Der mit den Regenwürmern spricht – Seite 1

Noch steht der neue Traktor tief im Matsch. "Bisher haben wir keinen Boden im Hof verlegt", sagt Johannes Erz, während er die Gummistiefel abwechselnd anhebt, um nicht stecken zu bleiben: "Wir machen das Schritt für Schritt." Er spricht von seinem Biohof, den er vor vier Jahren gekauft hat. Erz ist Existenzgründer. 35 Jahre alt, studiert, ein sogenannter Junglandwirt. In Rathstock, einem 180-Einwohner-Dorf wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, hält er 250 Hühner, zwei Hunde und drei Pferde. Dazu kommen zehn Hektar Land, auf denen er Kürbisse und Kartoffeln anbaut. An diesem Samstag müssen seine Hunde Aika und Feli auf den Hof aufpassen. Erz wird mit seinem Traktor 84 Kilometer bis nach Berlin fahren. Dort will er gegen den Schwund der Bauernhöfe demonstrieren. Und für die Agrarwende – also für eine ökologischere Landwirtschaft. Denn das ist sein Geschäft.

Laut dem Deutschen Bauernverband gibt es aktuell 266.700 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland – 42 Prozent weniger als im Jahr 1999. Damit hat deutlich mehr als jeder dritte Bauernhof in Deutschland aufgegeben. Trotz der steigenden EU-Subventionen sind viele Höfe nicht rentabel und oft fehlt ihnen der Nachwuchs. Die Folge: Es gibt immer weniger, dafür aber immer größere Bauernhöfe. Aus Sicht von Umweltschützerinnen und Biobauern, die am Samstag demonstrieren, ist das ein Problem. Denn industrielle Großbetriebe setzen häufiger Pestizide, Herbizide und Insektidize ein, tragen damit ihren Teil zum Bienensterben bei. Sie schädigen mit ihrer Dauerbewirtschaftung, der ständigen Wiederbepflanzung, die Bodenfruchtbarkeit und können mit ihrer Größe oft keine artgerechte Tierhaltung garantieren.

Kaum Subventionen für nachhaltige Kleinbetriebe

Die Politik könnte dem entgegenwirken und speziell kleine Höfe und nachhaltigen Bio-Anbau fördern, zumindest fordern das Landwirtschaftsverbände und die Grünen – und Erz, schließlich hat er selbst so einen Hof. In diesem Jahr legt die EU auf der Agrarministerkonferenz in Koblenz die Fördermittel für Bauernhöfe für die Jahre 2021 bis 2027 fest. Erz hofft auf ein Jahr der kleinen ökologischen Betriebe. 

Heute kniet Erz auf einer Wiese, neben einem Spaten, den er gerade in den Boden gerammt hat. Er dreht den Spaten, greift mit seinen bloßen Händen in die Erde und blickt auf einen Klumpen. "Da sind sie zu sehen, meine vielen Mitarbeiter. Und ihr seid wieder fleißig", sagt Erz. Er deutet mit matschigen Fingern auf drei kleine Regenwürmer, die aus dem Klumpen herausragen. Sie streiken nicht, machen keine Pause, arbeiten Tag und Nacht. Sie lockern den Boden auf natürliche Weise, sorgen dafür, dass er fruchtbar wird. "Wenn man sie lässt und nicht mit chemischem Dünger tötet", sagt Erz. 

Er will anders landwirtschaften als viele seiner Konkurrenten: Seine 250 Hühner schlafen und brüten in zwei mobilen Ställen. Mobil, weil Erz sie nach ein paar Wochen verschieben wird, damit sich die Böden unter den Ställen erholen können. Dort, wo jetzt die Hühner stehen, soll bald Kürbis angebaut werden. Darauf folgen die Kartoffelsorten Laura und Gunda, ehe Kleegras wächst. "Ein natürlicher Kreislauf, der die Nährstoffe im Boden erhält", sagt Erz. Fruchtfolge statt Monokultur, so beschreibt Erz das Konzept. Immer wieder erklärt er das seinen Kundinnen und Kunden, führt sie über den Hof, zeigt ihnen die Hühner, die frei umherlaufen. Der Zaun rund um die beiden Ställe ist nicht elektrisch geladen und kann von jedem Huhn umgangen werden. "Er dient nur zur Orientierung", sagt Erz.

Erz wollte nie einen konventionellen Betrieb

Ende 2015 hat Erz den Hof in Rathstock gekauft. Dabei hat er weder einen landwirtschaftlichen Hintergrund – sein Vater arbeitete als Lehrer, die Mutter war Hausfrau. Erz ist auch nicht auf dem Land, sondern im Großraum Stuttgart aufgewachsen. Dort besuchte er eine Waldorfschule, jobbte aber schon als Teenager in der Landwirtschaft. "Ich wusste früh, dass ich nichts anderes tun möchte", sagt er. Dann folgte die Ausbildung zum Landwirt in einem konventionellen Betrieb. Die habe ihn geprägt, sagt er. Und ihm gezeigt, wie er es nicht machen will – nämlich mit Tausenden Hektar Land, Flugzeugen, die Pestizide über die Felder streuen und Tieren, die in zu kleinen Ställen eingepfercht sind.

Auch deshalb hat er sich bewusst dagegen entschieden, einen der vielen konventionellen Bauernhöfe, die einen Nachfolger suchen, weiterzuführen: "Ich möchte Umwelt- und Tierschutz betreiben, will, dass unser kleiner Hof organisch wächst", sagt Erz. Einerseits, weil er nachhaltig wirtschaften will, andererseits, weil er auch gar nicht die Mittel hat, um Großflächen zu kaufen. Als er nach Eberswalde ging, um Ökolandbau zu studieren, hätten ihn die meisten Landwirte aus seiner Heimat für einen Exoten gehalten, erzählt Erz. Seltsam, dieser junge Schwabe, der weit weg von zu Hause aus dem Nichts einen Biohof aufziehen will.

Schwere erste Jahre, kaum Förderung von der Regierung

Der Start als Landwirt war für Erz und seine Frau, die er im Studium kennenlernte, nicht einfach. Wegen der anhaltenden Dürre in den vergangenen Jahren hatten sie Ernteausfälle. Regnet es in der Region in einer normalen Vegetationsperiode 400 Liter, waren es in den letzten beiden Jahren nur jeweils 150 Liter. "Das hier ist eine der trockensten Gegenden Deutschlands", sagt Erz. Im Umland seines Betriebs gab es Waldbrände, er selbst hatte mit ausgetrockneten Böden zu kämpfen. "Da habe ich mich von der Politik alleingelassen gefühlt", sagt Erz.

Als Kleinbauer profitiert Erz kaum von den Agrarsubventionen der EU. Je größer ein Betrieb, je mehr Hektar Anbaufläche, desto höher die Förderung. Oder, in den Worten von Erz: "Wer viel hat, dem wird viel gegeben." Aktuell gehen 80 Prozent der Subventionen an 20 Prozent der Betriebe. Und: Die Gelder sind weitgehend unabhängig davon, wie Betriebe das Land bewirtschaften. Egal ob sie nachhaltig anbauen oder für kurzfristige Gewinne der Umwelt schaden. Erz, der mit gerade einmal 3,5 Hektar seinen Betrieb gründete, erhielt im Jahr 2018 knapp 2.500 Euro Agrarsubventionen. Ein Großbetrieb im Nachbarort wird jährlich mit mehr als einer Million gefördert, eben weil dieser ein Vielfaches der Fläche bewirtschaftet. Ohne bio, dafür mit Pestiziden und Massenställen. 

Was junge Landwirte fordern

Gemeinsam werden Umweltverbände, die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und die Grünen an diesem Samstag deshalb demonstrieren. Sie werden ein deutsches Veto zum Freihandelsabkommen Mercosur mit Südamerika fordern – denn sie fürchten durch den Wegfall der Zölle Billigimporte, zum Beispiel von Rindfleisch und Zucker. Und sie werden sich für eine Umverteilung der Gelder im anstehenden Förderhaushalt der EU einsetzen. Auch die SPD fordert eine stärkere Kopplung der Gelder an Auflagen zum Umwelt- und Tierschutz. Erz hofft, dass Betriebe wie seiner davon profitieren würden. Und er hofft, dass die Beschlüsse dazu führen, dass künftig mehr junge Landwirte zu Gründern werden können.

Erz zahlt aktuell einen Kredit von 300.000 Euro für den Hof und die Geräte ab. Von der Bundesregierung erhält er eine Junge-Landwirte-Prämie von jährlich 170 Euro. Auch diese ist an die Größe der bewirtschafteten Flächen gekoppelt. Weil sich Erz vor dem Start seines Betriebs arbeitslos meldete, gab es nochmal ein verlängertes Arbeitslosengeld für Gründer. 

Da Erz direkt nach der Gründung zu wenig Einnahmen hatte, arbeitete er in den ersten drei Jahren zusätzlich im Außendienst eines anderen Unternehmens, verkaufte Saatgut an andere Bauern. Seine Frau bewirtschaftete in der Zeit den Hof. Heute haben die beiden das geändert: Erz kümmert sich mittlerweile um den Hof, seine Frau macht Teilzeit in einem Großbetrieb. Ein Zuverdienst. "Irgendwie müssen wir ja auch Investitionen finanzieren", sagt Erz. Die Anfangsjahre beschreibt er als permanentes Sich-Sorgen-machen. Er spricht von Angst, wenig Schlaf, Durchhalteparolen. Heute engagiert er sich im Bündnis Junge Landwirtschaft, das unter anderem vergünstigte Flächen und eine Niederlassungsprämie für Gründer in der Landwirtschaft fordert.

Erz profitiert vom Öko-Trend

Für ihn habe sich der Schritt zum Landwirt gelohnt, sagt Erz. Heute sei er angekommen. Ein Großteil seiner Kundinnen und Kunden sind Familien, die aus Berlin ins Umland gezogen sind. Sie wollen ruhiger leben oder können sich die Großstadt nicht mehr leisten. Gleichzeitig legen sie Wert auf Öko und Klimaschutz. Außerdem beliefert Erz den Großhandel und Berliner Schulkantinen mit seinen Kürbissen. Er rechnet damit, in diesem Jahr erstmals Gewinn zu machen. Demnächst will er sein Lager ausbauen, um mehr Kürbisse halten zu können. Vor dem Hof liegt ein großer Haufen Steine – hier soll ein neuer Parkplatz für Kunden entstehen. Außerdem will Erz 2020 seine Flächen noch effizienter bewirtschaften, eine Hecke gegen den kalten Ostwind pflanzen und auch den Hofladen verschönern.

Seine Kartoffeln, Eier, Kürbisse und einen Rote-Bete-Saft bietet Erz in einem kleinen Raum vor der Eingangstür seines Wohnhauses an. Auf Holztischen steht eine Auswahl an Produkten, dazu eine Tafel, beschrieben mit Preisen und den Worten: "Die Eier sind kürzlich pro Stück fünf Cent teurer geworden, weil die Futterkosten gestiegen sind." Der Hofladen ist 24 Stunden geöffnet, an sieben Tagen die Woche. Eine junge Frau betritt den Laden, möchte Kartoffeln kaufen. Ob man denn hier immer einkaufen könne, will die Kundin wissen. "Ja, auch am Wochenende, werfen Sie das Geld einfach in die Vertrauenskasse", sagt Erz und deutet auf eine Dose mit einem kleinen Schlitz. Seine Tür sei immer offen. Auch wenn er auf dem Traktor in Berlin demonstriert.