Jede Stunde habe es Kontrollanrufe im Homeoffice gegeben, berichtet ein Leser, der als IT-Fachmann arbeitet. Er würde sonst "nur auf dem Sofa rumliegen", habe seine Vorgesetzte gesagt.
Eine Grafikdesignerin bekam von ihrem Chef zu hören, sie solle sich nicht so anstellen. Sie hatte ihn gebeten, von zu Hause arbeiten zu dürfen, weil sie sich im Büro vor einer Ansteckung fürchtet.
Anfang Januar hat die Bundesregierung den Lockdown verschärft. Einen Rückzug der Arbeitnehmer ins Homeoffice ordnete sie aber nicht an, sondern beließ es bei einer Empfehlung an die Unternehmen. ZEIT ONLINE fragte daraufhin seine Leserinnen und Leser: Müssen Sie weiterhin ins Büro? Binnen Stunden schrieben uns mehr als 1.000 Menschen. In den meisten Fällen lautet ihre Antwort: Ja. Mehr noch: Ein Großteil der Befragten fühlt sich gegen den eigenen Willen dazu gedrängt. In diesem Artikel dokumentieren wir 50 der Erfahrungsberichte.
Die Methoden, mit denen Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden trotz Pandemie ins Büro zwingen, sind den Berichten zufolge vielfältig. Mal werden Arbeitsmittel zurückgehalten, mal erhalten Mitarbeiterinnen abfällige Kommentare, wenn sie Homeoffice einfordern. Oder der Vorgesetzte schweigt. Viele schreiben, dass sie nicht einmal erfahren, warum sie nicht von zu Hause aus arbeiten dürfen. Manche fürchten gar negative Konsequenzen, sollten sie sich gegen die Entscheidung der Arbeitgeberin auflehnen. Einige wenige haben selbst Konsequenzen gezogen und gekündigt.
Nicht immer sind es die Arbeitgeber, die auf eine Präsenzkultur bestehen. Manchmal setzen sich auch die Mitarbeitenden gegenseitig unter Druck. "Man möchte nicht der eine Individualist sein, der nicht im Büro erscheint", schrieb uns ein Ingenieur. "Wenn ich nicht mit meinen Kollegen Mittagessen gehe, gelte ich als unsozial", erzählte ein Architekt. Seine Kollegen hielten ihn bereits für einen Hypochonder. Einige Mütter schrieben, sie fürchteten als weniger belastbar abgestempelt zu werden als ihre Kollegen. Deshalb schleppten sie sich trotz der Mehrfachbelastung ins Büro.
Generell haben viele Leserinnen und Leser wenig Verständnis dafür, dass die Bürger zwar private Kontakte reduzieren und ihre Kinder zu Hause betreuen sollen, gleichzeitig aber gezwungen werden, durch die halbe Stadt zu fahren, um in Großraumbüros an Meetings – und teils auch ohne Maske – teilzunehmen.
Mit der Unzufriedenheit in der Bevölkerung steigt der Druck auf Politik und Unternehmen, verbindliche Regeln für die Arbeit im Homeoffice zu schaffen. Für den heutigen Mittwoch hat der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) einen Homeoffice-Gipfel mit Wirtschaft und Gewerkschaften einberufen. Am Dienstag forderte bereits Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eine Möglichkeit für Beschäftigte, von zu Hause aus zu arbeiten – "und zwar sofort". Auch die Grünen haben das Thema aufgegriffen: Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt schlug Bußgelder für Arbeitgeber vor, die uneinsichtig seien und ohne Grund Präsenz am Arbeitsplatz einforderten. Die FDP kritisierte Rechtsunsicherheit für Arbeitgeber. "Millionenfach werden Unternehmen und Beschäftigte in rechtliche Grauzonen gedrängt. Moderne und praktikable Lösungen für mobiles Arbeiten sucht man vergebens", sagte der Arbeitsmarktpolitiker Johannes Vogel.
Einer unserer Leser – ein Designer – berichtete uns, sein Team sei vor Weihnachten einfach geschlossen ins Homeoffice gegangen und dort geblieben, obwohl der Chef das nicht wollte. "Es fühlte sich an wie Meuterei", schrieb er. Er wünscht sich von der Politik klare Regeln, damit nicht die Angestellten das volle Risiko für ihre Entscheidungen tragen müssen.