Es gibt eine neue Zielgruppe auf dem Markt: Frauen, die wenig Ahnung von Finanzen haben. Start-ups wie Heyfina oder Financery adressieren mit ihren Apps eine ausschließlich weibliche Nutzerinnenschaft, die Zeitschrift Brigitte veröffentlichte im Sommer den "großen Finanz-Guide für Frauen", seit September bringt der Hamburger Emotion Verlag die Frauenzeitschrift Finanzielle auf den Markt. Und Autorinnen wie die Journalistin Christiane von Hardenberg veröffentlichten in diesem Jahr Finanzratgeber, die sich explizit an Frauen richten – obwohl die darin zusammengeschriebenen Informationen für Männer und Frauen gleichermaßen relevant sind.
Eine neue Zielgruppe entsteht, weil Menschen ein Produkt angeboten wird, von dem sie oft nicht einmal wussten, dass sie es gebrauchen können. Jetzt, behelligt durch das neue Angebot, sollen sich viele Frauen also fragen: Sind diese neuen Ratgeber, Magazine und Apps möglicherweise doch relevant für mich? Wieso besitze ich eigentlich keine Aktien? Verdiene ich genügend Geld, um der Altersarmut zu entkommen? Könnte ich mir eine Eigentumswohnung leisten? Man könnte schimpfen, dass Frauen es nun wirklich nicht nötig haben, als eigene Zielgruppe angesprochen zu werden. Schließlich gibt es bereits zahlreiche Ratgeber, YouTube-Videos, Zeitungsartikel, Podcasts oder Blogeinträge zum Thema Geldanlage und Altersvorsorge.
Tatsächlich ist es aber sinnvoll. Die bislang vorhandenen Angebote scheinen vielen Frauen nicht weitergeholfen zu haben. Denn sie wissen, verglichen mit Männern, immer noch weniger über Finanzen. Das zeigte erst kürzlich wieder eine repräsentativen Studie der Finanztip Stiftung, für die mehr als 3.000 Menschen im Alter von 16 bis 69 Jahren befragt wurden. Demnach beschäftigen Frauen sich seltener mit ihrer Geldanlage, sie kennen häufiger Begriffe wie Dispozinsen oder den Zinseszinseffekt nicht. Die Erklärung der beteiligten Forschenden: Frauen verdienen nach wie vor weniger Geld als Männer, deswegen können sie auch weniger investieren und Erfahrungen sammeln.
Wer wenig Geld besitzt, muss sich umso besser mit Finanzen auskennen
Dabei sollte es doch genau andersherum sein: Wer weniger Geld verdient, sollte sich erst recht um seine Geldanlage und Altersvorsorge kümmern. Spätestens wenn die Rente gezahlt wird, haben viele Frauen in Deutschland ein Problem. Meistens bekommen sie weniger ausgezahlt als Männer, da sie häufiger in Teilzeit arbeiten, längere Elternzeiten für die Kinder nehmen – oder sogar über Jahre hinweg gar nicht berufstätig sind, während der Partner weiterhin Karriere macht und sein Einkommen erhöht. Frauen leben deswegen häufiger im Alter verarmt.
Wer mit einer niedrigen Rente rechnen muss, für den wird die private Altersvorsorge umso wichtiger. Und hier sind wir wieder bei der Geldanlage, um die sich viele Frauen den Zahlen zufolge nicht kümmern. Etwa zwei Drittel der Aktienbesitzer sind männlich, Frauen haben seltener einen Sparplan und gelten als weniger risikofreudig. Laut einer Studie der Schweizer Bank UBS kümmern sich in einer Beziehung meistens die Männer um die langfristige Geldvorsorge. Schuld sind die Frauen daran nur teilweise, denn oft werden sie bei diesem Thema schon in ihrer Kindheit benachteiligt. Studien zeigen, dass Eltern mit Töchtern seltener über Geld sprechen als mit Söhnen. Außerdem bekommen Mädchen weniger Taschengeld. Schon Mütter und Väter manifestieren also den Unterschied beim Finanzwissen zwischen den Geschlechtern.
Und die Diskriminierung hört auch im Erwachsenenalter nicht auf: Da wird Frauen Werbung von Finanzanbietern angezeigt, die sich an Männer richtet, wie Alexandra Niessen-Ruenzi, Ökonomin an der Universität Mannheim, in ersten Ergebnissen für ihre aktuelle Forschung herausfand. Andere Studien zeigen, dass Bankberater und Bankberaterinnen Frauen oft andere Angebote mit höheren Gebühren verkaufen als Männern.
Frauen müssen ermutigt werden
Wer sich gut mit Geldanlage auskennt, muss sich das alles nicht bieten lassen. Zwar gibt es keine Form der Anlage, die für Frauen besser ist als für Männer oder andersherum. Beide können mit denselben Strategien Geld verdienen – oder verlieren. Doch Frauen müssen ermutigt werden, sich um ihr Erspartes zu kümmern, es clever zu investieren und so zu vermehren. Vielleicht gelingt das mit den neuen Ratgebern, Apps und Magazinen. Endlich.