Bitte keine Araber. Diesen Satz hat die Chefin eines Berliner Architekturbüros einem Bewerber vor Kurzem versehentlich geschickt. Die E-Mail sollte ganz offensichtlich nicht an ihn gehen. Der Mann veröffentlichte den Satz – so erreichte er auch mich. So ausgeschrieben tut der Satz ganz besonders weh. Ich glaube, das ist der Unterschied. Vermutet haben wir es schon irgendwie, sogar durch Studien bestätigt gesehen. Aber ausgeschrieben entfaltet der Satz seine brutale Wirkung.

Menschen werden im Job rassistisch diskriminiert. Es ist ein Fakt. Belegt durch drei Worte. 

Eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Bewerberinnen, die einen türkisch klingenden Namen haben und noch dazu ein Bewerbungsfoto mit Kopftuch vorlegen, erheblich benachteiligt werden. Muslimische Frauen mit Kopftuch müssen für eine Einladung zum Bewerbungsgespräch mehr als viermal so viele Bewerbungen verschicken wie Bewerberinnen mit identischer Qualifikation.  

Dieses Ergebnis ist niederschmetternd und tut weh, ist aber wenig überraschend. Zumindest in meinem Freundes- und Bekanntenkreis häufen sich solche Erlebnisse. Am Abend, als die rassistische Antwort einer Chefin auf eine Bewerbung die Runde gemacht hat, spreche ich mit meiner Schwester und sie sagt: "Dass sie sich traut, das offen auszuformulieren, ist schon hart." Bisher wurden solche Dinge nämlich nur hinter vorgehaltener Hand gesagt. Der höfliche, sehr leise Rassismus. Obwohl: Höflich ist die Frau ja geblieben. Bitte keine Araber schreibt sie schließlich. Bitte.  

"Es ist traurig, dass ich mir Gedanken darüber machen muss, ob ein Afro mich nicht von meiner besten Seite zeigt."
Anna Dushime

Als ich für eine Berliner Werbeagentur gearbeitet habe, wurde ich ab und zu am Filmset für die Maskenbildnerin, Putzfrau oder manchmal auch für die Schauspielerin gehalten. Dass ich der kreative Kopf hinter der Kampagne sein könnte, vermuteten diese Menschen nicht. Creative Director und schwarze Frau geht für viele nicht so richtig zusammen. Ich habe neulich auf Twitter einen Witz geschrieben, dass man sich beim Vorstellungsgespräch oft möglichst "deutsch" gibt, um dann am Ende der Probezeit seine "Wurzeln" (wie weiße Deutsche gerne sagen) komplett zu entfalten und auszuleben.

Am Anfang zeigt man sich superdeutsch und angepasst, kommt metaphorisch in voller Deutschland-Montur zum Vorstellungsgespräch und erst wenn man sich in den sicheren Gefilden eines entfristeten Vertrags oder einer beendeten Probezeit befindet, kämmt man sich schön den Afro aus, packt die Afrika-Kette aus und bringt endlich seine komplette Persönlichkeit mit zur Arbeit.

Der Tweet wurde viel geteilt und kommentiert. Es ist ein Gefühl, das viele Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund extrem nachvollziehen können. Natürlich war er überspitzt.

"Diversity verkauft sich."
Anna Dushime

Selbstverständlich zeigen wir uns bei einem Vorstellungsgespräch von unserer besten Seite. Aber es ist traurig, dass ich mir Gedanken darüber machen muss, ob ein Afro mich nicht von meiner besten Seite zeigt und glatte Haare eventuell besser ankommen. Denn Afros und andere natürliche Frisuren wie Dreadlocks sind häufig negativ konnotiert und werden mit mangelnder Professionalität und Hygiene in Verbindung gebracht. Die Ergebnisse einer Umfrage – von einer Forschungsgruppe um eine afroamerikanische Anwältin geführt – zeigen, dass schwarze Frauen im Vergleich zu weißen Frauen doppelt so häufig den Druck verspüren, ihre Haare vor der Arbeit zu glätten. 

Mich wundert das nicht. Klar, dass man sich oft für glatte Haare fürs Vorstellungsgespräch entscheidet. Man will ja zeigen, dass man gut ins in der Regel monotone Team passt. Zwar klingt Diversity gut. Und mittlerweile hat es selbst der letzte Entrepreneur aus Bietigheim-Bissingen verstanden: Diversity verkauft sich. Aber vielfältig sein müssen die Firmen deshalb noch lange nicht.

Also keine Angst: Die Vielfalt muss nicht echt sein. Es gibt wie man in der Start-up-Welt so schön sagt einen quick fix für das Problem. Am schnellsten geht der über die Unternehmenswebsite. Von der schwarzen Praktikantin bis zum Werkstudenten aus Sri-Lanka und zum Buchhalter aus Duisburg wird jeder prominent auf die Unternehmensseite platziert, der nicht 50 shades of weiß ist. Das Unternehmen sieht damit so divers aus wie eine United-Colors-of-Benetton-Werbung aus den Neunzigern, kann aber weiterhin fröhlich die gleichen Menschen einstellen und muss an eventuell diskriminierenden Strukturen nichts ändern.

Bei einem meiner ersten Jobs kam ein Fotojournalist, um Bilder für einen Artikel über das Unternehmen zu machen. Erst stellten wir uns alle auf für ein großes Gruppenbild, dann wurden wir in kleinere Gruppen eingeteilt, um weitere Bilder zu machen. Als ich mich zu den Kollegen aus meiner Abteilung stellen wollte, sah der Fotograf mich und einen indischen Kollegen an, dann entschied er sich für ihn. "Ich hab' schon einen dunklen", sagte er grinsend zu mir. Er lachte, weil er das irgendwie witzig fand. Ich ließ mir nichts anmerken und erst später begriff ich, was eigentlich da gerade passiert war.