Asha Hedayati hat gerade etwas getwittert. Jetzt muss sie noch schnell ein Fax ans Gericht rausschicken. Mit dem Papier in der Hand wuselt sie um den Schreibtisch herum, während sie im Vorbeigehen noch einen Blick auf den Bildschirm wirft. Hedayati, 35 Jahre alt, ist Anwältin für Familienrecht in Berlin-Neukölln. Sie vertritt vor allem Frauen, die sich aus gewalttätigen Beziehungen lösen. Mehr als 114.000 Frauen waren 2019 in Deutschland von Gewalt in der Partnerschaft betroffen. Hedayati entschied sich im Herbst, die Geschichten einiger dieser Frauen, ihrer Mandantinnen, zu erzählen. Seitdem ist sie als @frauasha auf Twitter einem wachsenden Publikum bekannt. 

ZEIT ONLINE: Frau Hedayati, auf Twitter geben Sie Einblick in Ihren Berufsalltag: Es geht um Frauen, die keinen Platz in Schutzeinrichtungen bekommen oder die aus Angst um ihre Kinder bei gewalttätigen Ehemännern bleiben. Warum tun Sie das?

Asha Hedayati: In meinen ersten Jahren als Anwältin haben mich die Geschichten meiner Mandantinnen nach Feierabend oft noch umgetrieben. Ich nahm die Bilder ihrer schlimmen Erlebnisse mit nach Hause. Mit den Jahren und der Erfahrung ist diese emotionale Betroffenheit in Wut umgeschlagen. Die Wut und die Geschichten wollten irgendwann raus. 

ZEIT ONLINE: Was macht Sie wütend?

Hedayati: Ich sehe an so vielen Stellen, wo das System im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen versagt. Aktuell habe ich etwa eine Mandantin, eine geflüchtete Frau, die zu meiner Kanzlei sieben Kilometer mit ihrem Baby durch die Stadt laufen muss, weil ihre Sozialleistungen von 230 Euro monatlich nicht für ein Ticket reichen. So was macht mich wütend: Dass der Zugang zum Rechtssystem für Gewaltbetroffene nicht offen, sondern eine Frage des Geldes ist. Und gleichzeitig hat mich diese junge Frau so beeindruckt. Sie ist finanziell am Abgrund, hat ein elf Monate altes Kind, ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland ist gefährdet. Und trotz dieser schon unsicheren Lebenssituation findet sie die Kraft, sich von ihrem gewalttätigen Ehemann zu trennen. Das ist so mutig.

Asha Hedayati ist Anwältin für Familienrecht in Berlin-Neukölln. © Hannes Leitlein

ZEIT ONLINE: Was erhoffen Sie sich für Reaktionen, wenn Sie Schicksale wie dieses in der Öffentlichkeit mitteilen?

Hedayati: Als ich anfing zu twittern, dachte ich einfach nur: Diese Geschichten muss jemand hören. Und wenn es zwei Leute sind, die sich darüber Gedanken machen. Jetzt habe ich nach zwei Monaten schon mehr als 4.000 Follower. Es ist schön, zu sehen, dass das Thema Gewalt gegen Frauen öffentlich diskutiert wird. Und dass es so viele wirklich bewegt: Nach dem Tweet über die geflüchtete Frau gingen ganz viele Anfragen von Menschen bei mir ein, die ihr helfen wollten, etwas spenden wollten. 

ZEIT ONLINE: Bringt Sie das als Anwältin in einen Konflikt?

Hedayati: Natürlich möchte ich meinen Mandantinnen auf vielen Ebenen helfen, aber ich sehe meine Aufgabe in erster Linie in der Durchsetzung ihrer Rechte. Ich habe die Spenderinnen an Hilfseinrichtungen verwiesen. Vor Weihnachten kamen in meiner Kanzlei auch Geschenke für meine Mandantinnen an. Meine Mitarbeiter waren schon fast ein bisschen genervt von den vielen Amazon-Päckchen. Aber ich dachte: Es ist doch Weihnachten, das passt. Immer noch liegen ein paar Geschenke hier, die ich jetzt nach und nach verteile.

ZEIT ONLINE: Sind Sie für die Frauen mehr als nur eine Anwältin?

Hedayati: Ich höre immer wieder von meinen Mandantinnen, dass ich so etwas wie eine Schwester für sie bin. Viele von ihnen duzen mich. Ich muss auch immer ein bisschen aufpassen, denn natürlich ist mir bewusst, dass ich keine Psychotherapeutin oder Sozialarbeiterin bin. Aber ich war vielleicht auch nie eine typische Juristin – das Abarbeiten von Akten ohne Mandantenkontakt fand ich nie spannend. Ich fand immer die Geschichten hinter den Fällen interessant.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt das Thema Gewalt gegen Frauen im Jurastudium?

Hedayati: Zu meiner Studienzeit gar keine. Das Familienrecht spielt generell eine sehr untergeordnete Rolle im Jurastudium. Fälle von Gewalt gegen Frauen gehören aber auch in diesen Bereich, weil am Familiengericht die Gewaltschutzanträge gestellt werden. Das Jurastudium ist sehr konservativ, man lernt Gesetzestexte – und sieht diese als gesetzt an. Die Frage, ob die Gesetze gut sind, ob sie zum Beispiel Betroffene von häuslicher Gewalt gut schützen und zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führen, spielt keine Rolle.