In den USA hat in dieser Woche der Prozess gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein begonnen, dem zahlreiche Frauen Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vorwerfen. Und auch außerhalb der Filmbranche sind sexuelle Übergriffe in der Arbeitswelt verbreitet. Fast jede dritte Frau in Deutschland hat eine solche Situation schon erlebt. Was können Frauen und Männer tun, wenn sie bei der Arbeit sexuell belästigt werden? Und wie sollten sich Vorgesetzte dann verhalten? Das erklärt die Berliner Fachanwältin für Arbeitsrecht Julia Oesterling in diesem Gastbeitrag.

Was genau ist eine sexuelle Belästigung?

Sexuelle Belästigungen sind unerwünschte Bemerkungen, Berührungen oder Aufforderungen mit sexuellem Inhalt. Dazu gehören Kommentare über die Brüste einer Kollegin, das Erzählen von Witzen mit sexuellem Inhalt, Fragen nach dem Sexualleben, Berührungen am Po oder an der Brust oder die Aufforderung zum Geschlechtsverkehr. Auch das Anbringen von pornografischen Bildern im Büro ist eine sexuelle Belästigung.

Hier ein paar Beispiele aus meinen Fällen in der Kanzlei und aus Gerichtsurteilen:

  • Auf der Weihnachtsfeier umarmt der Chef eine Mitarbeiterin von hinten und fasst ihr an die Brust.
  • Der Geschäftsführer fragt seine Mitarbeiterin: "Mit wem schläfst du gerade?"
  • Der Kollege sagt zu einer neuen Kollegin: "Deinen Körper hätte ich gern mal im Bett."
  • In der Werkstatt hängen Pornos.

Auch wenn die Belästigungen einen sexuellen Charakter haben, geht es den Tätern meistens darum, ihre Macht zu zeigen. Der Vorgesetzte oder Kollege will Frauen einschüchtern, um sie besser kontrollieren und sich selbst aufspielen zu können.

Woher weiß ich, ob das, was ich erlebt habe, bereits eine sexuelle Belästigung ist?

Ihnen ist auf der Arbeit etwas passiert, das Ihnen unangenehm war? Eine Bemerkung, eine Berührung, Blicke, die Ihnen nicht gefallen haben? Sie sind nicht sicher, ob es rechtlich überhaupt schon eine sexuelle Belästigung war oder nicht? Darauf kommt es erst mal nicht an. Sie haben sich in der Situation nicht wohlgefühlt, also stimmt etwas nicht. Ihr Bauchgefühl reicht vollkommen aus. Denn Sie müssen mit Respekt behandelt werden. Wenn Ihnen ein Kommentar oder eine Berührung nicht gefällt, dann sagen Sie das dem Kollegen oder der Kollegin. Wenn Ihnen nicht gleich etwas einfällt, entziehen Sie sich der Situation. Gehen Sie raus oder auf die Toilette, um erst mal nachdenken zu können. Auch wenn Sie nicht sofort reagiert haben, dürfen und sollten Sie später etwas dazu sagen. Warum? Weil Sie so Grenzen setzen. Bis hierhin und nicht weiter. Ist eine Grenze erst einmal überschritten, ist das für den anderen eine Einladung, weiterzumachen. Lassen Sie sich nicht Ihre Wahrnehmung absprechen. Sie setzen den Maßstab dafür, ob ein Verhalten Ihnen gegenüber in Ordnung ist oder nicht.

An wen kann ich mich wenden?

Die Erinnerung an Einzelheiten verschwindet schneller, als man denkt, deshalb rate ich dazu, noch am gleichen Tag ein Gedächtnisprotokoll zu schreiben: Notieren Sie das Datum und die Uhrzeit. Was genau wurde gesagt oder gemacht? Wo war das? Wer war noch dabei? Wenn es schriftliche Nachrichten gibt, wie zum Beispiel E-Mails, speichern Sie diese ab, um Beweise zu sichern.

Sprechen Sie mit Freunden und Freundinnen oder Ihrer Familie darüber, was passiert ist. Lassen Sie sich Rückhalt geben und überlegen Sie zusammen mit den vertrauten Menschen, wie Sie reagieren können. Das Wichtigste ist, dass Sie etwas tun. Wenn es keine Gegenwehr gibt, gehen die Belästigungen in den meisten Fällen weiter. Ihr Schweigen wird vom Täter als Einladung aufgefasst, weiterzumachen.

Sie können sich zum Beispiel bei dem nächsthöheren Vorgesetzten darüber beschweren. Falls diese Person für Sie nicht infrage kommt, weil Sie ihr beispielsweise nicht ausreichend vertrauen, können Sie sich auch an die Vorgesetzten darüber oder an die Personalabteilung wenden. Der Arbeitgeber trägt die Verantwortung dafür, dass die sexuelle Belästigung aufhört. In einigen Betrieben gibt es eine Beschwerdestelle, die für Diskriminierungen am Arbeitsplatz zuständig ist. Dazu gehören auch sexuelle Belästigungen.

Sie können den Kollegen natürlich auch selbst zur Rede stellen. Vielleicht nehmen Sie noch eine Kollegin mit, die sich mit Ihnen solidarisiert. Bei mehrmaligen Vorfällen rate ich aber dazu, die Vorgesetzten einzuschalten. Auch der Betriebsrat ist ein Ansprechpartner für solche Beschwerden. Suchen Sie sich ein Betriebsratsmitglied Ihres Vertrauens für ein Gespräch.

In manchen Fällen fällt es leichter, sich erst mal an Außenstehende zu wenden. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bietet eine kostenlose Telefonberatung an. Sie können natürlich auch eine Anwältin oder einen Anwalt kontaktieren und so eine Einschätzung zu den arbeitsrechtlichen Möglichkeiten bekommen.