Ich schreibe diesen Text von zu Hause aus. Genauer, aus dem Café an der Ecke, da scheint die Sonne und der Kaffee schmeckt besser als im Büro. Ob meine Chefin mir vertraut, dass ich hier genauso viel arbeite wie sonst im Büro? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass die meisten Chefs in Deutschland das nicht tun. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagen zwei Drittel der Beschäftigten, dass sie nie im Homeoffice arbeiten. Ihren Chefinnen und Chefs sei ihre Anwesenheit sehr wichtig. Außerdem glaubten einige Vorgesetzte, zu Hause werde weniger geleistet. 

Ich kenne das: Frage ich nach einem Tag im Homeoffice, erkläre ich deshalb immer möglichst ausführlich, warum das wirklich nötig ist. Denn das Gefühl, unter Verdacht zu stehen, eigentlich nur ein kleines bisschen länger schlafen zu wollen, werde ich auch bei meinen sympathischsten Vorgesetzten nicht los. In Deutschland herrscht Präsenzkultur. Wer von den Kollegen nicht gesehen wird, ist auch nicht da. Und wer nicht da, also im Büro ist, kann unmöglich wirklich arbeiten. Homeoffice wird hierzulande nur mit fragenden Blicken oder in Ausnahmesituationen (Kind krank, Handwerker kommt, neue Waschmaschine wird geliefert) gestattet. 

Jetzt ist Ausnahmesituation! Das Coronavirus stellt die Unternehmen und die Gesundheitssysteme auf eine harte Probe. Wirtschaftlich und gesundheitlich gesehen kann das Virus extrem gefährlich werden. Für die deutsche Arbeitskultur jedoch ist dieser Ausnahmezustand eine einmalige Chance. Eine Chance, endlich die ortsunabhängige Arbeit einzuführen. 

Die Alternative ist keine

Vorgesetzte in Deutschland, zumindest die der sogenannten Wissensarbeiterinnen und -arbeiter, also qualifizierte Menschen, die vor allem vor dem PC arbeiten, zwingt das Virus, sich etwas zu trauen: und zwar alle Beschäftigten ins Homeoffice zu schicken. Denn die Alternative – nämlich dass sich die Kolleginnen und Kollegen im Büro untereinander anstecken und bald niemand mehr arbeitet – ist viel riskanter. Arbeitskulturell gibt es also gerade wenig zu verlieren und viel zu gewinnen. 

Ja, verordnete Heimarbeit für alle bringt auch Probleme mit sich und will gut vorbereitet sein: Videoprogramme müssen installiert werden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen mit Laptops ausgestattet werden, Laptops datensicher gemacht werden. Sicherlich wird auch mal die Verbindung abbrechen oder ein Kollege sich nicht in die Videokonferenz einwählen können.

Aber was ist das schon gegen den Wandel, den dieses Experiment in der deutschen Arbeitskultur einläuten könnte? Flexibles und ortsunabhängiges Arbeiten einzuführen, würde Mitarbeiter zufriedener und Unternehmen erfolgreicher machen. 

Glauben Sie nicht? Hier noch mal die wichtigsten Gründe. 

1) Mobiles Arbeiten fördert die Produktivität

Meine produktivste Zeit des Tages ist die erste Stunde nach dem Aufstehen. Noch vor Zähneputzen und Duschen habe ich die besten Ideen mit einem Kaffee in der Hand und dem Laptop auf dem Schoß. In genau dieser Zeit ins Büro zu fahren, ist unternehmerischer Wahnsinn. Menschen, die nicht ausschließlich im Büro arbeiten, sind produktiver, arbeiten konzentrierter und machen kürzere Pausen, das zeigt nicht nur meine Privatempirie, sondern auch Studien

2) Mobiles Arbeiten macht zufrieden

Es fühlt sich gut an, selbst zu entscheiden, mitten am Tag, wenn es noch hell ist, für eine Stunde mit der Tochter in den Park zu gehen oder um den Kanal zu joggen und dafür abends noch mal den Laptop aufzuklappen. Finden Sie nicht auch? Menschen, die von zu Hause arbeiten dürfen, sind zufriedener – zumindest dann, wenn die Heimarbeit von ihren Vorgesetzten voll akzeptiert ist. Sie können ihre Arbeit besser mit ihrem Privatleben in Einklang bringen. 

3) Mobiles Arbeiten ist umweltfreundlicher

Muss ich ein Interview mit der amerikanischen Forscherin wirklich vor Ort führen? Nein, wir können genauso gut in einem Videotelefonat miteinander sprechen. Unternehmen, die mobile Technologien verwenden, schonen die Umwelt und sparen Kosten. Denn Teams, die gewöhnt sind, remote zu arbeiten, fliegen für ein Meeting nicht um die halbe Welt. 

4) Mobiles Arbeiten schafft Diversität

Ich träume von einem Haus mit Garten, ein paar Äpfelbäume vielleicht, ein bisschen außerhalb. Nicht jetzt, aber später. Rein beruflich käme so ein Umzug einem Ende meiner Karriere gleich. Muss das sein? Nicht wenn ich auch an einem Großteil der Tage remote arbeiten und an Konferenzen per Videoschalte teilnehmen könnte. Doch viel wichtiger: Was ist mit all den Talenten, die schon jetzt lieber in der Lüneburger Heide oder am Bodensee statt in Berlin, München oder Hamburg wohnen? Sie gehen all den Unternehmen in den Zentren verloren. Firmen, die mobiles Arbeiten anbieten, können aus einem viel größeren Pool von Bewerbern schöpfen.

Wenn sich in den kommenden Wochen Chefs ein wenig an den Kontrollverlust und Kolleginnen und Kollegen an den Umgang mit Videokonferenzen gewöhnen werden, dann hätte das Virus zumindest für den Wandel der Arbeit sein Gutes.