"Lieber Gott, mach, dass hier jetzt nichts mehr passiert" – Seite 1

Woran liegt es, dass in Deutschland so viele Stellen für Pflegekräfte unbesetzt bleiben? Christina H.* hat vier Jahre lang in einer westdeutschen Großstadt als Pflegefachkraft gearbeitet. Das Examen bestand sie mit einer Bestnote, den Beruf fand sie immer spannend. Doch nach Stellen in einem Krankenhaus, in einem Seniorenheim und in einer Rehaklinik kündigte sie und wechselte die Branche. Was sich ändern müsste, damit sie wieder als Pflegerin arbeitet, erzählt sie hier.  

Der Beruf der Pflegerin war mein Traumjob. Ich habe mich im zweiten Bildungsweg zur Pflegekraft ausbilden lassen. Als ich anfing, war ich schon über 40 Jahre alt. Mich hat vor allem gereizt, dass man in der Pflege für Menschen da ist, die auf Hilfe angewiesen sind und dass man sie durch schwere und schöne Situationen begleitet. Als Pflegekraft muss man schnell entscheiden, man bewegt sich viel und arbeitet körperlich. Das gefiel mir. Ich glaube, dass ich eine sehr empathische Person bin und viel Ruhe und Sicherheit ausstrahle, was ich für den Beruf wichtig finde. 

Meine Ausbildung habe ich in einem Krankenhaus gemacht. Ich war bereits medizinisch vorgebildet, konnte beispielsweise schon Vitalzeichen messen oder den Blutzucker kontrollieren. Da hatte ich anderen Auszubildenden etwas voraus. Trotzdem waren die Einsätze im Krankenhaus mehr als herausfordernd für mich.

Als Auszubildende arbeitete ich zwölf Tage am Stück, danach hatte ich zwei Tage frei, nur um danach wieder zwölf Tage zu arbeiten. Dazu kam ein Schichtplan, der mich an meine Grenzen brachte. Nach einem trubeligen Spätdienst hatte ich um 22 Uhr Schluss, dann musste ich mich noch umziehen und nach Hause fahren. Bis ich von der Arbeit abschalten und endlich schlafen konnte, war es ein Uhr nachts. Der Wecker klingelte wieder um 4:45 Uhr für die Frühschicht. Ich war permanent müde.   

Eigentlich sollte ich als Auszubildende auf einer bestimmten Station eingesetzt werden. Aber in der Realität verlieh man mich jeden Tag an eine andere Station. Oftmals hatte ich dort keine Ahnung von den Patientinnen und Patienten. Eines Tages sagte mir eine zuständige Pflegekraft: "Zu den Patienten kann ich dir nichts sagen, ich komme gerade aus dem Urlaub, aber mach einfach mal."

Körperpflege im Akkord

Auf den Stationen musste ich Körperpflege im Akkord erledigen. Es kam vor, dass ich 30 Menschen in sechs Stunden pflegte – das macht im Schnitt zwölf Minuten pro Patientin oder Patient. Eigentlich gehört zur Grundpflege eines Menschen: Körperpflege, Ernährung, Mobilität, Prophylaxen, Förderung der Eigenständigkeit und Kommunikation. Dazu sollte man auch mal das Zimmer aufräumen und säubern, Betten beziehen und lüften. Um den kompletten Körper zu pflegen braucht man 25 bis 30 Minuten. Doch wenn man diese Akkordrunden machen muss, wäscht man nur den Intimbereich, die Achseln und das Gesicht. Dann leert man den Katheterbeutel – und das war es auch schon. Eincremen, Mundpflege oder gar Duschen wird vernachlässigt. Auch für Gespräche bleibt kaum Zeit. Ich versuchte es immer zu vermeiden, den Patienten zu bewegen, denn das kostet Zeit, ebenso wie ihn dazu zu ermuntern, möglichst viel selbst zu machen. Manchmal musste ich die Patienten mit sauberen Schutzhosen – also Windeln – waschen und mit Kissenbezügen abtrocknen, weil weder Waschlappen noch Handtücher vorhanden waren. Auch musste ich Patienten oft in ihren Ausscheidungen liegen lassen. Ich hatte dann immer ein schlechtes Gewissen, konnte es aber nicht ändern. 

Nach einem Herzinfarkt geht der Stationsalltag weiter

Stress pur war es, wenn irgendwo die Notfallklingel ging. Wenn wir bei einem Patienten einen Herzstillstand feststellten, also keine Vitalzeichen mehr vorhanden waren, mussten wir ihn reanimieren und einen Notruf absetzen. Wir waren verpflichtet, so lange zu reanimieren, bis die nächste Instanz – im Pflegeheim ist das der Notarzt oder die Notärztin – übernimmt. Zweimal habe ich Patienten reanimiert, beide haben überlebt, sie kamen dann von der normalen auf die Intensivstation.   

Stürze habe ich viele erlebt, auch mit Platzwunden und gebrochenen Knochen. Einmal verhielt sich eine Patientin plötzlich komisch, sie war desorientiert und verlor das Gleichgewicht. Ich sagte sofort der ausgebildeten Pflegekraft Bescheid, sie rief einen Arzt. Doch bis er kam, dauerte es eine Weile. Er stellte fest, dass die Patientin einen Schlaganfall erlitten hatte. Die Pflegekraft musste mit zum MRT, plötzlich war ich mit nur einer anderen Schülerin alleine auf der Station. Da habe ich gebetet: "Lieber Gott, mach, dass hier jetzt nichts mehr passiert." Der Arzt kam zurück und schrie uns an, dass es über den Krankenhausflur hallte. Er machte uns für diesen Vorfall verantwortlich, obwohl wir als Schülerinnen richtig gehandelt hatten. Sein Problem war wohl, dass insgesamt zu viel Zeit vergangen war. Aber wir konnten ja nichts dafür.    

Bestandteil des Jobs: Verstorbene versorgen

Zu meinen Aufgaben gehörte, Verstorbene zu versorgen. Ich musste sie waschen, umkleiden und Zugänge entfernen. Dann fuhr ich die Leiche auf dem Bett in den Keller, bettete sie dort auf eine Bahre um und schob sie in die Kühlkammer. Die sieht übrigens nicht so aus, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, mit vielen einzelnen Fächern. Man öffnet da eine Tür und sieht vier Paar Füße. Die Leichen liegen nebeneinander. Für mich war das gewöhnungsbedürftig. 

E-Mails an den Gesundheitsminister

Die Zeit zu trauern und das Geschehene zu verarbeiten hatte ich nicht. Stattdessen musste ich schnell die unerledigte Arbeit nachholen. Nach manchen Diensten ohne Pause und Essen saß ich weinend in der Umkleide und war noch nicht einmal in der Lage, mit meinem Auto nach Hause zu fahren. Mein Mann musste mich abholen.

Ab und zu habe ich auch sterbende Patienten zuhause gepflegt, mobiler palliativer Dienst nennt sich das. Sie wurden teilweise an Feiertagen ohne Medikation nach Hause entlassen und haben es manchmal das ganze Wochenende lang nicht geschafft, an die dringend benötigten Medikamente zu kommen. Trotzdem hat sich das Krankenhaus geweigert, sie wieder aufzunehmen. Die Schmerzensschreie verfolgen mich noch heute.  

Mein Examen bestand ich mit der Bestnote. Nach meiner Ausbildung wollte ich allerdings nicht mehr im Krankenhaus bleiben, deswegen nahm ich eine Stelle im Seniorenheim an. Doch schon mein erster Tag dort zeigte mir, dass es auch in dem Heim nicht besser lief. Außer mir waren nur zwei Zeitarbeiter da. Keiner von uns kannte die Bewohner oder das Unternehmen. Wir kamen mehr schlecht als recht durch den Tag. Im Seniorenheim wurde ich zum ersten Mal Zeugin von Gewalt in der Pflege. Als ich aus einem der Zimmer Geschrei hörte, rannte ich sofort hin. Da sah ich, wie eine Pflegekraft der Bewohnerin immer wieder auf die Arme schlug, damit diese den Haltegriff an der Toilette losließ. Ich ging dazwischen und meldete den Vorfall der Heimleitung. Dort sagte man mir, dass das Problem bekannt sei. Es passierte nichts.

Schlafenszeit im Seniorenheim um 16 Uhr

In dem Seniorenheim sollte ich manche Bewohnerinnen und Bewohner bis um spätestens 16 Uhr für die Nacht im Bett haben. Dort lagen sie dann bis zum nächsten Morgen. Und auch hier mangelte es an Zeit. Ich musste Bewohner, die eigentlich noch selbst essen konnten, mit Flüssignahrung abfüttern, weil das schneller ging. 

Einmal habe ich bei einem Bewohner einen Urinbeutel gefunden, der durch eine Kompression abgedrückt war, also überhaupt nicht volllaufen konnte. Der Urin bleibt in so einem Fall in der Blase. Das kann zu aufsteigenden Harnwegsinfekten oder sogar zur Ruptur der Blase führen. Ich habe die Kompression gelöst und den Urin abgeführt. Männer verspüren bei 350 bis 750 Milliliter Blaseninhalt einen starken Harndrang, bei dem Patienten führte ich insgesamt eineinhalb Liter Urin ab. Über das Harndranggefühl bei der Menge muss ich, glaube ich, nichts mehr sagen. In der Dokumentation ließ sich nicht verfolgen, wer den Bewohner die letzten Tage versorgt hatte. Es war in der ganzen Woche nichts dokumentiert.

Als ich die Bedingungen in dem Heim nicht mehr aushielt, kündigte ich und wechselte in eine neurologische Rehaklinik, wo ich zumindest zwei freie Wochenenden im Monat hatte. Vorher hatte ich trotz einer Teilzeitstelle nur fünf freie Tage im Monat, von denen man mich an drei davon noch anrief, weil ich spontan einspringen sollte. In der Rehaklinik musste ich die komplette Hauswirtschaft übernehmen, also Butterbrote schmieren, Zimmer putzen und Wäsche sortieren. Es blieb keine Zeit für die normale Pflege. Als mich die Leitung aufforderte, meine Stundenzahl zu erhöhen, um wieder mehr pflegen zu können, verlor ich die Lust.

Ich wollte nie in die Pflege, um Patienten sagen zu müssen: "Dann machen Sie doch in die Schutzhose, im Moment kann Sie niemand zur Toilette bringen." Man darf nie vergessen, dass wir mit Menschen arbeiten. Irgendwann können wir selbst einmal dort liegen. Glücklicherweise war ich finanziell nicht auf den Job angewiesen. Ich lebe in sicheren Verhältnissen, es war immer eine Möglichkeit, mich auch einfach um Kind, Hund und Garten zu kümmern. Als es mir nach vier Jahren in der Pflege zu viel wurde, ging ich. Viele andere können das nicht. Einige meiner früheren Kolleginnen sind krank geworden. Sie hatten zum Beispiel einen Burnout oder Tinnitus. Das wäre mir sicher auch irgendwann passiert. 

Heute arbeite ich in einem Büro, in einem Handwerksbetrieb. Hier werden die Arbeitszeiten eingehalten. Ich werde gelobt, wenn ich etwas gut mache, täglich bekomme ich Getränke und frisches Obst. Ich kann so viel Urlaub nehmen, wie ich brauche, und verdiene mit weniger Arbeitsstunden annähernd so viel wie in der Pflege. Der Beruf der Pflegerin ist eigentlich ein wunderschöner Beruf, aber er wird kaputt gemacht. Wenn sich die Bedingungen verbessern würden, wäre ich sofort zurück. Ich habe schon mehrmals Herrn Spahn geschrieben, ihm geschildert, wo Verbesserungen ansetzen müssten. Beispielsweise fordere ich verpflichtend zwei freie Wochenenden im Monat und einen vorgegebenen Personalschlüssel. Zu lange Dienste sollten verboten werden. Das Gehalt sollte um zwei bis drei Euro pro Stunde steigen. Eine Antwort habe ich nie bekommen.

*Da sie berufliche Nachteile befürchtet, wollte die Gesprächspartnerin anonym bleiben. Name und Kontaktdaten sind der Redaktion bekannt.