Die Lage in den Krankenhäusern sei "leider sehr, sehr ernst", sagte Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts, am vergangenen Freitag. Wenige Tage zuvor sprach Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, hingegen davon, dass es "eine Überlastung unseres Gesundheitssystems oder gar Triage in den kommenden Wochen nicht geben" würde. Bilder wie in Bergamo seien unrealistisch, der Schutz der Bevölkerung sei gewährleistet, immerhin gebe es Reservebetten, auf die man zurückgreifen könne. Während der eine warnt, entwarnt der andere. Wie ernst ist die Lage auf den Intensivstationen wirklich?

Ein Blick auf die Statistik des Intensivbettenregisters zeigt: Die Lage ist ernst, aber sie war bereits ernster. Und in nur wenigen Wochen könnte sie ernster denn je werden. Aktuell werden in Deutschland 4.662 Menschen mit einer Covid-19-Infektion auf Intensivstationen versorgt – der höchste Wert seit Ende Januar. Seit Jahresanfang steigt die Zahl kontinuierlich und liegt heute deutlich höher als noch im ersten Lockdown. Damals erreichte die Belegung der Intensivstationen mit 2.895 Patientinnen und Patienten Ende April ihren Höhepunkt. Von Belegungszahlen wie kurz nach Weihnachten scheinen die Intensivstationen noch etwas entfernt, doch der Trend zeigt in Richtung Überlastung.

Christian Karagiannidis, Leiter des Divi-Bettenregisters, das täglich die Zahl der belegten Intensivbetten ermittelt, warnt deshalb: "Liebe Entscheidungsträger, wie hoch sollen die Zahlen denn noch steigen bevor Ihr reagieren wollt?" Karagiannidis weist dabei auf eine Divi-Prognose hin, die ohne einen verschärften Lockdown bis Ende April in den Folgewochen etwa 6.800 Covid-Patientinnen auf Intensivstationen erwartet – ein nie dagewesener Wert, der das Gesundheitssystem endgültig überlasten würde. Virologe Christian Drosten teilt diese Prognose und ergänzt via Twitter: "Dies ist ein Notruf."

Aktuell sind bundesweit noch 16 Prozent der Intensivbetten frei und können theoretisch mit neuen Corona-Patientinnen und -Patienten belegt werden. "Doch diese Zahl ist trügerisch", warnt Intensivmediziner Dominik Scharpf, der in Heilbronn in einer Klinik arbeitet. Eine Intensivstation gelte schon als überbelegt, wenn mehr als 80 Prozent der Betten besetzt seien. Denn 20 Prozent der Betten sollen Kliniken für akute Notfälle bereithalten: für Unfallopfer, für Patientinnen und Patienten mit plötzlichen Komplikationen, für diejenigen, die aus der Notaufnahme kommen und nirgends anders behandelt werden können.

Offiziell sind Kliniken bereits überbelegt

Wenn nun also bundesweit 84 Prozent der Intensivbetten besetzt sind, seien viele Kliniken längst überbelegt. In einigen Städten und Gemeinden ist die Lage besonders kritisch. In Berlin sind nur noch elf Prozent der Betten frei, in Karlsruhe sechs Prozent und in Köln nur fünf Prozent.

Das Problem: Die Corona-Patientinnen werden immer jünger, jetzt wo die Älteren der Gesellschaft teilweise geimpft sind und es nicht mehr wie im Frühjahr zu vermehrten Ausbrüchen in Pflegeheimen kommt. Stattdessen sorgt die hoch ansteckende Mutante dafür, dass nun mehr jüngere Menschen schwer erkranken. Sie haben deutlich längere Liegezeiten als ältere Erkrankte, schlicht weil sie seltener oder später sterben, was letztendlich dazu führt, dass Intensivstationen nun mehr Menschen behandeln müssen als in der ersten Phase der Pandemie. "Auch bei uns liegen nun einige unter 40-Jährige", sagt Scharpf. Es sei absurd zu glauben, dass man diese Patienten nun quer durch Deutschland in weniger überlastete Krankenhäuser fliegen könne. Viele Erkrankte würden das nicht überstehen, der Aufwand sei groß. Außerdem müsse es ohnehin darum gehen, in möglichst vielen Fällen zu verhindern, dass überhaupt jemand auf der Intensivstation landet. "Wer hier behandelt werden muss, trägt sehr oft Langzeitschäden mit sich", sagt Scharpf.

Ohne Operationen abzusagen, geht es nicht

Weil die Patientenzahlen weiter steigen, bleibt den Kliniken – auch der in Heilbronn – nichts anderes übrig, als planbare Operationen abzusagen. "Es werden nun etliche Eingriffe verschoben", sagt Scharpf. Tumoroperationen würden sie hingegen nicht verschieben und bestmöglich versuchen, dafür zu sorgen, "dass Patienten ohne Covid-19 nicht unterversorgt werden". Doch das sei schwierig, weil sich durch Verschiebungen letztendlich die Versorgung dieser Patientinnen und Patienten verschlechtere. "Die Wartezeit ist für einige Patienten belastend, sowohl körperlich wie auch psychisch", sagt Scharpf. Jeder verschobene Eingriff muss irgendwann nachgeholt werden, je später, desto schlechter für die Patientin. Gleichzeitig staut sich dadurch für das Personal mehr Arbeit auf. Die Zeit nach der Pandemie dürfte für Medizinerinnen und Pflegekräfte nicht weniger stressig werden als die aktuelle, wenn dann plötzlich eine Vielzahl an Behandlungen nachgeholt werden muss.

Auch an der Charité in Berlin sind die Intensivstationen bereits so voll, dass die Klinik nun planbare Operationen absagt. Damit will sie mehr freie Betten schaffen, aber vor allem das Personal entlasten. "Viele hier arbeiten seit einem Jahr an ihren persönlichen Grenzen", sagt Alexander Eichholtz, gelernter Krankenpfleger und Personalrat der Charité. Schon vor der Krise habe es bundesweit einen eklatanten Mangel an Pflegekräften gegeben, auch in der Intensivpflege. Zwar sei die Lage für das Personal nun besser als im vergangenen Jahr, weil es größtenteils geimpft sei und es dadurch zu weniger Ausfällen kommen würde, doch das entlaste die Mitarbeitenden nur bedingt.

Es fehlt geschultes Personal

Vielmehr beobachtet Eichholtz die enorme emotionale Belastung der Angestellten. "Jeder Tote ist nicht nur einer zu viel für die Angehörigen, sondern auch für die Pflegekräfte, die das Sterben hundertfach erleben", sagt er. Gleichzeitig seien die Pflegekräfte und Ärzte, wie alle anderen auch, von der Pandemie, den Einschränkungen des Privatlebens und den Ängsten der eigenen Familien betroffen.

Deshalb helfe es auch nur bedingt, nun Operationen abzusagen und andere Beschäftigte wie Dermatologen oder Kinderkrankenpfleger auf Corona-Stationen zu verlegen. "Das ist zwar medizinisches Personal, aber keines, das ausreichend geschult ist für eine Intensivstation", sagt Eichholtz. Nicht ohne Grunde würde jede Fachkraft dort arbeiten, wo sie sich am besten auskenne. Ein Einsatz abseits der eigenen Station könne schwierig und belastend sein. Auch deshalb ärgere er sich über die Aussagen des Vorsitzenden der Krankenhausgesellschaft. Seine Worte würden die Situation verharmlosen. Eher kann sich Eichholtz mit den Warnungen von Gernot Marx, Präsident der Intensivmediziner in Deutschland, identifizieren. Vor wenigen Tage sagte der mit Blick auf die Prognosen: "Es brennt, die Lage ist wirklich sehr dramatisch." Schon in einer Woche könnten bundesweit alle Intensivbetten belegt sein. Wenn die Politik nicht handelt, wäre dann auch eine Triage in Deutschland denkbar.

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