Karriere im Glücklichsein – Seite 1

Bis vor einem halben Jahr bestand der Arbeitstag von Tim To vor allem aus "Excel, Internet und PowerPoint", wie er sagt. 60 Stunden pro Woche arbeitete der 30-Jährige bei einer großen Bank als Analyst im Bereich Fusionen und Unternehmenskäufe. Er errechnete den Wert von Firmen, half den Inhabern dabei, einen Interessenten dafür zu finden, und wickelte den Verkauf ab. "Ich hatte immer mehrere Mandate gleichzeitig und das Gefühl, nie wirklich fertig zu sein mit der Arbeit", erinnert er sich. Er haderte, er überlegte hin und her – und kündigte schließlich, ohne einen neuen Job zu haben.

Heute testet To auf seinem YouTube-Kanal TBLT.de Handykameras. Oder er packt vor laufender Kamera neue Smartphones aus und stellt sie vor. Neuerdings arbeitet er auch als Social-Media-Redakteur beim BR-Jugendradiosender Puls. Als YouTuber und Journalist verdient er nur noch rund die Hälfte dessen, was bis vor einem halben Jahr auf dem Gehaltszettel stand. Seitdem geht To nur noch selten auswärts essen oder in teure Bars. Doch er sagt: "Ich bin vollkommen glücklich mit meiner Entscheidung."

Tim To arbeitet nun deutlich weniger. Genau so, als Downshifting, bezeichnet die Wissenschaft den Schritt, freiwillig auf ein besseres Gehalt oder einen prestigeträchtigen Job zu verzichten. Um sich etwa einer Aufgabe zu widmen, die man als sinnvoller empfindet, oder um mehr Zeit für sich und andere Menschen zu haben.

Aus der Mitte der Gesellschaft

Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Menschen in Deutschland bewusst auf den beruflichen Aufstieg verzichten oder darüber nachdenken. Aber einige Menschen mit ehemals hohen Positionen haben es vorgemacht: Andreas Utermann, Chef des Vermögensverwalters Allianz Global Investors, verlässt zum Jahreswechsel seinen Posten, um Hausmann zu werden und seiner Frau zu ermöglichen, wieder voll berufstätig zu sein. Antje Neubauer hörte im Sommer als Marketingchefin bei der Deutschen Bahn auf, um für sich und ihre Freunde wieder Zeit zu haben, "die unverplant ist". Und der Moderator Tobias Schlegl reduzierte seine Einsätze bei Funk und Fernsehen, um Notfallsanitäter zu werden und "etwas gesellschaftlich Relevantes" zu machen.

Unter Karriere versteht man gemeinhin einen erfolgreichen Aufstieg im Beruf. Das Phänomen, auf dem Weg in die Spitzenpositionen freiwillig stehen zu bleiben oder gar kehrtzumachen, ignorierte die Forschung lange. Dabei sei die Philosophie dahinter gar nicht so neu, sagt Julia Gruhlich. Die Arbeitssoziologin gehört zu den wenigen Wissenschaftlerinnen, die sich in Deutschland mit dem bewussten Karriererückschritt befassen. "Aussteiger gab es auch schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren, doch damals war das ein Phänomen, das aufs linke Milieu beschränkt war", sagt sie. In einer Zeit, in der viele Menschen auf eine gesunde Work-Life-Balance achten und immer mehr Menschen dazu stehen, dass ihr Job sie zu sehr belastet, sei Downshifting in der Mitte der Gesellschaft angekommen. "Es betrifft inzwischen auch klassische Branchen und Jobs", sagt Gruhlich.

So wie den von Tim To. Er bezeichnet sich zwar selbst als "eher links und etwas anarchistisch", aber trotzdem landete er im Bankenwesen, einer Branche, die so ziemlich das Gegenteil davon ist. Nach dem Fachabitur wollte er eigentlich ein kreatives Fach studieren, doch seine Eltern drängten darauf, dass er einen anderen Beruf ergreifen sollte, "etwas Vernünftiges". Nach vier Semestern Wirtschaftsrecht, die ihm nicht wirklich Freude bereiteten, probierte er es mit mehr Praxisnähe und begann eine Ausbildung zum Bankkaufmann.

Das Leiden an der Arbeit

"Ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht in eine Bank passe", sagt To. Doch er wollte nicht wieder abbrechen und strengte sich an. Mit Erfolg: Nach der Ausbildung bekam To die Chance, direkt ins Investmentbanking zu wechseln. Er reiste nach London, Mailand oder Frankfurt und verdiente gut. Doch all das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich in der Branche nicht wohlfühlte. "Es ging mir dort zu hierarchiegetrieben, zu bürokratisch und irgendwie auch zu spießig zu", sagt er.

Die Arbeitssoziologin Julia Gruhlich hat für eine qualitative und bislang nicht veröffentlichte Studie mit 20 Menschen, die downgeshiftet haben, gesprochen. Dabei zeigen sich Muster, sagt die Wissenschaftlerin: "Viele arbeiten in qualifizierten Jobs und haben viel Energie in ihre Karriere gesteckt. Doch alle leiden in irgendeiner Form unter ihrer Arbeit." Zum Beispiel daran, dass der Arbeitstag immer dichter und zunehmend eins mit der Freizeit werde. Hier noch mal eine Mail checken nach Feierabend, dort noch mal ein kurzer Anruf. Wer aus einem solchen Arbeitsleben ausbrechen will, sei meist privilegiert – oder wie es Gruhlich formuliert: "Er oder sie weiß: Ich finde schon wieder einen Job, wenn ich will." Manche Menschen, mit denen die Soziologin gesprochen hat, reduzierten ihre Arbeitszeit, andere gaben Führungsverantwortung ab, andere wechselten ganz den Job.

Einen bestimmten Typ, den klassischen Downshifter, scheint es nicht zu geben. Viele Frauen arbeiten zwar weniger, sobald das erste Kind da ist. Dahinter stecken aber auch andere Zwänge und Strukturen. Bis heute arbeiten drei Viertel der erwerbstätigen Mütter in Teilzeit. "Neu ist, dass Männer ihr Rollenbild reflektieren", sagt Gruhlich. Auch sie fragen sich zunehmend, ob der Status und das Selbstbild als Ernährer es wert sind, erschöpft zu sein und die Familie kaum zu sehen. 

"Frauen hängen nicht so sehr in alten Mustern"
Bernd Slaghuis, Karrierecoach

Ein privilegierter Mann, der im Job kürzertritt, bricht heute kein Tabu mehr. Als Allianz-Manager Utermann verkündete, Hausmann werden zu wollen, wurde dies in den sozialen Medien durchaus auch mit Respekt für die Entscheidung honoriert. Und zwar mehr Respekt, als ihn eine Frau in der gleichen Situation je bekommen hätte, kritisierten manche. "Mein Eindruck ist, dass Downshifting gerade unter den älteren Arbeitnehmern eher ein Männerthema ist", sagt Bernd Slaghuis, der als Karrierecoach auch Menschen beim vermeintlichen Rückschritt berät. Frauen stellten ihre Weichen oft früher neu – "weil sie nicht so sehr in dem alten Muster festhängen, sich keine Schwäche erlauben zu dürfen", vermutet er.

Lena Thomas* ist noch keine dreißig und trotzdem schon dabei, einen neuen Weg im Job einzuschlagen – wenn auch nicht komplett. Nach ihrem Psychologiestudium fing Thomas an, für eine Unternehmensberatung in einer deutschen Großstadt zu arbeiten. Sie verdiente gut, bekam schon bald die Verantwortung für ein kleines Team und viel Wertschätzung von Kollegen und Kunden, wie sie sagt. Doch ihr fehlte zunehmend die Abwechslung im Job. "Irgendwann lernt man auch in einer Beratung nicht mehr so viel Neues dazu." Und: "Es war einfach zu viel für einen Job, hinter dem man nicht mehr mit vollem Herzblut steht."

Vor 20 Uhr kam sie selten aus dem Büro, manchmal wurde es 22 Uhr, ab und zu auch Mitternacht. "Es kommt schon mal vor, dass die Kunden auch am Freitagabend noch eine Präsentation haben wollen – und zwar mit einer Dringlichkeit, die keinen Aufschub zulässt", sagt sie. Immer öfter stellte sie sich die Frage, wie sinnvoll ihr Job ist. "Ich finde es zwar nicht verwerflich, Unternehmen dabei zu helfen, erfolgreicher zu sein. Aber ich tue eben auch nicht wirklich ‘etwas Gutes’", sagt sie.

Also kündigen? Sie überlegte hin und her, sprach mit ihrem Arbeitgeber – und bekam den Vorschlag, auf 60 Prozent zu reduzieren und nur noch drei statt fünf Tage zu arbeiten. Sie sagte zu. Seitdem verbrachte sie viel Zeit in Cafés, wo sie mit einem Buch in der Hand über ihre Zukunft nachdachte.

*Anmerkung der Redaktion: Um die Protagonistin vor beruflichen Nachteilen zu schützen, haben wir ihren Namen geändert.

Jetzt betreut sie beides: Schwerverletzte und Konzerne

Lena Thomas half sich selbst, andere Menschen suchen sich für so einen Schritt professionelle Unterstützung. Der Kölner Karrierecoach Bernd Slaghuis berät, wie er sagt, immer öfter Menschen, die beruflich kürzertreten möchten oder eine neue Aufgabe suchen. Nicht jeder komme mit einer klaren Vorstellung zu ihm. "Viele wissen, was sie nicht mehr wollen, aber noch nicht, was sie stattdessen möchten", sagt Slaghuis. Also geht der Coach mit seinen Klienten der Frage nach, welche Werte ihnen wichtig sind. Sinn? Oder eher Sicherheit? Und in welchem Umfeld sie arbeiten möchten. Dabei muss er manchmal auch Aufbauarbeit leisten. "Manche Downshifter haben das Gefühl, im Job versagt zu haben, und wissen nicht mehr um ihre Stärken", sagt Slaghuis.

Karriere geht nicht immer automatisch nur nach oben

Lena Thomas wusste nach ein paar Wochen, was sie wirklich wollte. "Irgendwann hat sich herauskristallisiert, dass ich gern mein Studium nutzen und etwas mit klinischer Psychologie machen möchte", sagt sie. Sie machte an ihren beiden freien Tagen erst ein Praktikum in einer Unfallklinik – und fing dort wenige Wochen später als fest angestellte Psychologin an.

Heute hat sie zwei Jobs, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Jeden Montag und Dienstag betreut sie schwer verletzte und traumatisierte Patienten, von Mittwoch bis Freitag berät sie Konzerne. Es ist dieser Kontrast zwischen Krankenhaus und Beratung, der ihr die Freude an der Arbeit zurückbrachte. "Die neue Aufgabe gibt mir viel", sagt Thomas. "Es ist ein schönes Gefühl, zu sehen, wie es den Patienten Schritt für Schritt wieder besser geht." Doch seit sie nur noch drei Tage pro Woche in ihrem bisherigen Job arbeitet, wisse sie auch die guten Seiten dort wieder mehr zu schätzen. Die netten Kollegen, die Wertschätzung und dass sie viel darüber lerne, wie man ein Problem anpackt und löst. Dass sie insgesamt nur noch rund drei Viertel ihres früheren Gehaltes verdient, sei dabei zweitrangig. "Es ist in der Summe ja immer noch total ausreichend."

Nicht jedes Unternehmen unterstützt seine Mitarbeiter auf der Suche nach der richtigen Aufgabe so, wie das der Arbeitgeber von Lena Thomas getan hat. "Viele denken Karriere immer noch einseitig und gehen davon aus, dass es zwangsläufig nach oben gehen muss", sagt der Karrierecoach Slaghuis. Den betroffenen Mitarbeitern bleibe deshalb oft keine andere Wahl, als das Unternehmen zu verlassen. Das sei schade, für die Mitarbeiter und den Arbeitgeber, sagt Slaghuis. "Es gibt kaum einen besseren Mitarbeiter als eine Führungskraft, die in ihrer neuen Position eine andere Sichtweise auf Themen mitbringt." Viele Unternehmen scheinen noch nicht wirklich auf Menschen eingestellt zu sein, die keine Lust mehr auf die typische Karriere haben.   

Tim To hat sich bewusst für einen Neustart entschieden, Lena Thomas will noch ein paar Jahre lang zwischen zwei Jobs pendeln und sich parallel zur Psychotherapeutin ausbilden lassen. Was die beiden in fünf oder zehn Jahren arbeiten werden? "Vielleicht habe ich dann Lust, wieder etwas ganz Neues auszuprobieren", sagt Tim To.