An diesen peinlichen Moment vor vielen Jahren erinnere ich mich immer noch. Es war der dritte Tag meines mehrmonatigen Praktikums in Hamburg, zur Zwischenmiete hatte ich ein sieben Quadratmeter großes Zimmer in einem Studentenwohnheim ergattert. Allerdings nur für einen Monat. Vor Panik, demnächst auf der Straße zu sitzen, durchstöberte ich die gängigen WG-Vermittlungsportale. Als ich gerade mal wieder verzweifelt auf Aktualisieren drückte, fragte hinter mir eine Stimme: "Kommst du mit deiner Recherche voran?" Mein Bildschirm leuchtete grell, mein Gesicht leuchtete rot, als ich rasch das erste Fenster schloss, dann das zweite, das dritte, das vierte. "Äh, ja", antwortete ich, hob den Blick und traf auf die hochgezogenen Augenbrauen und tief gerunzelten Stirnfalten meines Chefs.

Ich mag meine Arbeit. Aber genau deshalb glaube ich nicht an die strenge Trennung von Job und Privatem. Ich kann nicht verhindern, dass mir manchmal berufliche Ideen kommen, wenn ich Feierabend habe und mit dem Fahrrad nach Hause radele. Und ich kann auch nicht verhindern, dass es in meinem Leben, wie in dem der meisten arbeitenden Menschen, manchmal private Dinge zu erledigen gibt, die nicht bis zum Feierabend warten können. Weil dann der Arzt, die Bank, die Versicherung ebenfalls Feierabend haben. Oder weil ansonsten die besten Wohnungen vielleicht schon weg sind.  

Der Global Privacy Report 2019 des Softwareunternehmens Kaspersky zeigte, dass vier von fünf Deutschen während der Arbeitszeit mehrmals täglich im Internet sind. 31 Prozent davon wollen nicht, dass der Arbeitgeber erfährt, was sie dort treiben, 37 Prozent wünschen nicht, dass er ihre E-Mails liest. Umgekehrt fand eine europaweite Umfrage der Recruitment-Firma Michael Page von 2018 heraus, dass zwischen 49 und 65 Prozent der Befragten E-Mails außerhalb der Arbeitszeit checken und geschäftliche Anrufe entgegennehmen.  

"Ich wünschte, ich würde rauchen, weil ich mich selten traue, ohne Zigarette auf der Fluchttreppe einen Plausch zu halten."
Ines Schippergens

Da sollte es doch schon in Ordnung sein, dass Menschen während der Arbeitszeit kurz mit dem Hausmeister diskutieren, wieso daheim nur braune Brühe aus dem Wasserhahn kommt, beim Partner nachfragen, ob die Kleine noch Fieber hat, und auch mit den Kollegen ein paar Minuten länger darüber sprechen, wie das Wochenende war und was die Urlaubspläne machen. Ohne abruptes Schweigen, sobald die Chefin den Flur entlangschreitet, ohne hektisches Wegklicken, wenn sich von hinten jemand dem Schreibtisch nähert, ohne schamrote Wangen, ohne schlechtes Gewissen.

Doch dafür bin ich nicht souverän genug. Wenn ich einen Arzttermin für meine Kinder ausmachen muss, ergehe ich mich in komplexen Erklärungen und Entschuldigungen gegenüber meinem Kollegen, der selbst kleine Kinder hat und ungeniert über den auf seinem Desktop geöffneten Chat am Familienleben teilnimmt. Oder ich verziehe mich gleich nach draußen, wenn ich befürchte, dass das Telefonat mit dem Kinderarzt länger als eine halbe Minute dauern könnte. Stehe bibbernd in der Kälte und werde dabei meistens auch noch vom Chef gesehen – der mein rotes Gesicht nicht anders deuten kann, als dass ich gerade stundenlange Privatgespräche führe. Ich beneide und bewundere meine Kollegin, die mitten in der Konferenz hinausgeht, um Anrufe ihres Achtjährigen entgegenzunehmen, und sich dann mit einem schulterzuckenden "Schul-Trouble" wieder auf ihren Stuhl setzt. Und ich wünschte, ich würde rauchen, weil ich mich selten traue, ohne Zigarette auf der Fluchttreppe einen Plausch zu halten. Würde ich wenigstens Kaffee trinken! Dann könnte ich mich zumindest vor dem Kaffeeautomaten unterhalten.

Während der Arbeitszeit hat man zu arbeiten – oder etwa nicht?

Das Problem ist: Es fällt mir schwer, selbst zu entscheiden, wie viel Privates am Arbeitsplatz in Ordnung ist und wann ich eine unsichtbare Grenze überschreite. Natürlich, es gibt ziemlich klare und strenge allgemeingültige Regeln. Das erklärt mir Maximilian Wittig, ein Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Bremen, als ich ihn anrufe. Erlaubt ist im Grunde wenig. Außer auf die Toilette zu gehen. "Während der Arbeitszeit hat man zu arbeiten", so Wittig. Aufs Handy schauen, private E-Mails schreiben, mal schnell zum Bäcker springen, all dies ist untersagt.   

Es gibt aber auch Sonderfälle, in denen Arbeitnehmer sich von ihrem Arbeitsplatz entfernen dürfen – ganz legal. "Wenn ein Arbeitnehmer für eine nicht zu lange Zeit ohne sein Verschulden verhindert ist, muss er von seinem Arbeitgeber freigestellt werden", erklärt Anwalt Wittig. Ein typischer Fall sei: ein erkranktes Kind, um das sich ein Elternteil kümmern muss. Auch bei einem Wasserrohrbruch, bei dem es notwendig ist, dass der Betroffene vor Ort ist, darf man nach Hause eilen. Wird man in dieser Zeit auch weiter bezahlt? "Wenn es nicht anderweitig vertraglich geregelt ist: ja", so Wittig. Dasselbe gelte, wenn ein Arbeitnehmer regelmäßig bei einem Arzt oder Therapeuten behandelt werden müsse. "Wenn ohne Behandlung Arbeitsunfähigkeit droht, muss das Entgelt fortgezahlt werden", erläutert Wittig. Allerdings nur, wenn es keine Möglichkeit gebe, die Behandlung außerhalb der Arbeitszeit vorzunehmen.