Kurz vor fünf Uhr ging Amir in die Moschee, um zu beten. Er ließ den Laufburschen Ali allein zurück mit dem Auftrag, um sechs die Rollläden des Ladens zu schließen. Es war das erste Mal, dass er dem Jungen eine solch verantwortungsvolle Aufgabe übertrug. Er tat es nicht gerne. In geschäftlichen Dingen verließ sich Amir am liebsten auf sich selbst. Normalerweise kehrte er nach dem Fünf-Uhr-Gebet auch in den Laden zurück, aber diesmal gedachte er, länger in der Moschee zu bleiben. Für das, was er vorhatte, schien ihm das Gebet wichtiger zu sein als sein Geschäft. Am Abend nämlich würde er die Hinkende besuchen. Dafür, dachte er, brauche ich den besonderen Schutz Gottes.

Amir betrat den Innenhof der Moschee. Er vollzog die rituellen Waschungen mit großer Sorgfalt und folgte still und in sich gekehrt den anderen Gläubigen. Amir versuchte, konzentriert zu beten, aber es gelang ihm nicht. Er strengte sich an. Er murmelte seine Gebete. Er berührte mit der Stirn den Boden, er bat Gott um Gnade, um Nachsicht und Geduld. Dabei fühlte er sich leer und hohl. Als durchschaue ihn Gott, als wüsste er, dass es Amir an diesem Abend nicht ernst war mit seinen Bitten, da sie nur einem einzigen Zweck dienten.

Früher als er vorgehabt hatte, verließ er die Moschee. Er huschte hinaus auf die Straße. Es war Frühherbst und es dämmerte bereits. Eine Zeitlang stand er ratlos da, betrachtete die Passanten, die vorbei eilten. Eine Stille lag in der Luft, die ihm ungewöhnlich schien. Ein seltsames Gefühl erfasste ihn, nicht Angst, sondern Bangigkeit. Er holte tief Luft und setzte sich wieder in Bewegung. Er ging nicht in den Laden, sondern nach Hause, zu seiner Frau Fatimeh und seinem Sohn Reza. Die beiden waren überrascht, ihn zu dieser Stunde, es war noch nicht sechs Uhr abends, zu sehen. Normalerweise kam er zwischen sieben und acht nach Hause. "So früh heute?", fragte ihn Fatimeh.

"Ja, ja …", antworte er nur.