In der Zeit vor Weihnachten locken viele Läden und Onlineshops mit Rabatten. Toaster, Kaffeemaschine, ein neuer Pullover – alles für weniger Geld. Doch nicht in allen Geschäften muss man für Produkte etwas zahlen. In sogenannten Umsonstläden kann jeder, der möchte, Dinge abholen, die andere Bürgerinnen und Bürger zuvor gespendet haben. Kostenlos. 1999 eröffnete der erste Laden dieser Art in Hamburg, heute gibt es sie in vielen größeren Städten, wie etwa in Bochum, München oder Trier.

In Düsseldorf betreibt der Verein Niemandsland so einen Umsonstladen. Die Kosten für Miete und Strom werden über Spenden finanziert, zehn Mitarbeiter arbeiten dort ehrenamtlich. Zwei von ihnen, Aike Ulrich und Florian Martin, erzählen, warum ihr Lager immer voll ist – und warum ihnen das manchmal Bauchschmerzen bereitet.

ZEIT ONLINE: Heute ist Black Friday, der Tag, an dem in den USA traditionell die Weihnachtsshoppingsaison anfängt. Wie viele reduzierte Teile habt ihr schon in euren virtuellen Warenkorb gelegt? 

Florian Martin: Keines! Für mich ist der Black Friday kein Tag zur Freude, er zeigt vielmehr wie blind wir als Konsumgesellschaft vermeintlichen Schnäppchen hinterherjagen, ohne darüber nachzudenken, was wir damit auslösen. Wie wir unseren Planeten und unsere Ressourcen schädigen, indem wir immer mehr und mehr kaufen, ist nicht akzeptabel. Wir machen das trotz der aktuell sehr umfangreichen Aufklärung, dass wir mit unserem Verhalten unsere Existenz auf diesem Planeten bedrohen.

Aike Ulrich: Ich habe meinen Amazon-Account schon vor Jahren abgemeldet und begonnen, mein Einkaufsverhalten zu hinterfragen. Ich kaufe nur noch, was ich wirklich brauche. Das heißt, ich besorge mir zweimal im Jahr beispielsweise neue Hosen. Dabei achte ich darauf, dass sie aus Biobaumwolle sind und fair produziert wurden. Ich trage sie so lange, bis sie fürs Büro nicht mehr ordentlich genug aussehen – dann verwende ich sie privat, zum Beispiel als Hose zum Fahrradfahren. Ich versuche also, die Sachen so lange wie möglich anzuziehen.

"Ich finde die Vorstellung schlimm, dass die Leute ein paar Monate später wieder loslaufen und die nächsten Sachen kaufen."
Aike Ulrich

ZEIT ONLINE: In eurem Laden kann jeder kostenlos Dinge mitnehmen – darunter Kleidung, Bücher und Haushaltsgegenstände. Wie viele der Sachen, die heute eingekauft werden, landen in ein paar Jahren bei euch?

Martin: Ziemlich viele, befürchte ich. Vor allem wenn es um Kleidung geht, bekommen wir generell mehr Stücke als abgeholt werden. Das Lager platzt aus allen Nähten. Unser Laden ist ein Spiegel der Überflussgesellschaft.

Ulrich: Wir bekommen zu einem großen Teil sehr gut erhaltene, hochwertige Sachen – teure Taschen oder Lederjacken, die sicherlich Hunderte von Euro gekostet haben. An manchen hängen sogar noch die Preisschilder. Manchmal bekomme ich von dem Anblick regelrecht Bauchschmerzen. Ich finde vor allem die Vorstellung schlimm, dass die Leute ein paar Monate später wieder loslaufen und die nächsten Sachen kaufen, die dann nahezu ungetragen im Kleiderschrank verschwinden, bis sie irgendwann wieder bei uns landen.

ZEIT ONLINE: Wer sind eure Kunden?

Ulrich: Bei uns darf jeder "einkaufen", einen Gehaltsnachweis oder Ähnliches lassen wir uns nicht zeigen. Es geht uns explizit nicht darum, bedürftigen Menschen zu helfen – dafür sind andere Stellen verantwortlich, etwa kirchliche Kleiderkammern. Wir stellen das Thema Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt und wollen darum alle Schichten ansprechen.

Martin: Allerdings handelt es sich neben einer kleinen Gruppe von Konsumverweigerern und Secondhandfans größtenteils um eher ärmere Leute aus dem Viertel, in dem sich unser Laden befindet. Wir würden uns wünschen, dass unsere Kundschaft durchmischter wäre.

"Der Einkauf in einem Umsonstladen wirkt auf manche regelrecht anrüchig."
Aike Ulrich

ZEIT ONLINE: Warum ist das nicht so?

Martin: Die Hemmschwelle ist für viele groß. Viele Menschen denken, dass ein Umsonstladen nur etwas für die sogenannte Unterschicht ist. Sie schämen sich, die Kleidung zu tragen, die andere nicht mehr brauchen – und übersehen dabei, dass sie so einen wichtigen Beitrag zum Schutz unserer Lebenswelt leisten würden.

Ulrich: Ja, der Einkauf in einem Umsonstladen wirkt auf manche regelrecht anrüchig. Andere wissen meiner Meinung nach gar nicht, welche Alternativen es zu den bekannten Läden gibt, die sie in Einkaufszentren oder Fußgängerzonen finden. Da müsste es viel mehr Aufklärung geben.