Die Bundesregierung will das Berufskrankheitengesetz erneuern. Der Gesetzesentwurf wird in dieser Woche verhandelt. An diesem Freitag wird der Bundesrat seine finale Stellungnahme verabschieden. Die Kritik am geplanten Gesetz ist groß. Experten und Betroffene klagen über ein System, das Arbeitnehmer im Krankheitsfall oft allein lässt. Wir haben zwei von ihnen getroffen.

Fast ein ganzes Arbeitsleben steckt in ihren Knochen. Mehr als 40 Jahre lang arbeitete Andrea Heider als Krankenschwester. Sie hievte Patienten aus dem Bett, duschte sie, lagerte ihre Körper auf die Seite. Das machte sie schon in den Siebzigerjahren, als noch ein Hocker vor dem Bett stand, damit sie die Patienten gut anpacken konnte. Und auch noch zwei Jahrzehnte später, als verstellbare Betten und Liftgeräte angeschafft wurden, es aber kaum noch Personal für die vielen Patienten gab.

Seit mehr als zehn Jahren nimmt Heider jeden Tag Schmerztabletten. Sie will das dauerhafte Stechen in ihrem Rücken nicht mehr spüren und auch die Schmerzen am Ischiasnerv, der Hüfte und den Knien. "Ich liebe meinen Beruf, aber er hat mich krank gemacht", sagt Heider. Ohne Tabletten habe sie die anstrengenden Schichten nicht mehr durchstehen können. Heute will sie dafür entschädigt werden. Ihr Leiden soll als Berufskrankheit anerkannt werden. Nur dann kann sie die sogenannte Verletztenrente erhalten. Das ist eine monatliche Entschädigung, die schon während des Berufslebens ausgezahlt wird. Eine Nummer könnte ihr dabei helfen, die 2108. 

Nummer 2108: Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch langjähriges Heben oder Tragen schwerer Lasten oder durch langjährige Tätigkeiten in extremer Rumpfbeugehaltung.  

Diese Nummer steht für eine der 80 offiziell anerkannten Berufskrankheiten. Wer erkrankt und das auf seine Arbeit zurückführt, muss sein Leiden auf der Berufskrankheiten-Liste der Bundesanstalt für Arbeitsschutz finden. Nur dann kann er von seiner Berufsgenossenschaft Entschädigungszahlungen oder eine Rente erhalten. Dazu muss der Erkrankte einen Antrag stellen und sich von einem Arbeitsmediziner begutachten lassen. Immer mehr Deutsche gehen diesen Schritt: 2018 wurden knapp 78.000 Fälle von Berufskrankheiten beantragt – 2017 waren es noch 75.000. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Fälle um 25 Prozent. Doch nur jeder vierte Antrag wird bewilligt. 


Um eine Erkrankung auf einen bestimmten Beruf zurückzuführen, reicht es nicht, dass man sie auf der Liste findet. "Man muss auch den Zusammenhang zwischen Erkrankung und Arbeit nachweisen", sagt Michael Gümbel. Er leitet in Hamburg eine Beratungsstelle für Berufserkrankte und berät Dachdecker mit Knieschäden, Bauarbeiter mit Hautkrebs oder Ärztinnen mit Burn-out. Immer wieder erlebt er, wie Erkrankte jahrelang prozessieren und keine Entschädigung erhalten, weil ihre Anträge abgelehnt werden. "Berufsgenossenschaften haben ein Interesse daran, nicht zu viele Fälle zu genehmigen, um Ausgaben einzusparen", sagt Gümbel. Und ihr Einfluss sei groß: "Sie bezahlen die Gutachten und suchen die Fachmedizinerinnen aus."

Wie krank muss man werden?

Die Krankenschwester Andrea Heider füllte über Jahre hinweg Anträge aus, skizzierte mühsam ihre Arbeitstage, kreuzte an, starke Schmerzen zu spüren, und verneinte, in ihrer Freizeit körperlich belastende Tätigkeiten auszuüben. Michael Gümbel berechnete für sie, dass sie zu 40 Prozent arbeitsunfähig sei, was in ihrem Fall eine Verletztenrente von monatlich bis zu 700 Euro bedeuten würde. Ein Arzt stellte drei Bandscheibenvorfälle fest. Und trotzdem: Die Berufsgenossenschaft lehnte ihre Anträge ab. Immer wieder. "Ich konnte es bei jeder Ablehnung kaum glauben. Wie krank muss ich denn noch werden?", sagt Heider.

Den Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung und Erkrankung zu beweisen, ist laut Michael Gümbel oft schwierig: "Wer führt schon 20 Jahre lang Buch über seine Arbeitsbelastung?" Die Erkrankten seien mit den vielen Anträgen und Formularen oft überfordert.  

Hilfe bekommen Betroffene in Hamburg und Bremen in zwei Beratungsstellen. Und auch in Berlin soll eine solche Stelle bis zum Jahresende entstehen. Doch in anderen Teilen Deutschlands seien die Erkrankten auf sich allein gestellt, sagt Gümbel. Ein weiteres Problem ist: "Es gibt zu wenige Fachmediziner, die letztendlich die Gutachten zur Anerkennung einer Berufskrankheit verfassen." Deshalb kann es bei bestimmten Leiden Jahre dauern, bis eine Berufskrankheit anerkannt wird.