"Was wir wollen? Ganz einfache Antwort: Geld!" Es war im Februar vergangenen Jahres, als Peter Frühsammer in einer E-Mail diese Zeilen las. Eine Drohung. 300 Euro oder 0,1 Bitcoin forderte der anonyme Absender. Sofort. Ansonsten würde er dafür sorgen, dass Hunderte negative Bewertungen über Frühsammers Nobelrestaurant in Onlineportalen erscheinen würden. Zum Beweis hatten der oder die Erpresser bereits am Vortag bei Google eine erste Bewertung geschrieben. Das Essen sei kalt gewesen, der Service ausbaufähig, stand dort. Nur drei von fünf Sternen. "Jetzt sollten Sie wissen, dass wir nicht bluffen", hieß es in der E-Mail.

Knapp ein Jahr später steht Frühsammer im Berliner Stadtteil Wilmersdorf in dem Restaurant, das seinen Namen trägt. Vor ihm eine lange gedeckte Tafel mit 16 Gästen. Eine geschlossene Gesellschaft feiert Geburtstag. Gemeinsam mit seiner Frau verkündet Frühsammer der Gruppe das Menü: Jakobsmuscheln, Rinderfilet und Weine aus der Pfalz werden serviert. Frühsammer trägt eine Schürze aus Leder, ein blaues Hemd und ein Lächeln. Alle Plätze sind belegt. Wer hier essen will, muss lange im Voraus reservieren. Der Laden läuft – denn bei dem Erpressungsversuch hat Frühsammer schnell reagiert.

Die Macht der Bewertungen ist groß

57 Prozent der Deutschen schauen sich regelmäßig Bewertungen auf Plattformen wie Google, Tripadvisor, Jameda oder Yelp an. Sie lesen Erfahrungsberichte zu Ärztinnen, überfliegen Rezensionen zu Hotels und Restaurants. Allein auf der Bewertungsplattform Tripadvisor befinden sich weltweit mehr als 5,1 Millionen Restaurants, die Nutzer bewerten können. Und das taten sie im Jahr 2018 allein auf Tripadvisor 66 Millionen Mal. Jeder kann auf diesen Plattformen anonym Punkte vergeben, einen Kommentar hinterlassen und damit die Gesamtwertung eines Betriebs beeinflussen. Wie das genau geschieht, bestimmen die Plattformen selbst, meist ohne es transparent zu machen.

Heute hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass das zulässig ist. Die Inhaberin mehrerer Fitnessstudios hatte dagegen geklagt, dass der Algorithmus der Plattform Yelp entscheidet, welche Bewertungen er für vertrauenswürdig hält – also die eingegangenen Bewertungen als "empfohlen" oder "nicht empfohlen" einstuft. Das ist laut dem Urteil durch die Berufs- und Meinungsfreiheit geschützt. Einige wenige Beschwerden hatten in dem Fall der Klägerin dazu geführt, dass die Gesamtwertung ihrer Studios negativ ausfiel. Schon ein paar schlechte Bewertungen können also auch weiterhin den Gesamtauftritt eines Betriebs trotz vieler guter Rezensionen stark verändern. Ein Problem für viele Unternehmer und Unternehmerinnen, die hoffen, durch die Plattformen Kunden zu gewinnen – und nicht zu verlieren. 

Frühsammer, der von dem anonymen Nutzer oder einer Nutzerin erpresst wurde, hat vergeblich versucht, die Falschbewertung über sein Gourmet-Restaurant löschen zu lassen. Und das, obwohl er gegenüber Google nachweisen konnte, dass die Bewertung von dem oder den anonymen Erpressern stammte. Er machte aber die E-Mail öffentlich, gab lokalen Medien Interviews, erstattete Anzeige. Heute, knapp ein Jahr später, ist die Bewertung noch online. Mit seinem offensiven Auftreten konnte Frühsammer aber wohl verhindern, dass der Verfasser der E-Mail seine Drohung wahrmachte und weitere schlechte Bewertungen absetzte.

Wer sich politisch äußert, läuft Gefahr

Welchen Einfluss die Bewertungsportale haben können, hat auch ein Gastronom aus Süddeutschland erfahren, der anonym bleiben will. Er postete vor etwa zwei Jahren diesen Satz in den sozialen Medien: "Ich lege Wert auf die Feststellung, dass AfD-Anhänger in meinem Gasthaus nicht gerne gesehen sind." Der Mann wollte ein Zeichen setzen, als die Rechtspopulisten in den Umfragen zulegten. Heute würde er das nicht wieder tun. Unmittelbar nach dem Post kamen zwar noch einige positive Nachrichten, "doch dann eroberte der rechte Mob die Kommentarspalten", sagt er heute. Sein Beitrag wurde auf Facebook mehr als 3.000 Mal geteilt und kommentiert. Plötzlich standen unter dem Post Sätze wie diese:  

"Ich werde morgen mal die Hygiene (Gesundheitsamt) anrufen und mich über die dreckigen Zustände bei euch beschweren (auch wenn ich noch nie bei euch war)."

"Das Essen schmeckt mir da eh nicht. Bekomme immer Durchfall und ich glaub, die haben mich mit dem Wechselgeld beschissen."

"Wir kommen vorbei, aber nicht zum Essen."

Außerdem wurden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Restaurants beleidigt und bedroht, sagt der Gastwirt. Kommentare wie diese konnte er bei Facebook löschen, daher liegen sie ZEIT ONLINE nicht vor. "Das war eine geplante Aktion von rechten Gruppen", sagt der Gastwirt. In den Statistiken konnte er sehen, dass der Beitrag mehr als 200.000 Nutzer erreichte.