gab den Ausschlag.

ZEIT ONLINE: Warum lassen Sie nicht die Jüngeren an die Macht?

Walter-Borjans: Das Interessante ist, dass diese Frage so gut wie nie von jungen Menschen selbst kommt. Wenn es so wäre, würde ich sagen: Ihr habt recht, ich bin vielleicht zu alt für den Job. Aber es sind gerade auch die Jungen, die mich mit ermuntert haben, diesen Schritt zu tun. Ich habe sie durchaus gewarnt, dass sie da einen alten Sack auffordern, Verantwortung zu übernehmen. Umso schmeichelhafter ist es, zu hören, dass Geradlinigkeit und Glaubwürdigkeit mit dem Lebensalter nicht zwangsläufig abnehmen müssen, sondern schon öfter bewiesen wurden.

"Mangelnde Basisarbeit kann mir niemand ernsthaft vorwerfen."
Walter-Borjans

ZEIT ONLINE: Fällt es Ihnen generell schwer, Anfragen abzulehnen?

Walter-Borjans: Kommt darauf an. Viele Einladungen muss ich ablehnen, weil ich so wenig Zeit und eine Menge Anfragen habe. Aber ich habe in den Jahren gelernt, wie wichtig gerade die kleinen Termine und Begegnungen im Politikbetrieb sind. Ein Beispiel: Für einen Ortsverein ist es viel Arbeit, eine Abendveranstaltung mit mir zu organisieren, Plakate müssen gedruckt, die örtliche Presse informiert werden. Es wäre schlicht respektlos, wenn ich so eine Veranstaltung absagen würde, nur weil ein angeblich wichtigerer Termin dazwischenkommt. Das ist nicht meine Art. 

ZEIT ONLINE: Was hat Ihnen während ihrer beruflichen Laufbahn besonders Spaß gemacht?

Walter-Borjans: Der Ernstfall der Politik sind nicht die manchmal bis tief in die Nacht gehenden Sitzungen. Die können durchaus nötig sein, sind oft aber auch ritualisiert. Der Ernstfall ist die Begegnung mit den Menschen. Deshalb war ich auch ohne Amt und lange vor der Kandidatur fast ständig im Land unterwegs, habe vorgetragen und diskutiert. Mangelnde Basisarbeit kann mir niemand ernsthaft vorwerfen. Das würde ich auch als Mit-Vorsitzender nicht ändern. Dann hat man in den Gremiensitzungen auch wirklich etwas zu berichten. 

ZEIT ONLINE: Ihre Arbeitsbelastung ist hoch. Wie halten Sie sich fit?

Walter-Borjans: Ich jogge im Moment intensiver als in der Zeit, in der ich weniger terminlichen Druck hatte. Meine Laufsachen habe ich immer dabei. Gerade bin ich in Berlin und habe morgen einen freien Vormittag, da will ich neun, zehn Kilometer joggen. Ich laufe tatsächlich schneller als noch vor einem Jahr.