Fall 1: Ronny F. bemerkte schnell, dass in seiner Arbeitsgruppe ein rauer Ton herrscht. Wenn etwas schiefgelaufen sei, hätten seine Kollegen andere zum Beispiel als "Bimbo" und "Neger" beschimpft, sagte er. Der 39-jährige Automechaniker aus Dresden arbeitete als Leiharbeiter bei BMW, im Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) in München. Ronny F. beschwerte sich beim dortigen Betriebsrat von BMW – und wurde kurz darauf von BMW freigestellt und von der Leiharbeitsfirma Brunel entlassen. Ende April soll seine Kündigungsklage vor dem Arbeitsgericht in München verhandelt werden. Es ist ein Berufungsprozess, der Richter hat dem Leiharbeiter bereits im März vergangenen Jahres recht gegeben. Ein Sprecher von BMW betonte, im FIZ seien "keine rassistischen Tendenzen bekannt": "Menschen aus mehr als zehn Nationen arbeiten dort kooperativ, friedlich und erfolgreich zusammen."

Fall 2: Eine Medizinstudentin aus Afghanistan muss 2019 ein Pflichtpraktikum auf dem Notarztrettungswagen der Berliner Feuerwehr absolvieren. Ihr Dozent an der Berliner Charité sagte ihr, dass dies mit dem Kopftuch, das sie trage, nicht zu machen sei. Es sei im Umgang mit Patienten oft schwierig, weil die Vorbehalte gegen Kopftücher hätten. Sie könnten sich dann weigern, im Rettungswagen mitzufahren oder sich behandeln zu lassen, lautete die Begründung des Dozenten. Die junge Frau beschwerte sich bei der Gleichstellungsbeauftragten vor Ort. Die vermittelte zwischen der Studentin, der Berliner Feuerwehr und dem Dozenten. Am Ende konnte die angehende Medizinerin das Praktikum antreten, mit Kopftuch. 

Die Beispiele sind aktuell – sie stehen für eine steigende Anzahl von rassistischen Vorfällen in Unternehmen. Allein bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gingen für das Jahr 2018 insgesamt 1.070 Anfragen zu Diskriminierung aufgrund von ethnischer Herkunft ein. Im Jahr davor waren es 992 Anfragen, im Jahr 2016 736. "Wir vermerken deutlich steigende Zahlen", erklärt Leiter Bernhard Franke. Eine repräsentative Umfrage seiner Stelle habe zudem ergeben, dass 48,9 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund innerhalb der vergangenen zwei Jahre Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung am Arbeitsplatz machen mussten. 

Zwar sind große und mittelgroße Unternehmen nach Paragraph 13 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes verpflichtet, eine Beschwerdestelle bereitzustellen, die sich solcher Vorfälle annimmt. Und in kleinen Firmen muss es zumindest einen Ansprechpartner dafür geben. Dennoch schaffen solche Vorgaben für die von Diskriminierung Betroffenen oft nur bedingt einen Ausweg, wie Franke sagt: "In der Mehrzahl der Fälle fühlen sie sich nach wie vor sehr allein und eher unterlegen, auch weil sie den Rechtsweg in der Regel allein beschreiten müssen."

"Die Fahrer und anderen Angestellten machen solche verbalen Entgleisungen oft unter sich aus. Wir sind da ein klassischer Arbeiterbetrieb und da gibt's für so etwas 'aufs Maul' und damit ist es dann auch geklärt"
Petra Nelken, BVG-Sprecherin

Laut Franke sollen Unternehmen nicht nur die Beschwerdestelle einrichten, die gesetzlich vorgegeben ist. Sie sollten auch konkrete Vereinbarungen treffen, wie innerbetrieblich mit Diskriminierung umzugehen ist. Außerdem sollte es diesbezüglich Schulungen für Beschäftigte und Führungskräfte geben. "Wir empfehlen, Rassismus offensiv anzugehen, etwa durch die Thematisierung in Betriebsversammlungen", sagt er. Arbeitnehmer, die diskriminiert würden, sollten sich absolut sicher fühlen können, dass der Arbeitgeber hinter ihnen steht.

An der Berliner Charité, Europas größtem Universitätskrankenhaus mit 18.000 Beschäftigten und rund 8.000 Studenten, gibt es seit dem Jahr 2007 eine anonyme Beschwerdestelle. Wie viele Klagen von Mitarbeitern dort täglich eingehen, gibt die Gleichstellungsbeauftragte Christine Kurmeyer nicht bekannt. "Es ist aber sicher, dass bei einem Unternehmen dieser Größe und dadurch enormer Fluktuation die Schulungen und Beratungen nie aufhören", sagt sie.

Große Unternehmen mit täglichem Kundenkontakt wie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die oft und gerne durch poppige, professionelle Werbekampagnen bei YouTube auffallen, setzen neben einer zentralen Beschwerdestelle auf offenen unbürokratischen Umgang unter ihren Angestellten.

Von den 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der BVG aus über 100 Nationen, arbeiten etwa 8.000 als Fahrer. Rassistische Beleidigungen gegen sie oder auch Streits unter den Fahrern gehören zum Alltag. "Als über hundertjähriges Unternehmen haben wir eine lange Tradition des Zusammenhalts und des Umgangs mit Rassismus und Diskriminierung", sagt die Sprecherin Petra Nelken. Allerdings werde die interne Beschwerdestelle auch deshalb wohl wenig genutzt.

Diversität als Lösung

"Die Fahrer und anderen Angestellten machen solche verbalen Entgleisungen oft einfach unter sich aus. Wir sind da ein klassischer Arbeiterbetrieb und da gibt's für so etwas 'aufs Maul' und damit ist es dann auch geklärt", sagt Nelken. Das Verkehrsunternehmen setze auf Deeskalationstrainings, insbesondere für die Fahrer, und Diversität bei der Stellenbesetzung. "Wir achten schon beim Auswahlverfahren sehr darauf, dass es, was die Nationalität angeht, keine Tendenzen gibt", sagt Nelken.

Manchmal würden allerdings auch die Vorgesetzten miteinbezogen. Nelken erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Fahrer vor einiger Zeit seinen Kollegen, wenn diese mit ihm allein waren, mehrmals den verbotenen Hitlergruß zeigte. "Weil es da auch nach mehreren Gesprächen keine Einsicht gab, wurde der Kollege erst abgemahnt und dann entlassen", sagt die Sprecherin.