Wegen des Coronavirus begeben sich immer mehr Menschen in häusliche Quarantäne. Doch was, wenn genau das sie in Gefahr bringt? Laut dem Bundeskriminalamt erleidet jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben physische Gewalt – bei einem großen Teil von ihnen sind es die eigenen Partner oder Ex-Partner, die zuschlagen.

In China und Italien gibt es seit Beginn der Quarantäne bereits mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Und auch hierzulande befürchten Frauenverbände einen Anstieg. Karina Felber* ist Sozialarbeiterin, sie arbeitet in einem Frauenhaus in München – also einem Haus, in dem Frauen temporär mit ihren Kindern wohnen können, wenn sie zu Hause in der gemeinsamen Wohnung mit dem Partner gefährdet sind. Hier erzählt sie, was sie Frauen rät, die sich jetzt hilfesuchend bei ihr melden.

ZEIT ONLINE: Wenden sich momentan mehr Frauen an Sie als sonst?

Karina Felber: Es ist noch zu früh, um einen Trend zu erkennen. Wir rechnen aber fest damit, dass sich bald schon mehr Frauen bei uns melden werden, spätestens wenn es eine Ausgangssperre gibt. Dann können sich die Menschen zu Hause nicht mehr gut aus dem Weg gehen – und unserer Erfahrung nach nimmt in solchen Momenten, beispielsweise bei längeren Feiertagen, die Gewalt in Familien stark zu.

ZEIT ONLINE: Warum kommt es zu mehr Gewalt an Feiertagen oder womöglich in der Quarantäne?

Felber: In der Regel durch die beengte Situation zu Hause. Viele unserer Klientinnen lebten dort auf engstem Raum, beispielsweise in einer Zweizimmerwohnung mit Partner und drei Kindern. Wenn die Kita oder Schule zu hat, und alle zu Hause rumsitzen, steigt das Stresslevel. Außerdem fällt in diesen Zeiten oft auch der Ausgleich weg, der die Leute normalerweise entspannt, beispielsweise Sport. Konflikte eskalieren dann schneller.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie raten, wenn ein Paar weiß: Wir sitzen jetzt länger aufeinander und in der Beziehung gibt es ohnehin viel Streit?

Felber: Es kommt auf den Grad der Eskalation an. Ein Paar, das sich oft streitet, streitet sich jetzt womöglich noch mehr. Aber das heißt ja nicht, dass jemand gleich handgreiflich wird. Wenn der Streit schlimmer ist als sonst, rate ich erst mal, sich in der Wohnung Rückzugsmöglichkeiten zu suchen. Das hilft in der Regel schon mal. Man sollte auch große Grundsatzdiskussionen auf eine andere Zeit verschieben. Jetzt lieber nicht auch noch alte Fässer aufmachen, sozusagen.

ZEIT ONLINE: Und wenn die bisher verbalen oder psychischen Gewalttätigkeiten zu Handgreiflichkeiten werden?

Felber: Dann können wir nur raten, sofort die Polizei einzuschalten. Trotz allem. Einen sogenannten Platzverweis kann man auch zu diesen Krisenzeiten schnell erwirken, also dass der Partner einem nicht zu nahe kommen darf. Er müsste dann die Wohnung verlassen und irgendwo anders unterkommen. Er dürfte sich dem Haus der Frau dann nicht mehr nähern. Wenn er das missachtet, würde die Polizei eingreifen. Oder die Frau zieht mit den Kindern zu uns. Hier bekommt sie Schutz, sie kann sich sicher fühlen und alle können sich erst mal beruhigen.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Frauen in der Regel zu Ihnen?

Felber: Entweder eine Frau ruft von sich aus an oder sie wird von unterschiedlichen Stellen zu uns geschickt. Das können beispielsweise Erziehungsberatungsstellen, Schulen oder Kindergärten sein. Auch Ärzte, Kliniken und andere soziale Dienste vermitteln die Frauen an uns. Und hin und wieder auch mal Arbeitgeber, ebenso wie natürlich der private Freundeskreis. Es kommt auch vor, dass Verwandte sagen: "Melde dich doch mal dort, suche dir Hilfe, es ist nicht gut so, wie es bei euch ist." Unsere Nummer steht im Internet.

ZEIT ONLINE: Wie geht es dann weiter?

Felber: Wenn die Frauen anrufen, klären wir noch am Telefon ab, wie die Situation ist. Und was die Frau braucht. Häusliche Gewalt physischer oder psychischer Art ist die Aufnahmevoraussetzung in einem Frauenhaus, neben anderen Aspekten wie dem Aufenthaltsstatus. Wer geflüchtet ist und einen Asylantrag laufen hat, kann bei uns nur in bestimmten Fällen aufgenommen werden. Allerdings will ja auch nicht jede Frau gleich einen Platz im Frauenhaus, sondern viele wünschen sich zunächst mal eine Beratung.