Ganz schön überschätzt, dieses erste Mal. Oft fehlt es dabei an der Erfahrung, um es zu genießen oder richtig einzuschätzen. Und das ist nicht nur beim Sex so. Diese Serie erzählt vom Mut und vom Selbstvertrauen, es noch einmal zu versuchen. Dabei kann man nämlich etwas wirklich Wichtiges lernen: Beim zweiten Mal wird alles besser.

In der Backstube duftet es nach flüssiger Schokolade und frisch gebackenem Kuchenboden. Sorgfältig schneidet Konditormeisterin Monja Rönneburg den Boden in gleichmäßige rechteckige Stücke, dann beginnt sie, eine dicke Schicht Maracujacreme außen herum zu spachteln. Es ist Viertel nach zwölf, die 28-Jährige muss sich beeilen: In drei Stunden muss die Torte fertig sein. Wie eine Popcorntüte soll sie am Ende aussehen – Auftraggeberin ist eine Kinomitarbeiterin, die in Elternzeit geht. Zusätzlich drapiert Rönneburg Streusel und Himbeeren auf einer zweiten Torte, jeder Griff sitzt. Die ruhige Hand hat sie noch aus ihrem alten Beruf als Zahntechnikerin. Heute arbeitet sie mit Teig statt Kunststoff.

Die kleine Konditorei Bäcktakulär liegt in der Lübecker Altstadt. In weißen, geschwungenen Buchstaben prangt der Name auf dem Schaufenster. Der kleine Laden ist eingebettet zwischen einer Bonbon- und einer Gürtelmanufaktur, einem Geschäft für Schmuckdesign und einem Friseursalon. Schnell wird klar: Das hier ist eine Straße der Macher. 

Das spiegelt sich in der überfüllten Backstube wider, einem länglichen Raum, der nur 23 Quadratmeter misst. Lampen in Form von Schneebesen werfen ein warmes Licht auf zwei hohe Tischplatten, auf denen Büroarbeit erledigt, Backkurse abgehalten und Auftragstorten produziert werden. Ordner, Tacker und Stifte liegen neben Rührgeräten, Förmchen und Ausstechern. Daneben brummen zwei riesige Kühlschränke. Ein paar Schritte weiter: eine Spüle und ein Backofen, aus dem Bleche voller mintgrüner und rosafarbener Macarons hervorlugen. Es ist eng und voll, doch Rönneburg erkennt Ordnung im Chaos: "Ich weiß, wo alles ist", sagt sie. Das muss sie auch. Es gibt Zeiten, da entstehen hier bis zu zehn Hochzeitstorten an einem Wochenende.

Rönneburg war nicht immer Konditorin, vor sechs Jahren arbeitete sie noch als Zahntechnikerin. Für Zähne hatte sich die gebürtige Hamburgerin schon mit 15 Jahren interessiert. "Eine Freundin meiner Mutter bekam Magnetimplantate in den Kiefer eingepflanzt, um ihre Zahnprothesen befestigen zu können. Ich war total fasziniert davon", erinnert sich Rönneburg. Nach einem Schülerpraktikum ließ sie sich von 2008 bis 2012 zur Zahntechnikerin ausbilden. Der schulische Teil sei ihr schwergefallen, besonders Latein und Anatomie, berichtet sie. Dennoch zog Rönneburg die Ausbildung durch: "Ich war nie ein Mensch, der etwas abbricht."

Die Aufgabe von Zahntechnikern ist es, zum Beispiel Kronen, Implantate oder Zahnersatz herzustellen und zu reparieren. Das feine, filigrane Arbeiten, das "Fummeln und Basteln", wie Rönneburg es nennt, lag ihr. Dass sie später einmal auf ähnliche Weise Marzipan und Fondant formen würde, ahnte sie noch nicht.

Allergische Reaktion im alten Job

Nach der Ausbildung zog sie mit ihrem damaligen Partner nach Lübeck, wo sie zwei Jahre lang im Labor angestellt war. Doch das Material, mit dem sie arbeitete, machte ihr mehr und mehr Probleme. "Beim Anrühren von Kunststoff können gefährliche Dämpfe freigesetzt werden, die in vielen Laboren bis heute nicht optimal abgesaugt werden", sagt sie. Das könne unter anderem Kopfschmerzen, Müdigkeit, allergische Reaktionen oder eine Reizung von Atemwegen und Augen hervorrufen. Als sie einmal selbst allergisch reagierte – mit Verätzungen und Hautausschlag an den Händen – habe sie zum ersten Mal wirklich darüber nachgedacht, den Job zu wechseln. "Es ist wahrscheinlich, dass das von den Kunststoffdämpfen kam", sagt sie. "Die machen etwas kaputt im Körper."

Monja Rönneburg vor ihrer Konditorei in Lübeck © Olivia Stracke

Dazu kamen Uneinigkeiten mit Kollegen. Als sie eine Stelle in einem neuen Dentallabor in Lübeck antrat, verhandelte Rönneburg ein Einstiegsgehalt von etwa 1.800 Euro brutto im Monat, doch nach einem halben Jahr erklärten ihre Vorgesetzten, dass sie für das Geld zu wenig leiste. Wenn sie nicht mehr arbeite, würde das Gehalt gekürzt, hieß es. Nach der Ansage ihrer Chefs engagierte sich Rönneburg mehr. "Ich war umsatzstärker als die meisten anderen Kunststofftechniker", sagt sie. Doch es sei nur noch ein stumpfes, freudloses Arbeit-Abhaken gewesen. "Ich hätte mich gerne mit meinen Kollegen mal länger unterhalten oder gar angefreundet, aber dafür blieb keine Zeit", erzählt sie.

Überdies war Rönneburg der Job nie kreativ genug: "In der Zahntechnik geht es darum, zu kopieren und das alte wiederherzustellen – im Grunde zu fälschen – und zum Beispiel die Zahnform zu finden, die dem ursprünglichen Zustand am meisten ähnelt." Rönneburg reichte das nicht. Sie fing an, nach Feierabend Schmuck aus Wachs, Gips und heißem Metall zu modellieren. Weihnachtsgeschenke für Familie und Freunde.