"Ich kann einen ganzen Lebenslauf mit Niederlagen füllen" – Seite 1

Scheitern ist irgendwie geil anzugucken, zumindest das der anderen – und wenn es Instagram-kompatibel verpackt ist. Solche Mist-ich-hab-mein-Unternehmen-ruiniert- und Mist-ich-hab-mein-Leben-nicht-im-Griff-Geschichten bekommen viele Herzchen und Likes. Manche Menschen haben ganze Karrieren aus dem Versagen gemacht, wie zum Beispiel die Australierin Celeste Barber, der 6,8 Millionen Follower auf Instagram beim täglichen Scheitern an Schönheitsidealen zugucken.

Ich freue mich jedes Mal, wenn Unternehmen und Menschen den Mut finden, ehrlich über ihre Misserfolge zu sprechen, wie zum Beispiel das einst schillernde Hamburger Start-up Die Kleiderei, das am Ende Insolvenz anmelden musste. Doch leider ähneln die meisten Geschichten über das Scheitern, die bei den FuckUp-Nights erzählt oder in sozialen Medien geteilt werden, eher neoliberalen Märchen unserer Zeit. Meistens folgen sie diesem Erzählbogen: Der Held oder die Heldin stand vor einer Herausforderung, kämpfte würdig, verlor, hatte eine schwere Zeit, aber alles lief selbstverständlich nur darauf hinaus, dass am Ende etwas viel Besseres kam. Und wenn Start-up-Gründer Nachrufe auf ihre an die Wand gefahrene Unternehmen bei LinkedIn posten, oder Personaler nach dem größten Misserfolg fragen, wird doch eine polierte Version präsentiert, in der jeder Misserfolg sofort und reflexhaft als Learning interpretiert wird.

Kathrin Weßling ist freie Journalistin, Social-Media-Beraterin und Schriftstellerin. Ihr neuer Roman "Nix passiert" erschien im Ullstein Verlag. © privat

Denn die ehrliche Antwort auf die Frage "Was ging schief?" ist oft unerträglich banal und nervig unkonkret, und lässt sich so gar nicht in einem Motivationsspruch zusammenfassen. In meinem Fall würde diese unangenehme Antwort ungefähr so lauten: Manchmal reichen im Leben ein paar wenige, kleine Dinge, die zur gleichen Zeit geschehen und dann war’s das eben einfach, das Gehirn streikt, der ganze Körper brüllt "fuck it, es reicht". Man legt seinen Kopf auf den Küchentisch und heult erst mal viele, viele Tage, zumindest mache ich das. Danach geht es irgendwann weiter. In meinem Leben gab es Scheitern, das mich weitergebracht hat, und Scheitern, das einfach sinnlos und schmerzhaft war. Und generell gab es davon so viel, dass ich einen ganzen Lebenslauf damit füllen könnte.

2000: Vom Gymnasium geflogen

Als ich im Jahr 2000 nach der achten Klasse vom Gymnasium geflogen bin und auf die Realschule musste, sah ich das überhaupt nicht als Chance auf den Neuanfang. Ich, mitten in der Pubertät, schwänzte fortan ständig den Unterricht und schaffte in der zehnten Klasse auch nicht den erforderlichen Notendurchschnitt, um die Oberstufe auf dem Gymnasium zu machen. Das alles hing am Ende vor allem von einer einzigen Englischnote ab, und als mir meine Lehrerin verkündete, dass sie mir eben diese Note nicht geben wollte, brach ich in Tränen aus. Es lag nicht daran, dass es mir weniger wert schien, eine Ausbildung als das Abitur zu machen. Ich hatte nur in diesem Moment das Gefühl, dass ich gar nichts mehr schaffen würde. Am Ende riss ich mich zwar zusammen, wiederholte die zehnte Klasse und schaffte am Ende den erforderlichen Schnitt. Mein Abitur habe ich dann ein Jahr nach all meinen Freunden gemacht und fürs Leben mitgenommen habe ich aus der ganzen Sache eigentlich wenig, außer der lahmen Einsicht, dass am Ende nicht alles immer gut wird – zumindest nicht, wenn man, so wie ich, nichts dafür macht. Und auch dieser Satz meiner Englischlehrerin ist hängen geblieben: "Heute ist vielleicht ein wirklich schlimmer Tag für dich, aber morgen wird dieser Tag gestern sein."

2006: Nicht am Literaturinstitut angenommen worden

In Deutschland gab es damals zwei Städte, an denen man literarisches oder kreatives Schreiben an der Uni studieren kann: Hildesheim und Leipzig. Ich bereitete meine Bewerbung zwei Jahre lang vor und wurde von beiden Unis abgelehnt. Zum ersten Mal erlebte ich, was es heißt, keinen Plan B zu haben: Ich saß tagelang in meinem Jugendzimmer und heulte. Mir fiel am Ende nichts Besseres ein, als mich für ein geisteswissenschaftliches Studium in Köln einzuschreiben, von dem ich bereits wusste, dass es mich zu Tode langweilen würde. 

2007: Studium abgebrochen

Zwei Semester hielt ich durch, dann schmiss ich hin. Ich war einsam in Köln, weil ich erst im letzten Nachrückverfahren zugelassen worden war und somit alle Einführungsveranstaltungen verpasst hatte. Wegen der späten Zusage hatte ich wochenlang kein Zimmer gefunden. Am Ende zog ich in eine heruntergekommene WG mit einer Mitbewohnerin, die nie mit mir sprach. Als ich nicht mehr zu den Vorlesungen ging, hatte ich mit kaum jemand Kontakt und wurde immer depressiver. Nach einem Jahr zu Hause rumsitzen wurde ich in die Psychiatrie eingewiesen. Nach drei Monaten Therapie beschloss ich, dass mich nichts mehr in Köln hielt und zog nach Hamburg.

2010: Nicht an der Kunsthochschule angenommen

Ich arbeitete ein Jahr lang an einer Mappe für die Kunsthochschule und bekam dafür die Note 4,0. Bis 3,9 wurde man zur Prüfung eingeladen. Tja. Auf Partys kann man das zwar immer gut erzählen: Ach, die Kunsthochschule wollte mich nicht haben, das ist ja schon einigen passiert, die später doch noch bekannt wurden (und dann einen kleinen Hitler-Witz einstreuen). Aber damals fiel ich in ein gigantisches Loch: Ich war arbeitslos, eine Studienabbrecherin und hatte so viel Geld in die Mappen-Vorbereitungskurse gesteckt, dass ich bei Freunden Nudeln und Pesto schnorren musste.

Dieses Scheitern nahm zwar tatsächlich eine gute Wendung. Ich begann, ein Blog über meine Krise zu schreiben, weil ich ja viel Zeit hatte. Dieses Blog wurde innerhalb von Wochen bekannt, gewann Preise und ich bekam den ersten Buchvertrag, dessen Vorschuss so hoch war, dass ich für ein Jahr von der Hartz-IV-Bezieherin zur Gutverdienerin wurde. Ein bisschen war das so, als hätte ich es doch allen bewiesen am Ende: Aus mir wurde was.

Scheitern fühlt sich trotzdem grausam an


Und trotzdem: Ich würde all die Umwege, Depressionen und den Psychiatrieaufenthalt nicht als Chance bezeichnen. Das würde nämlich bedeuten, dass es keine Probleme gibt, sondern alles nur eine Herausforderung ist, die man schaffen muss. Manche Dinge sind aber nicht zu schaffen. Und nicht immer wird am Ende alles gut – auch, wenn man sich das natürlich selbst gerne sagt, weil es sich leichter damit leben lässt als mit einem "Diese Sache hat mein Leben in Bahnen gelenkt, die echt nicht gut sind".

2017: Den Traumjob kündigen müssen

Ab 2012 arbeitete ich mich in verschiedenen Redaktionen und Agenturen hoch, schob Zehnstundenschichten und schrieb nachts weiter an eigenen Texten. Am Ende bekam ich eine feste Stelle in einer großen Nachrichtenredaktion, was mir nach all den Jahren finanzieller Unsicherheit als Freischaffende wie ein Traum erschien. Die Arbeit machte Spaß, aber ich weinte auch oft vor Erschöpfung auf der Bürotoilette, fühlte mich permanent überfordert und hatte regelmäßig Panikattacken. 2016 kam der Zusammenbruch und eine ADHS-Diagnose. Mein Chef versuchte zwar, Arbeitsbedingungen zu schaffen, in denen ich funktionieren konnte, aber es wurde nicht besser. Mein einziger Ausweg: Die feste Stelle, für die ich jahrelang geschuftet hatte, zu kündigen.

2019: Die Buchabgabe nicht geschafft

Mein neuer Roman Nix passiert sollte eigentlich im Herbstprogramm 2019 des Verlages erscheinen. Doch nach vier verpassten Deadlines habe ich auch die finale nicht geschafft. Das Buch musste verschoben werden, inklusive Lesereise und damit auch die Finanzierung des kompletten Winters. Mir war leider eine Depression und ein gebrochenes Herz dazwischengekommen. So saß ich vor einigen Monaten an genau dieser Stelle, an der ich das hier gerade schreibe, und weinte den Küchentisch voll.

Als ich darüber bei Instagram sprach, bekam ich viel Zuspruch, aber auch immer wieder den Hinweis darauf, dass es sich dabei doch gar nicht um wirkliches Scheitern handeln würde. Ich finde: Jeder Mensch entscheidet selbst, was Scheitern für ihn bedeutet. Natürlich ist es schlimmer, wenn man ein Start-up mit fünfzig Mitarbeitern an die Wand fährt, als wenn eine Autorin ein Buch nicht fertig bekommt. Aber schließlich hilft es jemandem mit einer akuten Bronchitis auch nicht, wenn man ihn darauf hinweist, dass er ja wenigstens keinen Lungenkrebs hat.

2020: Scheitern ist scheiße. Aber weitermachen ist Kür

Nun, ein paar Monate später, war ich spontan im Urlaub mit Freunden und habe das Buch neu geschrieben. Komplett neu. Ich finde, es ist tatsächlich besser geworden als der erste Entwurf. Ich bin wahnsinnig stolz darauf. Und trotzdem kann ich die Verzweiflung, die ich spürte, als die Beziehung scheiterte und klar wurde, dass das Buch erst mal nicht erscheinen wird, schwer als angemessenen Preis dafür sehen. 

Denn ob ein Scheitern eine Korrektur oder einfach nur ein Scheitern ist, das entscheidet die Zeit. Es hilft in dem Moment nicht, zu sagen, dass alles Grausame, Gemeine, Schmerzhafte eine Chance ist. Weil wir das eben erst hinterher wissen können. Mitgefühl, Geduld und der offene Umgang mit diesen Gefühlen ist wesentlich heilsamer in einer Gesellschaft, in der Menschen durch Selbstoptimierung und Perfektionismus ohnehin ständig das Leiden abgesprochen wird. Denn nicht jeder kann aus jedem Mist Gold machen. Manchmal hilft es eben einfach nur, es auszuhalten und irgendwie weiterzumachen.

Es muss nämlich nicht alles gut werden. Es darf auch einfach mal eine Weile alles richtig übel sein. Niemand muss nach dem Hinfallen sofort das Krönchen richten. Es ist okay, wenn man ein paar Zacken verliert, sich den Kopf stößt, taumelt, wieder hinfällt. Wer eine unverbeulte Krone trägt, hat entweder grotesk viel Glück gehabt – oder einfach nie richtig gelebt.