Der Onlinehändler Zalando steht wegen einer Software zur Personalbewertung intern in der Kritik. Dies geht aus einer Studie der Berliner Humboldt-Universität im Auftrag der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung hervor, über die die Süddeutsche Zeitung berichtet. Demnach kommen die Studienautoren zu einem eindeutigen Urteil: Zalando ist verantwortlich für "ein Gefühl der Überwachung, von Leistungsdruck und Stress".

Grundlage für die gegenseitigen Bewertungen ist ein System namens Zonar, mit denen Vorgesetzte und Mitarbeiter die Stärken und Schwächen von 5.000 Kolleginnen und Kollegen bewerten sollen. "Im Kern geht es darum, Beschäftigte permanent zu bewerten, zu kontrollieren und zu sanktionieren", heißt es demnach in der Studie. Der Konzern drücke damit die Löhne und schaffe ein Klima der Angst. Gerade befristete Mitarbeiter fürchteten um ihren Arbeitsplatz.

"Ständig gute Miene zum bösen Spiel"

Zalando weist die Vorwürfe zurück. Es gebe ein berechtigtes Interesse des Arbeitgebers an Leistungskontrolle, zitiert die Zeitung aus einer Erklärung des Unternehmens. Zonar werde nur im gesetzlich erlaubten Umfang genutzt. Personalchefin Astrid Arndt sagte, dass laut einer internen Umfrage 67 Prozent der Mitarbeiter Zalando als guten Arbeitgeber weiterempfehlen würden. Nur 13 Prozent erwägen demnach einen Firmenwechsel. "Zonar ist kein Instrument der Kontrolle", wird Arndt zitiert. "Wir glauben, dass wir den Mitarbeitern mit Zonar sehr entgegenkommen." Es sei "ein wichtiger Bestandteil unseres Talentmanagements".

Demgegenüber stehen die zahlreichen Äußerungen von Mitarbeitern, die die Süddeutsche Zeitung zitiert. "Es ist eine 360-Grad-Überwachung", heißt es dort etwa. Man könne nicht einfach mal einen schlechten Tag haben. Eine andere Mitarbeiterin beschreibt in dem Bericht den Druck, ständig freundlich zu agieren, "gute Miene zum bösen Spiel" zu machen, jeden ständig anzulächeln – "das kann sich sonst alles rächen". Statt zusammenzuarbeiten, würde man seinen eigenen Herrschaftsbereich verteidigen, konstatiert ein weiterer Mitarbeiter. Ein Kollege gab den Studienautoren zu Protokoll: "Eigentlich sind das Stasi-Methoden."

"Anytime Feedback" auch bei Amazon in den USA

In der modernen Arbeitswelt, schreiben die Berliner Wissenschaftler, würden solche Systeme zusehends eingesetzt. "Zonar bündelt Dynamiken, die die Arbeitswelt prägen", zitiert die Süddeutsche aus der bereits 2017 begonnenen Studie. "Onlinehändler wie Amazon oder Zalando bilden die Vorhut."

Im Jahr 2015 hatte die New York Times ähnliche Praktiken bei der US-Tochter des weltumspannenden Versandhändlers Amazon aufgedeckt. Auch dort war ein sogenanntes Anytime-Feedback-Tool im Einsatz, auch dort fühlten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Übermaß kontrolliert und überwacht. Vor allem auf Kranke und auf die als solche titulierten Low Performer sei enormer Druck ausgeübt worden.