In vielen Berufen sollte es völlig egal sein, wie schwer oder leicht jemand ist. Auf die Leistung hat das Gewicht in der Regel keinen Einfluss. Dennoch erleben viele Betroffene in ihrem Alltag Diskriminierungen, auch am Arbeitsplatz. Sabine Krieger* aus Hamburg ist eine von ihnen, die gelernte Krankenpflegerin arbeitet seit 30 Jahren und wechselte in dieser Zeit oft ihren den Arbeitgeber, weil sie unter den Demütigungen und Ausgrenzungen litt:

"Abfällige Kommentare oder schiefe Blicke wegen meines Gewichts kannte ich bereits aus der Schulzeit. Doch bei der Ausbildung im Krankenhaus hatte ich die Hoffnung, dass es anders werden würde: Ich arbeitete zuverlässig, war vielleicht manchmal langsamer, aber dafür immer bestens organisiert. Ich war gerne bei den Patientinnen und Patienten, hatte nie Probleme mit den Ausbildern. Und ich erhielt gute Noten. Dennoch hat mich das Krankenhaus als einzige Auszubildende nach meinem Abschluss nicht übernommen. Die Ordensschwester erklärte mir, dass ich nicht repräsentativ für die Klinik sei und dem Ansehen schaden würde. Ich war ihnen schlicht zu dick."

60 Prozent der Menschen in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel gilt als adipös, also stark übergewichtig. Experten stufen Übergewicht als Krankheit ein und machen die Gene dafür mitverantwortlich. Laut einer Studie der Universität Marburg denken dennoch 85 Prozent der Deutschen, dass Übergewicht rein selbst verschuldet sei. Viele hochgewichtige Menschen werden im Job diskriminiert, vor allem im Einzelhandel und im Gesundheitswesen. Etwa ein Viertel der Übergewichtigen berichten, dass sie schon mal aufgrund ihres Gewichts gemobbt wurden, besagt ein Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. 33 Prozent klagen, dass sie deswegen nicht eingestellt wurden. Knapp acht Prozent erzählen, wegen ihres Gewichts eine Kündigung erhalten zu haben. Die Betroffenen kann das krank machen. "Mobbing löst eine sehr ausgeprägte Stresssituation im Körper aus", sagt Dieter Zapf, Psychologe der Goethe-Universität Frankfurt. Er spricht von "sehr massiven Folgen des Stresses, die psychosomatische Beschwerden, Burn-out-Symptome und depressive Verstimmungen hervorrufen können". Das sei besonders bei äußeren Merkmalen wie Übergewicht ein Problem. "Sie lassen sich nicht schnell mal verstecken oder ändern."

Keiner sagte etwas

"Nach der Ausbildung bewarb ich mich in einem anderen Krankenhaus und bekam den Job. Ich war glücklich, endlich in meinem Beruf ankommen zu können. Doch ich erlebte schlimme Situationen: Bettlägerige Kranke, die mich beim Pflegen in die Seite kniffen, um zu testen, wie dick ich wirklich bin. Angehörige, die mich von oben bis unten geringschätzend ansahen, wenn ich ein Zimmer betrat. Es gab Patienten, die mich dickes Schwein nannten. Eine langjährige Stationsleiterin sagte mir während einer Teamsitzung mit fast 30 Kollegen: 'Du solltest jetzt tatsächlich eine Diät machen. Von mir aus auch in einer stationären Reha. Du gibst dir ja Mühe, abzunehmen, doch alle sehen, dass du es nicht packst.' Stille. Keiner sagte etwas. Ich wurde rot, mir kamen vor Wut die Tränen. Einige männliche Kollegen waren auch übergewichtig, doch zu denen sagte sie nichts. Ich habe dann allen Mut zusammengenommen und geantwortet: 'Stimmt. Im Notfall bin ich nicht die Schnellste, doch die Bestorganisierteste und muss nicht dreimal laufen.' Diese Äußerung von mir empfanden etliche Kolleginnen als Unverschämtheit."

Nur knapp 20 Prozent der Deutschen lehnen laut einer Studie der Universität Marburg negative Äußerungen zu adipösen Personen ab. Besonders bemerkenswert: 55 Prozent der Bevölkerung sind sich unsicher, ob nicht doch etwas an den Vorurteilen gegenüber Übergewichtigen dran ist. Laut der Forschergruppe weist das auf ein hohes Maß an unausgesprochener Stigmatisierung von Übergewichtigen hin. Betroffen sind dabei am Arbeitsplatz vor allem übergewichtige Frauen, wie eine Befragung der Universität Tübingen zeigt: Demnach trauen 98 Prozent der Personalverantwortlichen hochgewichtigen Frauen keine prestigeträchtigen Berufe wie Ärztin oder Architektin zu. Männer mit zu viel Gewicht haben es laut der Studie einfacher als Frauen.

"Die rollt von alleine"

"Nach zwei Jahren wechselte ich in die Intensivpflege. Menschen, die gerade aufwachen und eine Operation überstanden haben, sind glücklich, wenn sich jemand um sie kümmert. Ihnen ist nicht wichtig, wie die Pflegerin aussieht. Anders als meinen Kollegen. Ein Geschäftsführer sagte einmal zu mir, dass es ihm zu eng werden würde, wenn er mit mir arbeiten müsste. Ein anderer Kollege behauptete, dass ich bei einer Reanimation nicht schnell genug reagieren könne. Ich verstand nicht, was genau das Problem war. Ich war sportlich, spielte Volleyball, ging regelmäßig schwimmen und leitete eine Tanzgruppe. Sicher konnte ich mich gut bewegen. Aufgrund der Diskriminierungen gab ich nach sieben Jahren den Beruf der Krankenschwester auf, obwohl ich ihn liebte. Stattdessen studierte ich Pflegewissenschaften mit Schwerpunkt medizinische Psychologie und Soziologie. Danach leitete ich Kommunikationskurse an einer Gesundheitsakademie. Darin sensibilisierte ich Auszubildende, mit hochgewichtigen Patienten und Angehörigen respektvoll umzugehen. Meine Kolleginnen und Kollegen hielten sich leider nicht daran. Ein Kollege schlug vor, dass wir bei einem Betriebsausflug eine Stadtrundfahrt mit Rollern machen könnten. Die Idee fand ich gut, bis ich aus dem Raum ging und den Kollegen sagen hörte: "Für die brauchen wir keinen! Die rollt von alleine." Viele lachten, auch die Schulleitung. Ich drehte mich um, sah allen ins Gesicht. Wieder diese Stille. Dann ging ich zurück in den Unterricht. Das Thema kam nie wieder zur Sprache."