Es ist Zeit für radikale Flexibilität – Seite 1

Die Nachricht war zu schön, um wahr zu sein: Die neue finnische Regierungschefin Sanna Marin schlägt die Viertagewoche mit nur sechs Stunden am Tag vor. Rasant verbreitete sich das angebliche Vorhaben der finnischen Koalition Anfang der Woche in sozialen Medien. Eine 34-jährige Mutter, die jüngste Regierungschefin der Welt, pustet frischen Wind nicht nur in die Politik, sondern auch in die Arbeitswelt. Das passte. Stimmte aber nicht. Wenig später stellte die finnische Regierung auf Twitter klar, die Viertagewoche sei kein Bestandteil des neuen Regierungsprogramms, sondern lediglich eine Idee, die Marin auf einer Podiumsdiskussion im August vorgestellt habe.

Die Begeisterung, die diese Falschnachricht auslöste, kann man als Symptom einer gesamtgesellschaftlichen Sehnsucht deuten: nach mehr Zeit, mehr Abwechslung, einem Alltag, der nicht nur aus Arbeit und einem oft mit Organisationsstress gefüllten Feierabend besteht.

Dem Wunsch nach einer Viertagewoche liegt natürlich der Traum von mehr Freizeit zugrunde. Aber nicht alle Arbeitnehmerinnen wollen oder können weniger arbeiten. Vielen würde es schon genügen, flexibler zu sein. Denn arbeiten, das heißt oft Nine-to-Five, Montag bis Freitag. Um 7.15 Uhr klingelt der Wecker, um 7.25 Uhr läuft die Dusche, um 7.50 Uhr noch schnell ein Kaffee, um 8.11 Uhr fährt die S-Bahn. Fünf Tage die Woche, 250 im Jahr, täglich grüßt der Kollege in morgendlicher Plauderlaune.

Die digitalisierte Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts lässt es eigentlich zu, aus diesen starren Konstrukten auszubrechen. Es ist längst Zeit für mehr Flexibilität. Aber Unternehmen kommen diesem Wunsch viel zu zögerlich nach. Viele werben zwar mit Familienfreundlichkeit und flexiblen Arbeitszeiten, in der Realität beschränken sie sich aber auf Gleitzeit-Regelungen und wenige Tage Homeoffice pro Jahr. Viertagewochen gibt es bisher nur bei einigen wenigen kleinen, meist jungen Firmen und für manche Mitarbeiter großer Tech-Unternehmen wie Google, Amazon und Microsoft.

Vertrauen statt Kontrolle

Dass nicht viel mehr Arbeitgeber so etwas versuchen, lässt sich einerseits damit erklären, dass sie an alten Strukturen festhalten. Die Konferenz um 8 Uhr morgens? Haben wir hier schon immer so gemacht. Viele Arbeitsverhältnisse beruhen außerdem auf Kontrolle: Wenn die Mitarbeiter zu festgelegten Zeiten an ihren Schreibtischen sitzen, kann die Chefin jederzeit nachsehen, ob Herr Özcan lieber beim Kaffee plaudert, statt den Kunden anzurufen.

Flexibilisierung verlangt von Vorgesetzten, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen. Am Ende zählt ohnehin nicht, wie lange Frau Friedrich Zigarettenpause macht, sondern dass sie die Bestellung wie geplant bis Mittwochnachmittag aufgegeben hat. Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft ergab, dass flexible Zeiten und Arbeitsverhältnisse, die von Vertrauen gekennzeichnet sind, Mitarbeiter nicht nur zufriedener, sondern auch produktiver machen. Gleichzeitig müssen Führungskräfte flexible Arbeitszeiten auch selbst vorleben. Wenn die Chefin immer um 8 am Schreibtisch sitzt und als Letzte das Büro verlässt – wer traut sich da, seine Aufgaben an vier Tagen abzuarbeiten und freitags zu Hause zu bleiben?

In welchen Branchen gingen flexible Arbeitszeiten?

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssten sich ihre Zeit wirklich so einteilen können, wie sie wollen. Denkbar wäre selbst in Vollzeit-Arbeitsverhältnissen vieles: Jede zweite Woche freitags frei, dafür vier lange Tage mit je zehn Stunden. Oder ein Wechsel von Tagen, an denen man nach dem Abendessen noch mal arbeitet, und welchen mit freien Nachmittagen. Vielleicht gibt es sogar den ein oder anderen, der sich gern am Sonntagabend vor den Rechner setzt, wenn die Familie einen langweiligen Tatort schaut.

Eine solche Flexibilität ist nicht in allen Branchen umzusetzen. Eine Grundschullehrerin kann nicht morgens erst zum Yoga und um 11 Uhr vor der Klasse stehen, wenn der Unterricht um 8 Uhr beginnt. Ein Pfleger kann nicht am Donnerstagabend besonders viele Menschen waschen und mit Essen versorgen, um ab Freitagmittag mit einem Buch im Park zu sitzen. Und eine Fabrikarbeiterin im Schichtdienst kann nicht einfach mal für eine Stunde ihren Arbeitsplatz verlassen, um die Aufgaben später flexibel nachzuholen. Dazu kommt: Sofern es allgemein verbindliche Tarifverträge in einem Unternehmen gibt, sind individuelle Regelungen umso schwerer umzusetzen.

Einfach fragen und ausprobieren

Aber rund die Hälfte der deutschen Angestellten arbeitet am Computer, Tendenz steigend. Sie sind oft für festgelegte Aufgaben zuständig, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein müssen. In solchen Bereichen könnte man beispielsweise ansetzen – und flexible Arbeitszeiten einfach mal ausprobieren. Vorgesetzte könnten ihre Mitarbeiterinnen fragen, welche Arbeitszeiten sie sich wünschen. Wann sie am produktivsten sind, wann sie ihr Tief haben, welche Termine im Team für sie wichtig sind. Und daraus einen Test für einen begrenzten Zeitraum ableiten: Was passiert, wenn alle für einen Monat nur von Montag bis Donnerstag im Büro sein müssen? Wie funktioniert der Arbeitsalltag, wenn Herr Özcan schon um 7.30 Uhr kommt und früher geht, Frau Friedrich hingegen ausschläft und bis 20 Uhr bleibt? Im schlimmsten Fall ist das Experiment ein chaotischer Ausbruch aus dem Alltagstrott – der allerdings auch mal erfrischend sein kann. Im besten Fall entstehen daraus Modelle, von denen alle profitieren.

Bis neue Ansätze in allen Branchen ankommen, wird es dauern. Auch zur Fünftagewoche mit 40 statt 48 Wochenstunden war es ein langer Weg: Ab Mitte der Fünfzigerjahre setzte sich der Deutsche Gewerkschaftsbund für einen freien Samstag und die Einführung der 40-Stunden-Woche ein – "Samstags gehört Vati mir". Den damaligen Wirtschaftsminister und späteren Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard (CDU) veranlasste das zu einer wütenden Reaktion: Ein Volk, das international wettbewerbsfähig sein wolle, solle sich nicht "Überlegungen nach Verkürzung der Arbeitszeit hingeben". Es dauerte schließlich bis weit in die Sechzigerjahre hinein, bis die 40-Stunden-Woche in einem großen Teil der Branchen zum Standard wurde.

Jetzt, mehr als 50 Jahre später, ist es wieder Zeit, auf die veränderten Bedürfnisse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu hören.