In deutschen Großstädten stehen sie inzwischen in vielen Straßen: die Hollandräder mit dem blauen Vorderreifen. Es sind vor allem Menschen zwischen 20 und 35, die sich auf diesen robusten Rädern durch die Stadt bewegen.

Seit August bin ich eine von ihnen. Eine Kollegin erzählte mir, dass sie das Rad, das sie jeden Tag in die Redaktion bringt, nicht gekauft habe, sondern es sich dauerhaft ausleihe. Das fand ich super. Denn: Ein Fahrrad zu kaufen ist ein bisschen wie eine neue Beziehung zu beginnen, schön, aber mit Einsatz verbunden. Will man langfristig etwas davon haben, muss man sich kümmern, das Rad möglichst nicht im Regen stehen lassen, es ab und zu zur Reparatur bringen oder selbst lernen, wie man einen platten Reifen flickt. Mit meiner Zeit mache ich lieber anderes – und damit bin ich scheinbar nicht allein.

Das Unternehmen Swapfiets hat diese Stimmung erspürt und erfüllt mit seinem Angebot die Wünsche derjenigen, die ihre Wege mit dem eigenen Fahrrad zurücklegen wollen. Hin zur Arbeit, zum Sport, abends zum Supermarkt, vielleicht auch mal eine Radtour am Wochenende. Und die dennoch so wenig Mühe wie möglich haben wollen. Das Konzept ist einfach: Die Firma liefert ihren Kunden ein Fahrrad, auf Niederländisch ein fiets, bis vor die Haustür. Geht etwas daran kaputt, tauscht – also swapt – das Unternehmen das defekte Teil oder gleich das ganze Rad aus.

Nicht hip, nicht schnell, aber extra sicher

Es ist kein Zufall, dass die Idee aus Holland stammt, dem Land, in dem es mehr Fahrräder als Einwohner gibt. Scheinbar allerdings nicht nur gute: "Uns fiel auf, dass die Leute um uns herum sehr schlechte Fahrräder fuhren. Und dass es sie nervt, wenn sie sie zur Reparatur bringen müssen", sagt Steven Uitentuis. 2014 hatten Uitentuis und drei seiner Kommilitonen dann die Idee zu Swapfiets.  

Das Konzept könnte auch in Deutschland Erfolg haben. Laut dem Fahrrad-Monitor 2019 nutzen hierzulande bereits 44 Prozent der Menschen regelmäßig das Fahrrad. Tendenz steigend. 

Auch ich fahre ungern U-Bahn oder Bus, Laufen dauert zu lange. Über mein Fahrrad und die Kosten für die nächste Reparatur will ich aber trotzdem nicht nachdenken.

40.000 Hollandräder mit blauem Vorderreifen hat das Unternehmen Swapfiets in Deutschland vermietet, insgesamt sind es über 170.000. © Elena Erdmann für ZEIT ONLINE

Ein Swapfiets ist ein Allzweckfahrrad, Unisex-Rahmen, 28-Zoll-Räder. Es ist weder wahnsinnig hip noch schnell, hat einen Frontgepäckträger, ein fest installiertes Licht, sieben Gänge und kommt mit einem Doppelschloss, das relativ stabil aussieht. Angesichts der Tatsache, dass in Berlin alle 17 Minuten ein Fahrrad gestohlen wird, beruhigt mich das zumindest ein bisschen. Wird das Fahrrad trotzdem gestohlen, zahle ich 60 Euro und bekomme ein neues. 

Die Fahrräder, die ich besessen habe, bekam ich immer von irgendwoher, von meinen Eltern, von Freunden, die in eine andere Stadt zogen. Einmal gewann ich ein Fahrrad während eines Pub-Quiz. Sie alle hatten gemein, dass sie schlecht fuhren und oft kaputt waren. Gestohlen wurden sie mir nie. Dafür kostete die Reparatur oft mehr, als ich für das Rad ursprünglich bezahlt hatte. Als Studentin probierte ich es besonders gerne mit Radwerkstätten, in denen man sein Fahrrad selbst reparieren konnte. Das war günstig, aber leider nicht sehr effektiv: Eine Zeit lang war ich fast jede Woche da, um abfallende Pedale wieder anzuschrauben und luftleere Reifen aufzupumpen.

Was uns nicht gehört, ist uns irgendwie auch egal

Deshalb stieg ich nach meinem Umzug nach Berlin auf Bikesharing um. Warum ein Fahrrad kaufen, wenn doch an jeder Ecke eines zum kurzzeitigen Mieten steht, dachte ich mir. Ist ja irgendwie auch schön, Dinge mit anderen zu teilen. Anbieter gibt es hier zahlreiche: Sie heißen beispielsweise nextbike oder Donkey Bike, Lidl-Bike, Ofo oder Call-a-Bike. Der Vorteil: Jeder kann sie nutzen. Der Nachteil: Jeder kann sie nutzen. Das führt dazu, dass die Fahrräder nicht immer dort stehen, wo man losfahren möchte. Oder dass sie sich nicht dort abstellen lassen, wo man hinmöchte. Dass der Lenker mit undefinierbaren Flüssigkeiten bekleckert ist oder dass das ausgeliehene Fahrrad keine Pedale hat. 

Was uns nicht gehört, ist uns irgendwie auch egal: In London etwa müssen jedes Jahr etwa hundert Leihfahrräder verschiedener Anbieter aus Kanälen herausgefischt werden, die irgendjemand dort hingeworfen hat. In Shanghai liegen kaputte oder aussortierte Fahrräder zu Tausenden herum und kreieren riesige Müllhalden