Die Berliner Datenschutzbehörde hat mit der Prüfung einer Software des Modehändlers Zalando zur Beurteilung der eigenen Mitarbeiter begonnen. Das Unternehmen habe die Behörde in der vergangenen Woche selbst auf das Zonar genannte Programm hingewiesen, sagte ein Behördensprecher. Zuvor hatte die Süddeutsche Zeitung (SZ) darüber berichtet. Demzufolge schickt die Behörde Mitarbeiter zur Prüfung in das Unternehmen.

Die Gewerkschaft ver.di hatte die Software in der vorigen Woche als "arbeitnehmerfeindlich" und datenschutzrechtlich problematisch kritisiert. Zonar belaste das Betriebsklima und führe dazu, dass Leistung permanent kontrolliert und Löhne willkürlich festgelegt würden. Ver.di-Vorstand Stefanie Nutzenberger warf dem Konzern in der SZ vor, emotionalen Stress bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auszulösen und sie gegeneinander in Stellung zu bringen.

Dabei berief sich ver.di auf eine zweijährige Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Der Studie zufolge handelt es sich bei Zonar um ein "sozio-technisches System zur Herstellung und Legitimierung betrieblicher Ungleichheit". Das Unternehmen nutze die Software, um Löhne zu niedrig zu halten und ein "Klima der Angst" zu erzeugen, schreiben die Studienautoren von der Humboldt-Universität Berlin. So werden anonyme Angestellte zitiert, die von einer Dauerüberwachung unter Nutzung von "Stasi-Methoden" sprachen

Der permanente Druck zum gegenseitigen Feedback ermögliche es Führungskräften, eine ihnen genehme Bewertung einzelner Mitarbeiter zu erzwingen, die sich auf den Lohn auswirke, in ihrer Begründung aber intransparent sei. So würde die Einteilung von Angestellten in Leistungsgruppen wie "herausragend", "stark" und "verbesserungsfähig" willkürlichen Entscheidungen folgen, wobei systematisch verhindert werde, dass Mitarbeiter in der obersten Kategorie eingestuft werden. Damit werde "Kungelei" unter Führungskräften begünstigt und Lohnzuwächse vermieden. Auch die Legalität der Methode stellten Mitarbeiter infrage, die den Studienautoren mitteilten, nie der Speicherung ihrer Daten in dem System zugestimmt zu haben.

Zalando wies die in der Studie präsentierten Ergebnisse zurück. Die Untersuchung sei fehlerhaft und nicht repräsentativ. Nach Unternehmensangaben nutzen 5.000 der 14.000 Beschäftigten die Software, datenschutzrechtliche Anforderungen würden dabei eingehalten. Zonar entspreche den gesetzlichen Anforderungen gemäß der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Bei Zonar handle es sich um eine nicht ungewöhnliche Form des sogenannten 360-Grad-Feedbacks. Damit werde sichergestellt, dass auch Stimmen von Kollegen bei der Beurteilung von Mitarbeitern gehört werden – ein nach Unternehmensangaben in vielen Branchen übliches Vorgehen, wie eine Konzernsprecherin sagte.

Politiker fordern Verbot von Überwachungssoftware

Angaben der Berliner Datenschützer zufolge solle die Prüfung der Software im kommenden Jahr abgeschlossen sein. Bis dahin hat die Behörde laut SZ dem Konzern empfohlen, den Einsatz von Zonar einzustellen. Falls das Programm der DSGVO tatsächlich widerspricht, kann die Nutzung verboten werden.

Politikerinnen und Politiker verschiedener Parteien kritisierten Zalando in der SZ für den Einsatz der Software. So sagte SPD-Parteivorsitzkandidat Norbert Walter-Borjans, Programme wie Zonar würden Angst vor der Digitalisierung fördern, die enorme Chancen für bessere Arbeit biete, aber genutzt werde, um Menschen zu instrumentalisieren. Dietmar Bartsch, Fraktionschef der Linken im Bundestag, sagte, Zonar wecke "Orwellsche Erinnerungen" und müsse verboten werden. Es sei ein Geschäftsmodell, das auf Misstrauen und Kontrolle setze. 

Ein Verbot forderte auch die Grünen-Abgeordnete Beate Müller-Gemmeke. Ein eigenes Gesetz zum Datenschutz von Beschäftigten sowie stärkere Mitbestimmungsmöglichkeiten für Betriebsräte im Hinblick auf Datenschutz seien notwendig. Die Nutzung moderner Technologien, um Beschäftigte zu überwachen, sei "das Gegenteil von Fortschritt".

Feedbackprogramme wie Zonar werden den Studienautoren zusehends eingesetzt. So hatte im Jahr 2015 die New York Times den Einsatz eines sogenannten Anytime-Feedback-Tools bei der US-Tochter von Amazon aufgedeckt. Dies hatte dem Bericht zufolge ebenfalls zu einem Gefühl der Kontrolle und Überwachung der Mitarbeiter geführt. Der Konzern hat die Nutzung aber beendet.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es fälschlicherweise, Amazon nutze noch heute eine ähnliche Software wie Zalando. Diesen Fehler bitten wir zu entschuldigen, wir haben ihn korrigiert.