Wie viel sollten wir arbeiten? Über diese Frage streiten Lisa Hegemann und ihr Vater Hermann seit Jahren. Sie ist 32, Journalistin, hat schon in verschiedenen Redaktionen gearbeitet und nimmt es nicht so genau mit der 40-Stunden-Woche, manchmal verfasst sie auch im Urlaub noch Texte und nimmt sich dafür an einem anderen Tag frei. Er ist 63, Gewerkschafter und ehemaliger Personalratsvorsitzender einer Sparkasse, hat sein ganzes Arbeitsleben im selben Unternehmen verbracht und die Arbeitszeit früher mit der Stechuhr aufgezeichnet. Während die Tochter möglichst flexibel arbeiten und wenig überwacht werden will, sagt der Vater, sie stelle mit ihrem Verhalten infrage, wofür er jahrzehntelang gekämpft habe: geregelte Arbeitsbedingungen und Schutz vor (Selbst-)Ausbeutung.

Im vergangenen Jahr hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Firmen die gesamte Arbeitszeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufzeichnen müssen. Das Bundesarbeitsministerium will das Urteil nun in ein Gesetz gießen. Vater und Tochter haben sich zu Hause im Ruhrgebiet zusammengesetzt und über die möglichen Folgen diskutiert – wie gewöhnlich am Tisch im Esszimmer.

Lisa Hegemann: Papa, was stört dich daran, wenn ich abends noch schnell meine E-Mails checke oder eine Frage eines Arbeitskollegen beantworte?

Hermann Hegemann: Mein Eindruck ist, dass die Arbeitszeit von Menschen wie dir und in vielen Unternehmen nicht so genau genommen wird. Das Thema spielt gar keine Rolle mehr. Ein Arbeitnehmer soll eine gewisse Leistung in einer bestimmten Zeit bringen, und wenn er es nicht schafft, muss er selbst schauen, wann er das nacharbeitet. Oder er soll möglichst immer verfügbar sein. Ich habe in der Praxis erlebt, dass Vorgesetzte zum Beispiel Druck auf Teilzeitkräfte ausgeübt haben, damit die mehr als vereinbart arbeiten – und das ohne Vergütung. Als Mitarbeitervertreter musste ich mich dann einschalten und sagen: Pass mal auf, das ist nicht möglich, die haben ihre Arbeitszeit erfüllt beziehungsweise das muss bezahlt werden. Deswegen halte ich das EuGH-Urteil, dass die Arbeitszeit erfasst werden muss, für ganz, ganz wichtig.

"Ich habe am Arbeitsgericht häufig erlebt, dass Arbeitnehmer sagen, sie hätten dann und dann gearbeitet, und Arbeitgeber bestreiten das."
Hermann Hegemann

Lisa: Was wünschst du dir von dem Gesetz, das das Arbeitsministerium nun dazu plant?

Hermann: Dass es die Beweislast umkehrt: Der Arbeitgeber sollte nachweisen müssen, wann ein Angestellter gearbeitet hat – und nicht andersherum. Ich habe am Arbeitsgericht häufig erlebt, dass Arbeitnehmer sagen, sie hätten dann und dann gearbeitet, und Arbeitgeber bestreiten das. Gerade Menschen, die juristisch nicht so bewandert sind, gehen oft leer aus und das Unternehmen hat den Gewinn. Das kann nicht sein.

Lisa: Wir beide diskutieren sehr viel über Arbeitszeit. Du argumentierst aus deiner Gewerkschaftsperspektive, willst am liebsten alle Menschen vor Ausbeutung schützen – auch mich. Ich dagegen genieße die Freiheiten, die mir mein Arbeitgeber lässt, überhaupt sind in meiner Generation flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorte oft völlig normal. Wo fängt Arbeitszeit heute überhaupt an, wo hört sie auf?

Hermann: Gut, das Arbeitszeitgesetz ist relativ weich formuliert. Dort steht eine Höchstarbeitszeit von 48 Stunden die Woche, maximal kann sie auf 60 Stunden ausgeweitet werden, zumindest kurzfristig. Nur: Was passiert, wenn eine Firma die gesetzlichen Regelungen ständig überschreitet? Wer überwacht das? Der Staat müsste Exzesse sanktionieren, macht es aber fast nie.

Lisa: Beantworte ich privat auf Facebook eine Nachricht und stoße dann in meinem Newsfeed auf einen Text, der als Recherchegrundlage für einen späteren Artikel dient: Ist das schon Arbeit?

Hermann: Das ist natürlich ein sehr spezieller Fall. Ich würde sagen: Wenn du anfängst, daraufhin einen Artikel zu schreiben, ist es Arbeit. Wenn nicht, würde ich es eher als privates Brainstorming verbuchen. Aber das ist natürlich eine Grauzone.

Lisa: Und wer entscheidet das? Will ich meine Stunden möglichst schnell voll haben, kann ich solche Lesezeiten künftig dazuzählen? Dann hätte ich schon am Wochenende einen halben Arbeitstag verrichtet.

Hermann: Das hat für mich nichts mit Arbeitszeiterfassung zu tun. Ich habe auch am Wochenende mal einen Artikel gelesen, der mir in meinem Job weitergeholfen hat. Das ist normal. Was du aber beschreibst, sehe ich eher als ein Beispiel für die zunehmende Individualisierung der Arbeitswelt, in der wir alle sehr viel flexibler sein müssen. Früher waren die Arbeitszeiten recht starr, da fing der Kundenberater in der Bank morgens um acht Uhr an und hatte um 16.30 Uhr Feierabend. Das war relativ einfach zu messen. Heute kann es sein, dass er erst um 22 oder 23 Uhr zu Hause ist, dafür später anfängt. Gerade da ist es wichtig, dass die geleistete Arbeitszeit erfasst wird. Im digitalen Zeitalter dürfte das ja kein Problem sein.