"Mauritius? Nein, ich will nach Hause!" – Seite 1

Der Tag, an dem meinem Freund und mir klar wurde, dass wir so nicht weitermachen wollen, war ein ganz gewöhnlicher Tag. Am Morgen waren wir auf Mauritius gelandet. Wir saßen auf dem Sofa auf der Terrasse unseres neuen Zuhauses und blickten aufs Meer. Es war nicht besonders bequem, aber das Wasser vor uns schimmerte türkis unter der strahlenden Sonne und die Palmen bewegten sich sanft im Wind.

Mauritius sollte einmal das erste Ziel unserer Reise um die Welt als Digitale Nomaden werden, bevor wir spontan einen Flug nach Martinique in der Karibik buchten. Und das war nur der Anfang der Spontanität. In den kommenden Monaten wechselten wir alle paar Wochen unseren Wohnort und damit auch das Land oder sogar den Kontinent, auf dem wir wohnten. Häufig wussten wir nicht einmal, wo wir in ein paar Wochen schlafen würden, verbrachten unsere Wochenenden mit der Recherche nach den besten Kitespots der Welt und nach einer Fluggesellschaft, die unser insgesamt 100 Kilogramm schweres Kitegepäck zu einem halbwegs passablen Preis transportieren würde.

Warum wir all das überhaupt machten? Ganz einfach: weil wir es konnten. Und weil wir beide eine riesige Portion Abenteuerlust haben.

Als freie Journalistin und selbstständiger Webentwickler brauchen wir nur unseren Laptop und Internet, um arbeiten zu können – und weil wir auch noch gern kiten, war das für uns die ideale Chance, um die kalte Ostsee gegen den warmen Ozean zu tauschen.

"Egal, wo wir waren: Unser Leben sah immer ähnlich aus."
Birte Schmidt

Unser Weg führte uns von Martinique in die Dominikanische Republik, dann weiter nach Sansibar und Kenia, bis wir schließlich in Mauritius landeten.

Doch egal, wo wir waren: Unser Leben sah immer ähnlich aus. Wir standen früh auf, arbeiteten, frühstückten, arbeiteten noch ein bisschen und gingen dann zum Kiten, zum Yoga oder ins Fitnessstudio um die Ecke. Ganz wie zuHause, nur eben im Paradies und deshalb doch ganz anders.

Birte Schmidt – noch fröhlich – in Sansibar © privat

Unsere Mittagspausen auf Sansibar verbrachten wir manchmal mit einem Massai, der sich in der Nebensaison über ein bisschen Unterhaltung freute und uns gar nicht mehr von der Seite wich, sobald wir das Haus verließen. Wenn ich auf dem Markt frisches Gemüse einkaufte, kannte mich der Verkäufer längst und brachte mir häufig gleich noch ein bisschen Suaheli bei. Und wo immer ich auch Yoga machte: Mein Blick war dabei stets aufs Meer gerichtet. 

Perfekt, oder? Nur dass nicht alle Tage so leicht und sorgenfrei waren, wie es auf den ersten Blick scheint. 

Ein ungebetener Gast bei der Arbeit

Eines Tages machten wir auf Mauritius beispielsweise Bekanntschaft mit einem giftigen Hundertfüßer, der meinem Freund während der Arbeit plötzlich am Bein hochkrabbelte. Der Biss war schmerzhaft und der Schreck noch größer, denn Doktor Google, unser einziger medizinischer Ratgeber, warnte vor Lähmungserscheinungen. Mit heißem Wasser neutralisierten wir das Gift, sodass sich die Schmerzen schnell in Grenzen hielten. Und warfen fortan einen besonders achtsamen Blick auf unseren Arbeitsplatz, denn offensichtlich konnte man sich in den Tropen nie sicher sein, ob einem ein ungebetener Gast im Büro Gesellschaft leistet.

Je länger wir an einem Ort lebten, desto mehr Vertrauen fassten die Einheimischen zu uns und gaben uns Einblicke in ihren Lebensalltag. In Gesprächen erfuhren wir von ihren Sorgen und Ängsten und sie lehrten uns, was Armut wirklich bedeutet: Nämlich nicht nur der Verzicht auf Besitz, sondern vor allem die Tatsache, dass harmlose Krankheiten schnell lebensbedrohlich werden, wenn das Geld für Medikamente und Behandlung nicht ausreicht.

Sehnsucht nach einem Zuhause

Und: Sie waren für uns da! Als auf Sansibar der Platzregen einmal viele Tage lang nicht mehr aufhörte und sich rund um unser Haus bereits ein richtiger Fluss seinen Weg bahnte, brach in unserem Ort Cholera aus. Unsere Vermieter und Nachbarn brachten uns bei, das Leitungswasser sehr lange abzukochen und sie erklärten uns, dass man in der Regenzeit in den Tropen lieber nicht barfuß in Pfützen springt, weil sich dann kleine Tierchen durch die Haut fressen können. Angst, selbst zu erkranken, hatten wir nicht, denn wir waren uns sicher: Die Menschen in unserer Umgebung würden gut auf uns aufpassen.

Das bewiesen sie auch, als in Kenia während unseres Aufenthalts ein neuer Präsident gewählt wurde und das Auswärtige Amt uns in einer E-Mail vor Tumulten warnte. Bei ihnen seien wir sicher, versprachen uns die Einheimischen. Und falls sich das ändere, dann brächten sie uns da raus. Wir überlegten nur kurz, ob wir wirklich bleiben sollten, aber wir vertrauten unseren neuen Bekannten. Und die Lage im Land blieb ruhig. Was uns in dieser Situation mehr denn je deutlich wurde: Unser deutscher Pass gab uns das Privileg, jederzeit auszureisen. Sie selbst hätten diese Möglichkeit bei Unruhen nicht gehabt.

"Es gab Tage, an denen ich am liebsten die ganze Welt retten wollte und dabei immer nur mit meiner eigenen Hilflosigkeit konfrontiert wurde."
Birte Schmidt

Auch der Tod war während unserer Zeit im Ausland häufig präsent. Menschen in unserem unmittelbaren Umfeld hatten schwere Schicksalsschläge und überlebten nur knapp: eine Geburt, ein Feuer nach einem Kurzschluss und ein Verkehrsunfall. Es gab Tage, an denen ich am liebsten die ganze Welt retten wollte und dabei immer nur mit meiner eigenen Hilflosigkeit konfrontiert wurde. Dass wir die Menschen nicht so sehr unterstützen konnten, wie sie uns, belastete uns mehr und mehr.

Der Hauptgrund, warum wir irgendwann überlegten, unsere Digitale-Nomaden-Zelte abzubrechen, war aber ein anderer.

An diesem Tag, auf dem Sofa in Mauritius, merkten wir zum ersten Mal, dass das neue Leben unser Alltag geworden war. Allerdings eines ohne ein Zuhause, ohne unsere Familie, ohne langjährige Freunde. Und plötzlich sehnten wir uns nach einem festen Wohnort, an dem wir nicht ab dem ersten Tag schon wieder unseren Wegzug planen müssten. Und nach dem Gefühl, irgendwo anzukommen. 

Blick auf das Meer: Birte Schmidts Arbeitsplatz in Kenia © privat

Auszeit von der Auszeit

Also beschlossen wir, uns eine Auszeit vom Arbeiten von unterwegs zu nehmen: Nach einigen Wochen auf der Insel stiegen wir in den Flieger nach Australien. Wir mieteten einen Camper und durchquerten sieben Wochen lang zuerst das Outback und später Neuseeland. Die Laptops blieben in dieser Zeit zu, denn wir brauchten unseren Urlaub vom Digitalen Nomadendasein dringend, um herauszufinden, wo unsere Reise hingehen soll.

Viele lange Gespräche später stand der Entschluss fest: Wir fliegen zurück nach Deutschland. Nach all den Jahren, in denen uns unser Studium, vorherige Auslandsaufenthalte und die ersten Berufsjahre an die verschiedensten Orte der Welt geführt hatten, wollten wir vor allem eines: endlich irgendwo richtig zu Hause sein. Wo das sein würde, war anfangs tatsächlich eher nebensächlich. Irgendwann aber erkannten wir, dass die Möglichkeit, an jedem Ort der Welt zu leben, uns eben auch die Freiheit bot, zurück in die Heimat zu ziehen. 

Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich an meinem Schreibtisch in unserer neuen Wohnung in Deutschland, wieder am Meer und nah an der dänischen Grenze. Die Sonne scheint hier viel seltener und Palmen, die sich sanft im Wind bewegen, gibt es auch keine. Natürlich vermisse ich diese positiven Seiten am Herumreisen und erinnere mich gern an unsere Zeit im Ausland zurück. Tauschen mit all jenen, die dauerhaft unterwegs sind, möchte ich nicht mehr. Dass wir von Zeit zu Zeit auch heute noch jederzeit unseren Laptop schnappen und von unterwegs arbeiten können, genügt mir. Stattdessen freue ich mich jetzt auf unseren nächsten Urlaub, in dem wir wieder in die Ferne reisen. Genauso wie auf den Moment, wenn wir nach Hause kommen – in unser Zuhause.