"Wir sind den Menschen an der Kasse völlig ausgeliefert" – Seite 1

Auch wenn die Bars, Schulen und viele Büros geschlossen bleiben, die Supermärkte haben weiterhin auf. In einigen Bundesländern werden sogar erweiterte Öffnungszeiten diskutiert. Was bedeutet das für die Angestellten? Farina Kerekes, 30, arbeitet als Verkäuferin im Einzelhandel im Ruhrgebiet. Am Wochenende hat sie auf Twitter ihren Frust über respektlose Kunden während der Corona-Krise aufgeschrieben. Wir haben mit ihr nach Feierabend gesprochen.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag seit Beginn der Corona-Krise verändert?

Farina Kerekes: Er ist anstrengender geworden. Normalerweise arbeite ich 30 Stunden pro Woche. In den letzten drei Wochen habe ich bereits 23 Überstunden gemacht. Vom Stresslevel und vom Umsatz und der Anzahl der Kunden ist es in etwa so wie kurz vor Weihnachten. Nur dass die Stimmung schlechter ist. Keiner lächelt mehr. Viele Kundinnen und Kunden tragen Schutzmasken und Gummihandschuhe oder desinfizieren den Griff vom Einkaufswagen. Für die Schutzmaßnahmen habe ich Verständnis, aber es würde wirklich helfen, wenn die Leute sich ein bisschen entspannen würden und aufhören würden zu hamstern. Das macht unseren Job viel schwieriger. Ich arbeite seit zwölf Jahren im Einzelhandel, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.

Farina Kerekes arbeitet seit 12 Jahren im Lebensmitteleinzelhandel. © privat

ZEIT ONLINE: Was kaufen die Leute am meisten?

Kerekes: Immer noch Klopapier. Ich habe zur Ladenöffnung um 8:30 Uhr angefangen zu arbeiten und da standen schon 20 Leute, die nicht abwarten konnten, bis wir die Türen richtig geöffnet haben. Über das Wochenende wurde fast alles leergekauft. Wir haben heute neue Ware gekriegt, das heißt, es musste viel Ware eingeräumt werden. Beim Klopapier aber zum Beispiel sind wir nicht mal dazugekommen, es in die Regale zu räumen, weil die Leute es sich direkt von den Paletten genommen haben. Innerhalb von 15 Minuten war die Lieferung wieder weg. Und das, obwohl wir die Leute schon bitten, nur haushaltsübliche Mengen zu kaufen.

ZEIT ONLINE: Haushaltsüblich. Was bedeutet das?

Kerekes: Das kommt auf das Produkt an. Desinfektionsmittel sind gerade so gefragt, das haben wir auf eine Tube pro Person beschränkt. Bei Klopapier haben wir zwei Packungen erlaubt, aber nach der Erfahrung von heute werden wir das wohl weiter beschränken müssen. Je nach Nachfrage und Lieferung entscheiden wir jeden Tag neu. Babygläschen zum Beispiel können wir nicht so stark begrenzen, davon braucht man einfach mehr.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Kunden auf die Einschränkungen?

Kerekes: Wir stoßen mit unserer Beschränkung auf viel Unverständnis. Den Leuten scheint nicht klar zu sein, dass andere Menschen diese Dinge jetzt auch brauchen. Viele finden es lächerlich. Andere erklären dann, warum ausgerechnet sie mehr brauchen. Sie behaupten, sie müssten noch für die Schwägerin oder die Schwiegermutter mit einkaufen. Das kann natürlich stimmen, aber diese Geschichten habe ich jetzt schon zu oft gehört. Man kann nicht jedes Mal eine Ausnahme machen.

"Handschuhe sind keine Option für uns"

ZEIT ONLINE: Supermärkte gehören zu den wenigen Orten, an denen noch viele Menschen aufeinandertreffen. Wie schützen Sie sich an der Kasse?

Kerekes: Handschuhe sind keine Option für uns, damit können wir die Geräte nicht mehr bedienen, das funktioniert alles über Touch. Die Masken werden im medizinischen Bereich viel dringender gebraucht. Da würde ich mich seltsam fühlen, an der Kasse mit Atemmaske zu sitzen, wenn ich weiß, dass die in den Krankenhäusern fehlen.

Für uns ist das Wichtigste, regelmäßig Hände zu waschen. Oder die Hände zu desinfizieren, wenn waschen gerade nicht geht. Wir haben immer Desinfektionsmittel an der Kasse.  Mir nicht ins Gesicht zu fassen, fällt mir wirklich schwer. Aber ich achte nun darauf. Mehr können wir ohnehin nicht machen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren?

Kerekes: Nein, ich persönlich habe keine Angst. Ich mach mir eher Sorgen um ältere Kolleginnen, die zur Risikogruppe gehören. Im Grunde richtet Corona jetzt nur die Aufmerksamkeit auf ein Problem, das es für uns Kassiererinnen schon lange gibt: Es ist immer eklig, wenn jemand in die Hand hustet und dann den Geldschein rausholt. Oder sich erst den Finger ableckt und dann bezahlt. Egal ob Grippezeit ist oder nicht. Wir sind immer sehr eng mit Menschen in Kontakt. Wenn die Aufmerksamkeit für Corona dafür jetzt ein Bewusstsein schafft, würde das langfristig meinen Beruf besser machen.

ZEIT ONLINE: Auf Twitter haben Sie darauf aufmerksam gemacht, dass viele Kunden sich respektlos verhalten. Was hat sie zu diesem Aufruf bewegt?

Kerekes: Wir sind anderen Menschen an der Kasse völlig ausgeliefert. Ich kann der Kundin nicht verbieten zu husten und ich kann nicht verlangen, dass jemand Abstand hält. Wir sind darauf angewiesen, dass andere Menschen uns respektvoll behandeln. Leider ist das häufig nicht der Fall. Jeden Tag passiert es, dass Kunden mir ins Gesicht husten statt in die Armbeuge. Ich weise sie dann sehr höflich darauf hin, dass es hygienischer ist, in die Armbeuge zu husten oder zu niesen. Die Meisten antworten gar nicht. Oft kriege ich böse Blicke. Hier in den Geschäften zeigt sich gerade, wie unsolidarisch und egoistisch unsere Gesellschaft ist. Alle denken nur an sich. Das hat mich unheimlich wütend gemacht, deshalb habe ich diesen Post verfasst. 

ZEIT ONLINE: Was wäre in dieser Zeit noch wichtig, damit die Geschäfte offenbleiben können?

Kerekes: Da mein Beruf ja jetzt als systemrelevant gekennzeichnet wurde, würde ich mir von der Regierung wünschen, dass er auch entsprechend entlohnt wird. Zum Beispiel in dem man die Allgemeinverbindlichkeit für Tarifverträge wiederherstellt. Früher mussten alle großen Unternehmen nach Tarif bezahlen, mittlerweile können sie es sich aussuchen. Viele machen es natürlich nicht mehr, weil es billiger ist. Ich selbst habe Glück und bin Tarifangestellte. Aber viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die jetzt auch Überstunden machen, arbeiten für Mindestlohn.