"Ich kenne keine Straße in Deutschland, die so getränkt ist mit Tränen und Blut wie die Nebenstraße hinter dem Bahnhof Zoo", sagt Dieter Puhl im Podcast. © Paul Zinken/​dpa

"Helfen setzt gelegentlich Glückshormone frei", sagt der Berliner Sozialarbeiter Dieter Puhl im ZEIT-ONLINE-Podcast Frisch an die Arbeit. "Ich kiffe seit 30 Jahren nicht mehr. Das kriegt man auch anders geregelt." Bis im vergangenen Jahr leitete der 61-Jährige die evangelische Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin und kümmerte sich um Obdachlose. Heute ist er Lobbyist für die Themen Armut und Obdachlosigkeit. 

Eigentlich wollte Puhl, der aus einem christlichen Elternhaus bei Kiel stammt, Theologie studieren, musste aber wegen schlechter Noten das Gymnasium verlassen. Er begann eine Ausbildung zum Diakon im Johannesstift in Berlin-Spandau. Eine seiner ersten Stationen sei die "Herberge zur Heimat" gewesen, ein Männerheim in Spandau, erzählt Puhl im Arbeitspodcast. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihm aus dieser Zeit Gespräche mit einem Fremdenlegionär, der nachts im Schlaf die Schreie von Kindern hörte, die er getötet hatte. So lernte Puhl mit knapp 18 Jahren – unbefangen und geschützt, wie er sagt – mit den Sorgen und Nöten von Menschen umzugehen.

"Wenn dieser Beruf mich ständig killen würde, dann würde ich das doch nicht seit 27 Jahren machen!"
Dieter Puhl, Sozialarbeiter und Lobbyist

Nach dem Studium der sozialen Arbeit begann er bei der Stadtmission und landete nach verschiedenen Stationen am Bahnhof Zoo. Er sagt: "Ich kenne keine Straße in Deutschland, die so getränkt ist mit Tränen und Blut wie die Nebenstraße hinter dem Bahnhof Zoo". Dennoch findet er: "Der Job ist nicht härter als andere Berufe", zumindest für ihn selbst nicht. "Wenn dieser Beruf mich ständig killen würde, dann würde ich das doch nicht seit 27 Jahren machen!" Was ihn auch durch die harten Tage trage, an denen etwa Obdachlose auf der Straße mitten in der Stadt stürben, sei einerseits sein christlicher Glaube und, wie Puhl es formuliert, eine "radikale Liebe den Menschen gegenüber." "Ohne Liebe" sagt Puhl, "ist alles nüscht."

In der Zeit bei der Bahnhofsmission habe Puhl 70 Stunden pro Woche gearbeitet. Nach Feierabend ließ er die Sachen nicht hinter sich, sondern nehme sie bewusst mit nach Hause. Er sagt: "Die Menschen auf der Straße in ihrem Elend haben es verdient, dass ihr Schicksal für die anderen – für uns – nicht zu leicht wird." Er sagt: "Die Verzweiflung, die Traurigkeit und das Elend zu spüren, das schlägt manchmal in Wut um und kann auch etwas sehr Konstruktives sein."

Wer der Berliner Stadtmission bei ihrer Arbeit mit Obdachlosen und Geflüchteten helfen möchte, kann sich hier mit Zeit und hier mit Geld einbringen.