Was tun, wenn einen Kollegen und Vorgesetzte plötzlich meiden? Wie kommt man durch eine Krise – und wann sollte man selbst kündigen? Dorothea Assig und Dorothee Echter beraten seit Jahren Topmanager, wenn die sich beruflich verändern wollen oder müssen.

ZEIT ONLINE: Frau Assig, Frau Echter, in der CDU ist gerade mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine Spitzenpolitikerin zurückgetreten. Wann empfehlen Sie Ihren Klienten, abzutreten?

Dorothea Assig: Vor allem dann, wenn sie bei einem offensichtlichen Fehler ertappt worden sind. Sagen wir, es kommt heraus, dass jemand in der Doktorarbeit plagiiert oder schwarz eine Putzkraft beschäftigt hat. In einer solchen Situation bleibt nicht viel, außer den Fehler einzugestehen, sich zu entschuldigen und zurückzutreten.

ZEIT ONLINE: Hätten Sie Annegret Kramp-Karrenbauer zum Rücktritt geraten, wäre sie Ihre Klientin?

Dorothee Echter: Aber nein! Niemals mitten in der Krise zurücktreten. 

ZEIT ONLINE: Sondern?

Echter: Erst einmal die Krise durchstehen. Wir hätten ihr vermutlich geraten, erst einmal mit allen wichtigen Beteiligten zu sprechen, Vertrauen wiederherzustellen und ihre Verbündeten um sich zu scharen.

ZEIT ONLINE: Nach dem Rücktritt Kramp-Karrenbauers wurde auf Twitter diskutiert, ob es etwas spezifisch Weibliches ist, persönliche Konsequenzen zu ziehen, während Männer, zum Beispiel Christian Lindner, eher an ihren Posten festhalten. Ist das so?

Assig: Nein, ich erkenne da keine Regelmäßigkeit. Ich glaube, die Aufmerksamkeit ist bei Frauen einfach größer und dann wird das auf ihre Weiblichkeit projiziert. Und Männer treten ja auch zurück, denken Sie an Jürgen Klinsmann oder Kardinal Marx. Ich glaube, die Frage, wie schnell jemand bereit ist, sich zu zurückzuziehen, ist nicht vom Geschlecht abhängig.

ZEIT ONLINE: Wie schwer fällt es Führungskräften, zu gehen?

Echter: Auch das ist sehr unterschiedlich. Manche treten zu schnell zurück, andere können nicht loslassen. Manager haben es da fast ein bisschen einfacher als Politiker, weil sie nicht so sehr in der Öffentlichkeit stehen.

Dorothea Assig und Dorothee Echter sind Beraterinnen und Autorinnen der Bücher "Freiheit für Manager" und "Ambition. Wie große Karrieren gelingen".

Assig: Bei Politikern ist es noch viel ausgeprägter, dass sie ständig angegriffen werden. Hätten sie eine Psyche, die auf Angriffe mit Rückzug reagiert, wären sie nicht dort, wo sie sind. Sie müssen sich ja abschotten gegen die Anwürfe des Gegners, immer mehr auch gegen Drohungen und Beschimpfungen. Andererseits nicht abzustumpfen gegen berechtigte Kritik und den eigenen Kompass zu behalten, das ist sehr schwierig. Von außen ist das manchmal einfacher zu beurteilen. Wir wissen häufig, bevor es die betroffene Person ahnt, dass sie gekündigt wird oder die Stimmung sich gegen sie wendet.

"Hätten Politiker eine Psyche, die auf Angriffe mit Rückzug reagiert, wären sie nicht dort, wo sie sind"
Dorothea Assig, Coachin

ZEIT ONLINE: Haben Sie das bei Annegret Kamp-Karrenbauer auch kommen sehen?

Echter: Nein, aber sie ist auch nicht unsere Klientin. Solche Ferndiagnosen sind nur selten seriös und man muss schon in engem Kontakt zu jemandem stehen, um das zu sehen, das geht nicht aus der Presse. Wäre sie unsere Kundin, stünden die Chancen aber gut, dass wir es erkannt hätten. In der Regel folgt dann die Gemeinschaft der Führungskraft nicht mehr. Es entsteht keine Nähe mehr zu ihr. Meistens läuft das subtil ab. Das kann zum Beispiel ein Silvesterempfang sein, wo der Vorstand die nächste Ebene zu einem Drink einlädt und während da so geplaudert wird, steht plötzlich ein Vorstandsmitglied zehn Minuten ganz allein da. Das ist ein schlechtes Zeichen. Oder wenn jemand plötzlich oft von seiner Rente spricht. Das sind sichere Anzeichen, dass jemand fallen gelassen wird oder dass sich jemand aus seiner Rolle verabschiedet, ohne es zu merken.