Ob in Krankenhäusern und Pflegeheimen, in der Industrie, der Reinigungsbranche oder bei der Polizei: In Deutschland arbeiten derzeit nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) rund sechs Millionen Beschäftigte in Wechselschicht mit Nachtarbeit oder dauerhaft nachts – und es werden immer mehr. Nicht alle, aber viele Menschen klagen dabei über schwerwiegende gesundheitliche Folgen. Wie krank macht Schichtarbeit? Frank Brenscheidt vom BAuA leitet dazu ein Langzeit-Forschungsprojekt.

ZEIT ONLINE: Herr Brenscheidt, eine Nachtschicht bedeutet für eine Pflegekraft im Krankenhaus zum Beispiel: den Wecker auf 18 Uhr stellen, die Nacht über durcharbeiten, um sechs Uhr früh nach Hause fahren, dann Haushalt, Familie, schlafen und abends wieder losfahren zur Arbeit – das klingt nicht gesund. Wie gefährlich ist Schichtarbeit für den Körper?

Frank Brenscheidt: Grundsätzlich reagiert jeder Mensch anders auf so eine Belastung, das lässt sich also schwer verallgemeinern. Was man aber sicher sagen kann, ist, dass es nicht gut für den Körper ist, wenn jemand ständig gegen seine innere Uhr arbeiten muss. Der Mensch ist ein tagaktives Wesen, er fährt am Morgen mit dem Tageslicht sein körpereigenes System hoch und am Abend wieder herunter, dann beginnen auch die Erholungsprozesse für den Körper, er regeneriert sich. Gegen diesen Rhythmus kommt man nur schwer an. Wenn ich tagsüber schlafe, dann hat dieser Schlaf meist nicht die erholsame Wirkung wie nachts, er ist zum Beispiel nicht so tief. Wenn ich mehrere Nächte hintereinander arbeiten muss, wird das Erholungsdefizit immer größer.

ZEIT ONLINE: Wie genau reagiert der Körper darauf?

Brenscheidt: Man kann das mit einem Jetlag vergleichen, auch da gerät der Körper aus dem Rhythmus. Wir sind müde, gereizt und finden keinen Schlaf. Wer nicht erholt ist, kann sich auf der Arbeit oder auch auf dem Weg dahin schlechter konzentrieren. Das ist verbunden mit einem höheren Unfallrisiko zum Beispiel. Wir machen mehr Fehler und setzen unsere Gesundheit aufs Spiel, denn zu wenig Schlaf schädigt auch das Immunsystem.

ZEIT ONLINE: Was sind langfristig die gesundheitlichen Konsequenzen? 2007 stufte das Internationale Krebsforschungszentrum der WHO nächtlichen Schichtdienst sogar als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

Brenscheidt: Es gibt immer wieder Studien, die das besagen, aber ein konkreter Zusammenhang lässt sich schwer beweisen. Klar ist aber, dass viele Schichtarbeiter ein ungesundes Verhalten entwickeln. Auffällig viele der von uns befragten Schichtarbeiter rauchen zum Beispiel. Einfach, weil es sie wach hält, den Stress abbaut, oder sie damit eine Pause machen können und mal kurz rauskommen. Oder sie ernähren sich schlecht während der Schicht, zu fettig, zu salzig. Ob nun dieses Verhalten oder die Schichtarbeit zu Krebs führt, ist schwer auseinanderzuhalten. Nach 15 bis 20 Jahren in der Schicht sind viele unserer Befragten für Schichtarbeit gar nicht mehr tauglich, denn sie sind dann gesundheitlich zu eingeschränkt.

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Brenscheidt: Die Menschen leiden unter Schlafstörungen, Magen-Darm-Problemen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Kopfschmerzen. Die Gefahr ist, dass nach vielen Jahren Schichtarbeit solche Krankheiten chronisch werden. Das Diabetes-Risiko bei Dauernachtarbeitern ist deutlich erhöht.

"Viele Schichtarbeiter sind froh, wenn sie ihren Partner oder die Kinder überhaupt mal zu Gesicht bekommen."
Frank Brenscheidt

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt dabei das Alter?

Brenscheidt: Während jüngere Menschen Schichtarbeit oft gut wegstecken, haben viele Ältere zunehmend Probleme damit. Unser Körper baut mit den Jahren ab und wird weniger leistungsfähig, das merken wir ja auch im Alltag. Wer in jungen Jahren mit der Schichtarbeit anfängt, brennt schneller aus und wird merken, dass er irgendwann damit aufhören will oder muss. Und es sind ja nicht die biologischen Prozesse, die eine Rolle spielen, auch das Sozialleben leidet darunter.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Brenscheidt: Das soziale Leben ist gestört, ganz einfach. Viele Schichtarbeiter sind froh, wenn sie ihren Partner oder die Kinder überhaupt mal zu Gesicht bekommen. Wenn wir schauen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, dann haben die meisten Menschen meist am Abend und am Wochenende Freizeit. Hier können sie gemeinsam mit Freunden oder der Familie etwas unternehmen. Wenn sie zu diesen wertvollen Zeiten allerdings arbeiten müssen, können sie nicht daran teilhaben. Das macht einsam und führt im schlimmsten Fall zu Isolation und Depressionen.

ZEIT ONLINE: Das heißt im Umkehrschluss, von dem Leben nach dem Schichtrhythmus ist nicht nur der Arbeitende selbst, sondern auch die Familie betroffen?

Brenscheidt: Es gibt Forschungsergebnisse, dass sich Schichtarbeit auf die eigenen Kinder auswirkt. Wenn zum Beispiel die Eltern beide in Schichten arbeiten, ist es nicht so einfach, die Kinder mal eben zum Fußball oder Gesangsunterricht zu fahren oder auch nur ein gemeinsames Mittagessen zu organisieren. Besonders betroffen sind Alleinerziehende. Wenn sie dann kein gutes Netzwerk mit Großeltern oder Freunden haben, ist die Belastung für alle schon extrem hoch. Und gerade die Alleinerziehenden nehmen ja oft Nachtschichten in Anspruch, um tagsüber für die Kinder da zu sein und das Alltagsleben zu managen. Da kommen der Schlaf und die Erholung natürlich deutlich zu kurz.